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Uniklinik-Chef: "Die gleichen Fehler wie im Frühjahr"

Diese Woche meistgelesen: Die Inzidenz sinkt, gewünscht sind Lockerungen. Dresdens Uniklinik-Chef kritisiert das: Der Maßstab für Corona-Regeln sei überholt.

Dresdens Uniklinik-Vorstand Michael Albrecht spricht sich trotz Virusmutationen nicht generell gegen Lockerungen bei den Corona-Regeln aus. Der Maßstab dafür, die Sieben-Tage-Inzidenz, greife aber zu kurz, sagt er im SZ-Gespräch.
Dresdens Uniklinik-Vorstand Michael Albrecht spricht sich trotz Virusmutationen nicht generell gegen Lockerungen bei den Corona-Regeln aus. Der Maßstab dafür, die Sieben-Tage-Inzidenz, greife aber zu kurz, sagt er im SZ-Gespräch. © dpa/Robert Michael (Archiv)

Dresden. Wird gelockert oder nicht? Geht es nach dem medizinischen Vorstand des Dresdner Uniklinikums, Michael Albrecht, ist ein neues Bewertungssystem für Corona-Regeln längst überfällig. Im SZ-Gespräch erklärt er, warum die Sieben-Tage-Inzidenz allein nicht reicht, was er über Pflegekräfte denkt, die sich nicht impfen lassen wollen, und was mit Corona-Genesenen geschehen soll, die noch lange nicht gesund sind.

Herr Professor Albrecht, Virusmutationen stehen Lockerungen entgegen. Wie sehr müssen wir uns Sorgen machen?

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Es gibt nicht nur zwei, sondern mindestens neun verschiedene Corona-Stämme. Entscheidend ist, ob diese Mutationen infektiöser sind und zu schwereren Krankheitsverläufen führen. Die britische und die südafrikanische Variante scheinen zumindest infektiöser zu sein. Ob sie schwerere Verläufe hervorbringen, ist strittig.

Rechnen Sie mit weiteren, gefährlichen Mutationen?

Durch das langsame Impfen erzeugen wir bei den Viren einen großen Selektionsdruck. Wir produzieren Mutationen damit. Ich befürchte, dass wir im Frühjahr und Sommer sehr damit beschäftigt sein werden, mit diesen Mutationen umzugehen.

Testet das Uniklinikum selbst auf Mutationen?

Wir testen seit dreieinhalb Wochen jede positive Probe auf die britische und die südafrikanische Mutation. Bisher sind es ganz wenige Fälle, bei denen wir die beiden Varianten festgestellt haben. Die britische Variante haben wir unter anderem bei einer Kollegin gefunden, die zurück aus England gekommen war. Deutschlandweit werden stichprobenartig nur 20 Prozent der positiven Proben untersucht. Das reicht natürlich nicht.

Was halten Sie vor diesem Hintergrund von Lockerungen?

Ich gehe von weiter sinkenden Fallzahlen aus. Wir sehen das an den positiven Testergebnissen. Im Dezember konnten wir das Virus noch bei 30 bis 40 Prozent aller Proben nachweisen. Jetzt liegen wir wieder im einstelligen Prozentbereich, wie im Frühsommer. Dass es deshalb Lockerungsdiskussionen gibt, verstehe ich. Was ich nicht gut finde: Wir führen die gleiche dümmliche Diskussion wie im vergangenen Frühjahr. Nach dem Prinzip: Jetzt wird alles wieder besser, jetzt öffnen wir wieder.

Was würden Sie tun?

Ich würde mir wünschen, dass ein Regelwerk aufgestellt wird, das bundesweit einheitlich gilt. Eines, dass die Inzidenz, die Intensivbetten-Auslastung und die Anzahl stationärer Corona-Patienten berücksichtigt. Dadurch wird es regionale Unterschiede bei Lockerungen geben, das ist dann eben so.

Aber zu probieren, nächsten Montag die Friseure und kleinere Bekleidungsgeschäfte zu öffnen, halte ich für schwer vermittelbar. Es wird dazu führen, dass noch mehr Menschen die Regeln nicht mehr akzeptieren werden. Denn man fragt sich: Wenn ein Friseur aufmacht, warum darf das Kosmetikstudio nicht öffnen? Warum ist die Gaststätte zu, wenn die Supermärkte offen haben? Ich glaube, es werden im Moment die gleichen Fehler gemacht, die es im Frühjahr 2020 schon einmal gab.

Sie haben die Situation im Dezember angesprochen. Wie sieht es aktuell auf den Intensivstationen aus?

Kurz vor Weihnachten war die Lage heikel. Da hatten wir in den 35 Kliniken im Cluster Dresden und Ostsachsen insgesamt etwa 1.500 Patienten auf den Corona-Stationen und 600 auf den Intensivstationen. Jetzt liegen wir bei etwa 500 Patienten auf den Corona-Stationen und 180 auf den Intensivstationen. Das ist eine deutliche Reduktion. Wobei wir im Uniklinikum noch relativ viele Intensivpatienten versorgen, da wir anderen Häusern schwierige Verläufe abgenommen haben. Wir haben weiterhin Ecmo*-Patienten im Haus, die extrem lange liegen.

Anmerkung *: Ecmo steht für ein Verfahren, bei dem das Blut außerhalb des Körpers mit so viel Sauerstoff angereichert, wie der Körper benötigt, um alle Organe am Leben zu erhalten. Es wird anschließend zurück in den Körper geleitet. Die Lunge wird quasi ersetzt.

Werden auch jüngere Patienten aufgenommen?

In der zweiten Welle ist das Durchschnittsalter der schwer Erkrankten immer weiter gesunken. Wir liegen jetzt bei etwa 60 Jahren im Durchschnitt.

Wie hoch ist die Impfbereitschaft in Ihrer Belegschaft?

Die Impfbereitschaft ist extrem hoch. Ich kann nicht bestätigen, dass in der Pflege Unwilligkeit herrscht. Wir haben jetzt etwa 2.600 Mitarbeiter erstgeimpft, die meisten davon auch schon zum zweiten Mal. Wir können und müssen mindestens noch einmal die gleiche Anzahl impfen. Das geht aber gerade nicht, weil wir keinen Impfstoff bekommen.

Sind auch Mitarbeiter geimpft worden, die nicht ganz oben auf der Prioritätenliste standen?

Es sind auch schon Mitarbeiter geimpft worden, die nicht unmittelbar gefährdet sind, weil sie mit Corona-Patienten arbeiten, oder die selbst eine Gefahr darstellen könnten, weil sie immungeschwächte Patienten versorgen. Wir haben bis Dezember zuerst diejenigen geimpft, die auf der Corona-Intensivstation, in der Corona-Ambulanz und auf der Corona-Station arbeiten. Das waren einige Hundert, das war schnell gemacht. Jetzt haben wir sukzessive die Priorität ausgedehnt.

Wie verträglich sind die Impfungen bisher gewesen?

Wir haben bei der Erstimpfung mit dem Biontech-Impfstoff extrem selten schwerere Nebenwirkungen gesehen. Dass es Reaktionen gibt, ist nicht ungewöhnlich und hat mitunter nichts mit dem Impfstoff selbst zu tun. Sie können zum Beispiel auf die Lösungsvermittler in dem Impfstoff allergisch reagieren, so wie auf alle anderen Substanzen auch. Was wir sagen können: Bei der Zweitimpfung treten Nebenwirkungen häufiger auf. Da waren mehr Kollegen dabei, die sich schlapp und müde fühlten, und auch mal einen Fieberstoß hatten. Nach einem Tag war das wieder vorbei. Ich sehe das als positive Reaktion auf den Impfstoff an.

Werden Sie Pflegekräfte, die keine Impfung wünschen, weiterhin am Patienten arbeiten lassen?

Ich persönlich sehe es so, dass ich als Arbeitgeber nicht nur die Pflicht habe, meine Mitarbeiter zu schützen, sondern auch die Patienten. Wenn sich jemand nicht impfen lassen will, auch wenn er dadurch niemanden mehr anstecken könnte, würde ich ihn eher in der zweiten Reihe sehen, ehe ich ihn mit einer Risikopopulation, einem immungeschwächten, sehr alten oder intensivpflichtigen Patienten zum Beispiel, zusammenbringe. Im Moment gibt es aber keine rechtliche Handhabe, um jemandem seine Tätigkeit zu verweigern. Außerdem sind im Moment bei weitem nicht alle geimpft, die sich impfen lassen wollen.

Gibt es neben den Impfungen auch Medikamente, die Hoffnung versprechen? Nutzen Sie Antikörper-Präparate?

Ja, das Uniklinikum hat im Vorfeld auch an der Entwicklung mitgearbeitet. Wir haben Antikörper aus Patienten- und Mitarbeiter-Seren gewonnen, die schon eine Infektion durchgemacht haben. So eine Therapie kann sehr sinnvoll sein, wenn man sie zum richtigen Zeitpunkt beginnt. In dem Moment, wo Covid-19 zu einem selbständigen Krankheitsbild geworden ist, bei dem die Blutgerinnung aussteigt und so ziemlich jedes Organ betroffen ist, können Sie damit aber auch nichts mehr erreichen.

Eine weitere Frage ist, wie man sich um Genesene kümmert, die noch immer Folgeerscheinungen haben.

Es wird eine Post-Covid-19-Patientenpopulation geben, die nach ihrer Infektion langfristig behandelt werden muss. Wir bemühen uns, solch eine Behandlung am Dresdner Uniklinikum interdisziplinär aufzubauen. Nach meiner Einschätzung haben etwa 35 Prozent längerfristige Beschwerden. Das sind zum Beispiel neurologische Störungen wie Geschmacks- oder Geruchsverlust, die Wochen oder länger anhalten. Bei der Lunge ist es offensichtlich. Nach der Beatmung kann es sein, dass die Leistungsfähigkeit der Lunge nie mehr völlig zurückkehren wird.

Auf Sächsische.de möchten wir ganz unterschiedliche Erfahrungsberichte von Corona-Infizierten aus Dresden teilen. Wenn Sie die Erkrankung bereits überstanden haben und uns davon erzählen möchten, schreiben Sie uns an [email protected]ächsische.de.

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