merken
PLUS Sachsen

Mehr Mitarbeiter für Sachsens Gesundheitsämter

Vor der Coronakrise führten die Gesundheitsämter in Sachsen ein Schattendasein. Das hatte Folgen bei der Pandemiebekämpfung.

Soldaten der Bundeswehr haben wie hier in Görlitz in den Hochzeiten der Pandemie die Landkreise und Städte bei der Nachverfolgung von Corona-Kontaktketten unterstützt.
Soldaten der Bundeswehr haben wie hier in Görlitz in den Hochzeiten der Pandemie die Landkreise und Städte bei der Nachverfolgung von Corona-Kontaktketten unterstützt. © André Schulze

Dresden. Über die Gesundheitsämter ist seit Ausbruch der Corona-Pandemie viel gespottet worden. Mit Papier, Stift und Faxgerät kämpfe der öffentliche Gesundheitsdienst in Deutschland gegen die Seuche, kritisieren Politiker und Ärzte seit Frühjahr 2020. In der zweiten und in der dritten Welle kamen die Mitarbeiter trotz Unterstützung von Bundeswehrsoldaten und anderen Behörden bei der Nachverfolgung von Kontaktpersonen kaum hinterher. Infizierte berichteten, positive Testergebnisse hätten sie erst nach Wochen erreicht, eine Kontrolle der Quarantänevorschriften finde nicht statt.

Die kommunalen Gesundheitsämter waren schlecht gerüstet, räumte Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) am Dienstag ein. Für die Landräte hätten diese in der Vergangenheit keine besondere Bedeutung gehabt. Bei der Ausstattung seien sie entsprechend kurz gehalten worden.

Anzeige
So meistert Ihr die internationale Zukunft
So meistert Ihr die internationale Zukunft

Im Herzen Europas ausgebildet für alle Aufgaben im Rest der Welt: Die Hochschule Zittau/Görlitz setzt mit einem neuen Studiengang Maßstäbe.

Mit erheblichen Investitionen in Personal und Technik wollen Bund und Länder die Gesundheitsämter nun aus ihrem Schattendasein herausholen. Vier Milliarden Euro stellt der Bund den Ländern bis 2026 zur Verfügung. Auf Sachsen entfallen 147 Millionen Euro. Davon will die Landesregierung 131 Millionen Euro für Personal ausgeben, die restlichen 16 Millionen Euro fließen in die Digitalisierung und Modernisierung der Ämter. Das teilte Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) am Dienstag nach der Kabinettssitzung mit.

Die ersten 75 Stellen werden in diesem Jahr geschaffen, davon 68 in den 10 Landkreise und den drei kreisfreien Städten. Die Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen wird um sechs Stellen erweitert, die Landesdirektion uist mit einer Stelle auch dabei.

175 neue Stellen im kommenden Jahr

Im nächsten Jahr kann der öffentliche Gesundheitsdienst sogar mit 175 neuen Stellen rechnen – eine insgesamt spürbare Größenordnung, wie Köpping sagte. Bei den Amtsärzten gehe es aber auch um eine bessere Bezahlung. Die Gesundheitsämter konkurrieren als Arbeitgeber mit Kliniken, Pharma-Unternehmen und Praxen. Sie müssten deshalb ihre Attraktivität für die Bewerber verbessern, sagte die Ministerin.

Bei der Besoldung setzen die Tarifverträge zwischen Kommunen und Gewerkschaften allerdings enge Grenzen. Bund und Länder haben deshalb vereinbart, im Rahmen des Besoldungsrechts finanzielle Anreize anzubieten und sich dazu die Zustimmung der kommunalen Spitzenverbände einzuholen.

Die Hoffnung der Politik ruht auch auf dem Nachwuchs. Medizinstudenten sollen während der Ausbildung die Arbeit des öffentlichen Gesundheitsdienstes kennenlernen. In der Vereinbarung von Bund und Ländern findet sich zudem die Absicht, mit einer öffentlichkeitswirksamen Kampagne in den nächsten Jahren das negative Image der Gesundheitsämter zu verbessern.

Amtsärzte kurz vor der Rente

Die Landesärztekammer fordert zudem die Einbeziehung von Lehre und Forschung in die Bemühungen. An den Universitäten Leipzig und Dresden solle je ein Lehrstuhl oder mindestens eine Professur „Öffentlicher Gesundheitsdienst“ eingerichtet werden, um den Nachwuchs fachlich auszubilden. Ihren Wunsch adressierten sie auf ihrem Landesärztetag Mitte Juni direkt an Köpping, die dort den Ball sofort an Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow (CDU) weiterspielte.

Aus Sicht der Amtsärzte ist die Weiterbildung ein mindestens ebenso großes Thema. In den 13 Gesundheitsämtern in Sachsen seien nur vier Mitarbeiter für Weiterbildungsangebote zuständig, die zudem in den nächsten Jahren altersbedingt aus dem Dienst ausscheiden würden, sagte Harald Uerlings, Landesvorsitzender der Ärzte und Zahnärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes Sachsen. Der hohe Altersdurchschnitt stelle die Ämter in den nächsten Jahren insgesamt vor große Probleme.

Es ist klar, dass die enormen finanziellen Mittel, die nun in die Gesundheitsämter fließen, vor allem langfristig wirken. Sollte es im Herbst zu einer vierten Welle kommen, werden die Behörden wie bisher auf Freiwillige und Helfer aus der Bundeswehr angewiesen sein, um Kontaktpersonen von Infizierten ausfindig zu machen und Quarantänevorschriften durchzusetzen. Auch die einheitliche digitale Kommunikation ist noch nicht gewährleistet.

Weiterführende Artikel

Corona: Inzidenz in Sachsen sinkt auf 6,3

Corona: Inzidenz in Sachsen sinkt auf 6,3

Leipzig drohen schärfere Regeln wie in Dresden, Forderungen nach mehr Impf-Anreizen, 2.400 neue Fälle in Deutschland, Inzidenz steigt auf 16,9 - unser Newsblog.

Diese Corona-Regeln gelten in Sachsen

Diese Corona-Regeln gelten in Sachsen

Keine Kontaktbeschränkungen, eingeschränkte Masken- und Testpflicht: Die aktuellen Corona-Regeln in Sachsen bleiben zunächst bestehen. Der Überblick.

Corona: Merkel lehnt eine Impflicht ab

Corona: Merkel lehnt eine Impflicht ab

Bundeskanzlerin Angela Merkel lehnt eine Impfpflicht, wie Frankreich sie ankündigt, ab. Gleichzeitig appelliert die Kanzlerin erneut, sich impfen zu lassen.

Die größeren finanziellen Tranchen überweist der Bund auch erst in den nächsten Jahren. So sollen 2023 bundesweit 500 Millionen verteilt werden. In den nächsten drei Jahren sind weitere zwei Milliarden Euro geplant. Ob das Geld dann tatsächlich zur Verfügung steht, hängt von der künftigen Bundesregierung ab.

Mehr zum Thema Sachsen