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Mehr Digitalisierung wagen – für die Kinder

Die Corona-Pandemie hat deutlich gemacht, wie wichtig ein Masterplan für eine sichere, digitale Schule ist. Ein Gastbeitrag.

Prof. Dr. Christoph Meinel, Direktor des Hasso-Plattner-Instituts für Softwaresystemtechnik, kämpft für eine bessere digitale Schule.
Prof. Dr. Christoph Meinel, Direktor des Hasso-Plattner-Instituts für Softwaresystemtechnik, kämpft für eine bessere digitale Schule. © kay herschelmann

Von Christoph Meinel

Deutschland befindet sich im zweiten harten Lockdown. Schülerinnen und Schüler, Eltern und das gesamte Schulsystem stehen erneut vor enormen Herausforderungen. Und mit ihnen die Lernplattformen, die den Distanzunterricht gewährleisten sollen. In den vergangenen Wochen hielten gleich mehrere Systeme dem großen Ansturm nicht stand. Bundesweit kam es zu Ausfällen bei den vielen unterschiedlichen Lernplattformen, die in den einzelnen Bundeländern im Einsatz sind. Auch die sächsische Landesplattform LernSax hatte mit längeren Ausfällen zu kämpfen.

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Zugegeben – die aktuellen Schulschließungen stellen eine Ausnahmesituation dar. Digitaler Unterricht wird den Präsenzunterricht nicht dauerhaft ersetzen, sondern sinnvoll ergänzen. Deutlich geworden sind jedoch die Versäumnisse der vergangenen Jahre, für die nun die Quittung präsentiert wird. Trotz milliardenschwerer Förderprogramme des Bundes mangelt es vielerorts an durchdachten Konzepten für digitales Lernen. Und weitgehend fehlt ein gemeinsames Verständnis, dass offene und gemeinsam genutzte digitale Plattformen wichtige Synergien schaffen und zukunftsfähig vor allem einheitliche Infrastrukturen sind, die auf modernen, flexibel skalierbare Cloudsystemen basieren.

Der deutsche Bildungsföderalismus hat die Digitalisierung der Schulen ausgebremst. Lange wurde allein darüber diskutiert, wer überhaupt für die Digitalisierung verantwortlich ist – der Schulträger oder das Land. Anstatt Ideen und Investitionen zu bündeln, haben sich viele Schulen, Gemeinden oder Länder selbst auf den Weg gemacht und eigene Lernsysteme konzipiert oder eingekauft und oft sogar verschiedene Systeme miteinander kombiniert. Das Ergebnis ist ein Flickenteppich unterschiedlicher „dezentraler“ Lösungen“, bei denen oft nicht einmal eindeutig geklärt ist, ob sie den gesetzlichen Regelungen im Datenschutz entsprechen.

Einheitlichen Infrastrukturen und Lernplattformen

Die föderale Bildungshoheit ist zu respektieren. Sie darf jedoch nicht zulasten eines leistungsfähigen digitalen Schulwesens gehen und die Vorteile einer einheitlichen Infrastruktur ignorieren: Nachhaltige und belastbare digitale Infrastrukturen sind in ihrer Entwicklung kostspielig und können nur für sehr viele Nutzende effizient betrieben werden. Sie erlauben eine schul- und länderübergreifende Zusammenarbeit, können von IT-Fachleuten professionell administriert werden und berücksichtigen die Bildungshoheit der Länder, die über die Plattform den Schulen eigene Inhalte zur Verfügung stellen können.

Und solche einheitlichen Lernplattformen gibt es, zum Beispiel die HPI Schul-Cloud, die wir am Hasso-Plattner-Institut mit Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung als gemeinnütziges Open-Source-Projekt seit 2017 entwickeln. Sie ermöglicht den nutzerfreundlichen und datenschutzkonformen Einsatz digitaler Lernmittel und -inhalte, bietet Schnittstellen zu Tools und Programmen verschiedenster Anbieter und stellt alle für den digitalen Unterricht erforderlichen Funktionalitäten bereit. Neben Office-Paket, Messenger, Dateiablage, Design Thinking Board sowie einer integrierten Nutzerverwaltung verfügt sie mit BigBlueButton über ein verlässliches Videokonferenzsystem, das gerade in Zeiten von Distanzunterricht ein wichtiges Instrument ist, um den persönlichen Austausch aufrechtzuhalten.

Mehr Innovation und weniger Regulation

Natürlich geht es nicht darum, den Präsenzunterricht komplett ins Digitale zu verlegen. Schließlich ist die Schule ein wichtiger Ort sozialer Interaktion. Mit der Digitalisierung bieten sich Lehrkräften vielmehr neue Möglichkeiten der Unterrichtsgestaltung, die nicht nur bei Schulschließungen zum Einsatz kommen. Die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler kann vertieft und ihre Medienkompetenz gefördert werden, damit sie in einer zunehmend digitalisierten Welt selbstbestimmt agieren können. Und dafür braucht es Mut. Zu mehr Innovation und weniger Regulation.

Wir Deutschen tendieren dazu, alles bis ins kleinste Detail regulieren und planen zu wollen – so aber würgen wir Innovationen ab. Andere Nationen dagegen fangen einfach an und lernen beim Erproben – Beispiele wie Dänemark und Estland zeigen, wie es gehen kann. Hierzulande verstricken wir uns in theoretischen, oft ideologischen Erörterungen, anstatt loszulegen und zu schauen, was funktioniert und was nicht. Nach dem Motto „Mehr Digitalisierung wagen!“ müssen wir den digitalen Raum aktiv mitgestalten.

Sonst tun es andere – etwa Technologiekonzerne aus den USA oder China. Gerade in einem zentralen staatlichen Zuständigkeitsbereich wie dem Schulwesen wäre es verfehlt, die Souveränität über sensible Schülerdaten der Verantwortung kommerzieller Anbieter zu überlassen. Stattdessen brauchen wir ein Umdenken nach dem Prinzip „Public Money – Public Code“. Staatliche Investitionen in den Ausbau offener Systeme und bundesweiter digitaler Infrastrukturen sowie der Einsatz von Open-Source IT-Lösungen sind notwendig, die Souveränität Deutschlands im digitalen Raum zu sichern.

Auf dem Weg zu einer sicheren digital unterstützen Schulbildung sind noch viele Hürden zu nehmen: flächendeckende Breitband-Internetanbindung, WLAN in den Klassenräumen, adäquate Geräteausstattung – aber all das reicht noch nicht aus. Es braucht mehr: einen gemeinsamen Masterplan, wie alle Schulen bei der Digitalisierung mitgenommen werden können, wie wir das pädagogische Potenzial digitaler Lernplattformen erschließen und die Lehrkräfte befähigen, die junge Generation auf eine zunehmend digitale Welt vorzubereiten. Die Pandemie hat die Augen geöffnet, ein Anfang ist gemacht. Die Zukunft der digitalen Schule hat begonnen. Deutschland muss den Weg nun konsequent und beherzt in großen Schritten weiter gehen. Gemeinsam.

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Prof. Dr. Christoph Meinel ist seit über 15 Jahren Direktor des Hasso-Plattner-­Institutes (HPI) für Digital Engineering und seit 1992 Inhaber des Lehrstuhls für ­Internet-Technologien und Systeme. Das HPI ist das führende Exzellenzzentrum für ­Digitalisierung in Deutschland. Unter Leitung des gebürtigen Sachsen wird seit 2016 am Institut die HPI Schul-Cloud mit Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung entwickelt.

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