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Millionenverlust bei Dresdner Verkehrsbetrieben

Die Finanzhilfe in der Corona-Krise von Bund und Land reicht nicht. Woher sich die DVB Unterstützung erhoffen und warum das Unternehmen optimistisch bleibt.

Jahrelang ging es bergauf für die Verkehrsbetriebe. Jetzt bekommt die Erfolgskurve einen Knick.
Jahrelang ging es bergauf für die Verkehrsbetriebe. Jetzt bekommt die Erfolgskurve einen Knick. © Symbolbild: Rene Meinig

Dresden. Es war klar, dass die Vorstände keine guten Nachrichten haben. Als sie an diesem Mittwoch das oberste Kontrollgremium ihres Unternehmens zu Gast hatten, mussten sie reinen Wein einschenken. Das Ergebnis: Das Corona-Jahr 2020 hat den Dresdner Verkehrsbetrieben (DVB) einen Millionenverlust beschert.

Der Aufsichtsrat, zu dem unter anderem Stadträte wie Susanne Krause (Grüne) und Holger Zastrow (FDP), Gewerkschaftsvertreter und DVB-Mitarbeiter gehören, musste zur Kenntnis nehmen, dass am Jahresende ein Minus unterm Strich stehen wird.

Covid-19 hat die Dresdner vorsichtig gemacht und zugleich dafür gesorgt, dass viele potenzielle Dresden-Besucher gar nicht erst in die Stadt gekommen sind. Die DVB gehen deshalb davon aus, dass am Jahresende rund 34 Millionen Menschen weniger mit den gelben Bussen und Bahnen gefahren sein werden, als 2019. Das entspricht einem Rückgang von fast 21 Prozent.

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Ein herber Rückschlag nach stetigem Wachstum in den vergangenen Jahren. Das sei "ein schmerzlicher Verlust", stellt Vorstand Andreas Hemmersbach fest. Elf Millionen Kunden haben die DVB von 2015 bis 2019 dazugewonnen, im vergangenen Jahr fuhren schließlich 164,3 Millionen Menschen Bus und Bahn.

Im Januar prognostizierten die Vorstände Andreas Hemmersbach und Lars Seiffert noch, dass es so weitergehen würde. Vielleicht nicht ganz so schnell, wie in den vorangegangenen Jahren, jedenfalls aber bergauf. Das Coronavirus war noch weit weg. Nur aus dem chinesischen Wuhan gab es zu dieser Zeit Meldungen über Patienten, die sich offenbar mit einem neuartigen Virus angesteckt hatten.

Plötzlich galten Busse und Bahnen als gefährlich

Und dann kam der erste Lockdown. Die Verkehrsbetriebe dünnten ihren Fahrplan aus, Busfahrer sitzen seitdem hinter Ketten, Türen werden tagsüber stets geöffnet, auch wenn niemand ein- oder aussteigen will. Dass an den Endstationen Putzkommandos auf die Busse und Bahnen warten, ist schon kaum noch der Rede wert, war damals aber neu.

Plötzlich galten Busse und Bahnen als gefährlich, trifft man doch dort auf fremde Menschen, die infiziert sein könnten. Dazu kamen Reiseverbote, Ausgehbeschränkungen - strenge Regeln, die einen neuen Fahrgast-Spitzenwert bei den DVB Tag für Tag unwahrscheinlicher werden ließen.

Inzwischen sind die Busse und Bahnen fast wieder so häufig unterwegs, wie im Januar, als sich Hemmersbach und Seiffert noch keine Sorgen um die Entwicklung der Verkehrsbetriebe machen mussten. Jetzt ist das anders, denn in der Kasse klafft ein großes Loch.

Zwar seien die Einnahmen dank der Stammkunden nicht so stark zurückgegangen, wie die Fahrgastzahlen, berichtet Sprecherin Anja Erhardt. Das bedeutet, wer eine Zeitfahrkarte hatte, hat die zumeist trotz des abgespeckten Angebots im Total-Lockdown behalten und bezahlt. Doch es fehlen die Einnahmen von Gelegenheitskunden und Touristen, die in der Regel Fahrscheine nach Bedarf am Automaten kaufen.

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Am Jahresende werden im Vergleich zum geplanten Geschäftsverlauf rund sieben Millionen Euro fehlen, erwarten die DVB-Vorstände. Statt der ursprünglich avisierten 47,8 Millionen Euro, die das Unternehmen innerhalb der Technischen Werke Dresden überwiesen bekommen sollte, seien nun 54,8 Millionen Euro nötig.

Dabei hat das Unternehmen bereits Unterstützung bekommen: 9,7 Millionen Euro Schadensausgleich gab es über den Rettungsschirm für den Öffentlichen Personennahverkehr von Bund und Land. Das sind allerdings nur 70 Prozent der angemeldeten Summe. "Mit dem Rettungsschirm reduziert sich unser Defizit deutlich. Dafür sind wir dankbar", sagt Hemmersbach. Allerdings sei es wünschenswert, dass der Freistaat Sachsen dem Vorbild der anderen Bundesländer folgt und den durch die Pandemie verursachten Schaden vollständig ausgleicht.

Kollegen bei Tochter- und Subunternehmen haben Nachsehen

Einen positiven Nebeneffekt der Corona-Krise konnten die Vorstände dem Aufsichtsrat aber auch melden. Die Zahl der Überstunden beim DVB-Fahrdienst ist deutlich gesunken. Waren es vor dem Lockdown im Frühjahr noch rund 107.000, sind es mittlerweile weniger als 10.000 Stunden. "Bei den meisten Fahrerinnen und Fahrern ist das Stundenposter nun also aufgebraucht", sagt Ehrhardt.

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Doch auch diese Medaille hat zwei Seiten. Weil auch Ereignisse wie der Striezelmarkt und die zwei verkaufsoffenen Sonntage im Dezember nicht stattfinden können, werden weniger Fahrer gebraucht, als ursprünglich vorgesehen waren. Der Dienstplan wird deshalb vorrangig mit Mitarbeitern besetzt, die unmittelbar bei den Dresdner Verkehrsbetrieben angestellt sind. Das Nachsehen haben ihre Kollegen bei Tochter- und Subunternehmen.

Dazu gehört zum Beispiel die 100-prozentige DVB-Tochter Dresdner Verkehrsservicegesellschaft (DVS), die für einen Großteil des Busverkehrs, die Fähren und die Bergbahnen zuständig ist. "Die Kolleginnen und Kollegen steuern leider auf Kurzarbeit zu", berichtet die DVB-Sprecherin. Studentische Hilfskräfte und Mitarbeiter, die als Zweitjob Bus und Bahn fahren, bekommen ebenfalls weniger Dienste.

Noch 2021 coronabedingte Einschränkungen

Daran ändern auch die Corona- und Quarantänefälle bei den DVB selbst nichts. Seit März haben sich nach aktuellen Informationen aus der DVB-Chefetage 20 der etwa 2.000 Kollegen mit Covid-19 infiziert. Ob diese Zahl zu 100 Prozent stimmt, kann selbst dort niemand genau sagen. Infektionen seien beim Arbeitgeber nicht meldepflichtig und Quarantänebescheide des Gesundheitsamtes erreichen die DVB meist mit großem zeitlichen Verzug, begründet Ehrhardt.

Am Jahresende bleibt den DVB-Verantwortlichen wie derzeit allen Menschen nur die Hoffnung auf wieder bessere Zeiten. Darauf sind Bauprojekte wie die geplante Straßenbahnstrecke zwischen Löbtau und Strehlen ausgerichtet, darauf ist auch die Neuanschaffung von größeren Straßenbahnen ausgerichtet. Denn mittel- und langfristig rechnen die DVB mit weiter steigenden Fahrgastzahlen.

Die erste der neuen Straßenbahnen soll im nächsten Jahr ausgeliefert werden. "Realistisch gesehen werden wir sicher noch weit in das kommende Jahr mit coronabedingten Einschränkungen zu rechnen haben", bremst Ehrhardt allzu hohe Erwartungen. Durch Baumaßnahmen und den nötigen Ersatzverkehr seien dann aber wieder mehr Fahrdienste zu vergeben.

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