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"Auch Junge sterben an Corona"

Meißens Krematoriumschef Jörg Schaldach kennt die endgültigen Fakten zur Pandemie und macht sich seine eigenen Gedanken.

Angesichts steigender Zahlen von Corona-Toten steht die Branche von Krematoriumschef Jörg Schaldach in Meißen derzeit unter besonderer Beobachtung.
Angesichts steigender Zahlen von Corona-Toten steht die Branche von Krematoriumschef Jörg Schaldach in Meißen derzeit unter besonderer Beobachtung. © Claudia Hübschmann

Meißen. Vor der Anlieferung des Meißner Krematoriums hält ein heller Transporter mit Freitaler Kennzeichen. Eine junge Frau in Arbeitsjacke springt heraus und öffnet selbst das Doppeltor. Dann fährt sie näher heran, damit das Ausladen des Sarges leichter wird.

"Normaler Betrieb", sagt der Geschäftsführer des Städtischen Bestattungswesens Meißen, Jörg Schaldach. Er weiß, dass seine Branche derzeit besonders unter Beobachtung steht. Mit 487 Corona-Toten deutschlandweit wurde diese Woche ein Höchstwert erreicht. Vielen Menschen sind noch die Bilder gegenwärtig, als im März das italienische Militär beim Abtransport von Corona-Toten aus der lombardischen Stadt Bergamo half. Das dortige Krematorium war an seine Kapazitätsgrenze gekommen.

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In Meißen kann sich Schaldach aus seiner 30-jährigen Erfahrung an derart zugespitzte Szenen nicht erinnern. Eng ist es allerdings auch in vorangegangenen Jahren mitunter geworden. Zum Beispiel 2018: Damals mussten auf dem Höhepunkt der starken Grippewelle Sonderschichten gefahren werden. Rund ein Drittel mehr Einäscherungen als im Durchschnitt kam pro Woche zusammen. Teilweise hatten die Standesämter Mühe, die vielen Sterbefälle zu beurkunden.

Dresden und Zwickau stark ausgelastet

Als Ingenieur interessiert sich der Meißner Krematoriumschef - professionell und zusätzlich privat - stark für Zahlen, Statistiken und harte Fakten. Sehr aufmerksam hat er deshalb sowohl im Frühjahr als auch während der jetzigen Welle die in seinem Krematorium ankommenden Totenscheine studiert und für sich ausgewertet. Ein Fazit, welches ihm zu denken gibt: Es treffe nicht nur Alte. Auch viele junge Menschen sterben an Corona. Fast 100 Prozent der Corona-Toten kämen zudem aus dem Krankenhaus. Er begrüßt deshalb die harten Auflagen. Nur so lässt sich aus seiner Sicht vermeiden, dass die Intensivstationen überlastet werden. Wie es dann vor der Anlieferung der Feuerhalle zugehen würde, dazu möchte wohl niemand eine Prognose abgeben. SZ-Informationen zufolge sind ähnliche Anlagen in Dresden und Zwickau derzeit deutlich stärker ausgelastet als Meißen.

Begrenzt auf den Landkreis Meißen ist aktuell keine signifikante Übersterblichkeit zu beobachten. Schaldach zufolge schwankt die Zahl der Todesfälle jährlich in einer Breite von acht Prozent um die Marke von 3.000 Verstorbenen. Wahrscheinlich aufgrund der Grippewelle waren es 2018 etwas mehr, 2019 wiederum ein bisschen weniger. Wenn sich in der Endphase des Dezembers nicht noch eine dramatische Entwicklung ergibt, dürfte 2020 nach der Prognose des Krematoriumschefs ein durchschnittliches Sterbejahr werden. Falls dies so eintreffe, sei das allerdings nur der guten Bewältigung der Pandemie in Deutschland zu danken, betont Schaldach. Es hätte durchaus anders kommen können.

Ethik-Unterricht fällt aus

Bezüglich der praktischen Arbeitsabläufe gelten derzeit in Meißen die gleichen Regeln wie bei anderen hochinfektiösen Krankheiten, zum Beispiel Tropenkrankheiten. Eine Aufbahrung der Toten verbietet sich. Der Leichnam wird mit einer Unfallhülle oder anderem geeigneten Material isoliert. Die Mitarbeiter des Krematoriums betreiben einen erhöhten Desinfektionsaufwand. Bei den Abschiedsfeiern in der Trauerhalle gelten die bekannten Auflagen.

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Jörg Schaldach ist seit 25 Jahren Chef des Krematoriums in Meißen. Seine Öfen arbeiten so energiesparend wie nirgendwo sonst im Land. Ein Besuch in der Vorhölle.

Insofern ist das Krematorium am Ende doch noch negativ von der Pandemie betroffen. Stark nachgefragt war ein Besuch der Meißner Institution in den letzten Jahren als Station im Ethik-Unterricht. Die direkte Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit ließ kaum einen Schüler unberührt. Darüber hinaus boten Schaldach und seine Mitarbeiter regelmäßig Lesungen und Vorträge zu an diesem Ort passenden Themen an. Die Feuerhalle etablierte sich als Kulturkrematorium. Angebote, die nun eingestellt werden mussten.

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