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Milliarden Überstunden im Corona-Jahr

In Pandemie-Zeiten finden Kurzarbeit und Mehrarbeit nebeneinander statt. Arbeiten die Sachsen jetzt weniger?

So lassen sich Überstunden erfassen: Obwohl voriges Jahr viele Betriebe Kurzarbeit ansetzten, sank der Anteil der Überstunden am Arbeitsvolumen kaum.
So lassen sich Überstunden erfassen: Obwohl voriges Jahr viele Betriebe Kurzarbeit ansetzten, sank der Anteil der Überstunden am Arbeitsvolumen kaum. © Jan Woitas/dpa

Dresden. Trotz Corona-Pandemie haben die Beschäftigten in Deutschland im vergangenen Jahr 1,67 Milliarden Überstunden geleistet. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervor.

Zwar ist die Zahl der Überstunden im Vergleich zum Jahr davor gesunken, wie die Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigen. 2019 hatten sich die Überstunden noch auf 1,86 Milliarden summiert, also 190 Millionen Stunden mehr. Doch beim Anteil der Überstunden am Arbeitsvolumen hat sich wenig getan: 3,2 Prozent. Das waren nur 0,3 Prozentpunkte weniger als im Jahr zuvor.

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Mehr als die Hälfte der Überstunden waren unbezahlt. Die Linke-Abgeordnete Jessica Tatti, die die Zahlen angefordert hatte, sagte: „Die Beschäftigten haben mehr Arbeit auf dem Tisch, als sie in der vertraglichen Arbeitszeit schaffen können.“ Jahr für Jahr leisteten sie Überstunden zum Nulltarif. So sparten die Arbeitgeber „jährlich zweistellige Milliardenbeträge an Lohnkosten“.

Anja Piel vom Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) sprach von einem andauernden Ärgernis. Die Anzahl der Überstunden bleibe seit Jahren auf einem hohen Niveau, sagte Piel. „Das ist nichts anderes als Lohndiebstahl."

Wie entstehen so viele Überstunden?

IAB-Arbeitsmarktforscher Enzo Weber sagte: „Man hätte annehmen können, dass die Überstunden im Krisenjahr ins Bodenlose fallen.“ Es gebe aber Gründe, warum das nicht geschehen sei. Der Rückgang bei bezahlten Überstunden – etwa in der Produktion – sei deutlich größer gewesen.

Unbezahlte Überstunden würden oft von Führungskräften geleistet, sagte Weber. „Hier gab es kaum Gründe für weniger Arbeit – oft im Gegenteil“, so der Forscher, „hier musste viel Krisenmanagement geleistet werden.“ Auch der Beschäftigungsexperte Holger Schäfer vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sagte, dass vor allem Akademiker und Fachkräfte in Leitungsfunktionen unbezahlte Überstunden machen. Häufig beruhe dies auf Vereinbarungen mit den Unternehmen und einem flexiblen Einsatz.

„Der Einbruch durch die Pandemie wurde in den allermeisten Fällen nicht durch den Abbau von Überstunden- oder Arbeitszeitkonten, sondern durch Kurzarbeit aufgefangen“, sagte Weber. Zudem gibt es auch Branchen, in denen mehr zu tun ist: etwa Supermärkte, die Pflege und die Krankenversorgung.

Wie viel arbeiten die Sachsen?

Im Corona-Jahr 2020 wurden in Sachsen fast 2,8 Milliarden Stunden Arbeit geleistet. Das waren 5,1 Prozent weniger als im Jahr davor. Zu Überstunden sagt der jüngste Bericht des Statistischen Landesamtes noch nichts aus, aber er nennt Unterschiede je nach Branchen: In der Landwirtschaft und auf dem Bau schrumpfte das Arbeitsvolumen 2020 nicht stark. Große Einbußen gab es im Gastgewerbe und Teilen von Handel und Industrie.

Dennoch war die Pro-Kopf-Arbeitszeit in Sachsen voriges Jahr 33 Stunden länger als im deutschen Durchschnitt. In den anderen vier neuen Ländern war es noch etwas mehr. Die längste Pro-Kopf-Arbeitszeit meldete Mecklenburg-Vorpommern, gefolgt von Sachsen-Anhalt. Auf jeden erwerbstätigen Sachsen entfielen voriges Jahr laut Landesamt 1.365 Stunden Arbeit. Allerdings sind voriges Jahr auch mehr als 31.000 Arbeitsplätze in Sachsen gestrichen worden, darunter viele Minijobs - für sie gibt es kein Kurzarbeitergeld von der Arbeitsagentur.

Was bedeutet die Mehrarbeit?

Der DGB machte auf die Gesundheitsrisiken von Überstunden aufmerksam. „Wer ständig überlastet und gestresst ist, keine ausreichenden Erholungszeiten einlegen kann, hat ein wesentlich höheres Risiko, ernsthaft und im schlimmsten Fall lebensbedrohlich zu erkranken“, sagte Piel. Zu den Risiken gehörten psychische Belastungen genauso wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Piel forderte: „Arbeitszeit muss lückenlos erfasst und vergütet werden.“ Bei der Arbeit im Homeoffice würden die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verwischen. Eine Anti-Stress-Verordnung solle Belastungen Grenzen setzen. „Außerdem gilt: Finger weg vom Acht-Stunden-Tag.“

Tatti sagte: „Es kann nicht sein, dass die einen bis zum Umfallen schuften, während andere in unfreiwilliger Teilzeit feststecken.“ Angezeigt sei auch die Absenkung der wöchentlichen Höchstarbeitszeit.

Welche Lösungen gibt es?

Ein neuer Expertenrat der Bundesregierung hat weitgehende Reformen für den Arbeitsmarkt vorgeschlagen. Die Kernforderungen des Rats der Arbeitswelt: neue Regeln fürs Homeoffice, Abschaffen der Minijobs, Aufwerten der Pflege und mehr Weiterbildung.

Das Gremium wurde im vergangenen Jahr von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) eingesetzt. „Wir werden in den 20er-Jahren einen unglaublichen Umbruch am deutschen Arbeitsmarkt erleben“, sagte Heil. Nach der Corona-Pandemie bestehe die Gefahr eines „tief gespaltenen Arbeitsmarkts“. Viele Unternehmen suchten dann händeringend Fachkräfte – während viele Menschen den Anschluss zu verlieren drohten. „Bei den sozialen Dienstleistungsberufen wird die Nachfrage nach menschlicher Arbeit im Bereich Gesundheit, Bildung, Pflege massiv zunehmen.“

Wie soll Homeoffice geregelt werden?

„Mobiles Arbeiten birgt die Gefahr einer Entgrenzung zwischen Arbeitszeit und Freizeit“, heißt es auch in dem Bericht des Rats. Die Einhaltung von Regeln für die Arbeitszeit beuge Überlastung vor – dafür müsse die Arbeitszeit erfasst werden. Das gelte „auch für mobile Arbeit oder Arbeit im Homeoffice“. Ein permanentes Arbeiten im Homeoffice solle pandemiebedingte Ausnahme bleiben. Heil sprach sich für einen neuen Rechtsrahmen aus, der aber in der Koalition an der Union gescheitert sei.

Wie sieht es mit Bildungszeiten aus?

Früher als bisher soll klar werden, welche Betriebe von technologischen Veränderungen stark betroffen sind. Es soll mehr Aktivierung im Betrieb und individuelle Unterstützung für Weiterbildung geben. Finanziell gefördert werden sollen Gruppen, die seltener durch Weiterbildung erreicht werden: Heil nannte Geringqualifizierte und Beschäftigte kleiner Unternehmen. Die Altersgrenze im Bafög soll laut dem Rat für das Nachholen von Abschlüssen stark angehoben werden. Heil ist zudem für staatlich geförderte Bildungszeiten, „so selbstverständlich wie Elternzeit“. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger reagierte verärgert auf die neuen Regulierungsvorschläge und sagte, zu Recht seien Arbeitgebervertreter aus dem Rat ausgetreten.

Welche Ideen gibt es noch?

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Heil schlug auch eine neue Absicherung für Soloselbstständige mit tragfähigem Geschäftsmodell vor. Dies solle ein Sicherungsgeld unter dem Dach der Bundesagentur für Arbeit (BA) sein – vergleichbar der Arbeitslosenversicherung. Die neue BA-Leistung solle freiwillig sein. Wie der Rat bezeichnete Heil zudem Verbesserungen für Pflegende als zentral. Möglicherweise bereits in dieser Woche, spätestens aber bis Ende Juni solle eine gesetzliche Neuregelung für generellen Tariflohn in der Altenpflege auf den Weg kommen. Gescheitert war ein Versuch, einen Tarifvertrag weniger Arbeitgeber wie Arbeiterwohlfahrt und Volkssolidarität für allgemeinverbindlich zu erklären. (mit dpa)

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