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Mit der Impfung für Kinder rückt die Normalität näher

Ab Sommer könnten in Deutschland Jugendliche geimpft werden, ab Herbst auch Kinder. Diese Impfungen könnten die Pandemie entscheidend eindämmen.

Biontech/Pfizer ist optimistisch: Schon im Sommer könnten 12- bis 15-Jährige gegen Covid geimpft werden. Doch darüber entscheiden die Zulassungsbehörden.
Biontech/Pfizer ist optimistisch: Schon im Sommer könnten 12- bis 15-Jährige gegen Covid geimpft werden. Doch darüber entscheiden die Zulassungsbehörden. © Sebastian Gollnow/dpa (Symbolbild)

Von Sascha Karberg

Bereits nächsten Mittwoch will die Mainzer Biotech-Firma Biontech die Zulassung ihres Covid-19-Impfstoffs Comirnaty auch für Zwölf- bis 15-Jährige beantragen. Damit könnte im Juni mit dem Impfen auch dieser Altersgruppe begonnen werden. Für Fünf- bis Zwölfjährige werden die Ergebnisse der entsprechenden Studie im Juni, für noch jüngere Kinder im September erwartet. Weitere anderthalb Monate brauche die Auswertung der Daten und das Einreichen bei der Zulassungsbehörde, das sagt Biontech-Gründer Ugur Sahin im „Spiegel“-Interview. Aber brauchen Kinder überhaupt eine Impfung gegen Covid-19?

Zwar können sie sich infizieren und auch andere anstecken, doch nur in seltenen Fällen erkranken sie, noch viel seltener schwer. Der Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin Fred Zepp etwa äußerte sich kürzlich gegenüber der Nachrichtenagentur dpa, dass man Kinder vor allem impfen würde, um Ältere zu schützen.

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Auch ohne Impfung sei eine Immunität bei Kindern und damit die angestrebte Herdenimmunität von 80 bis 85 Prozent der Bevölkerung erreichbar – „einfach, indem sie sich infizieren“. Doch eine solche Durchseuchungsstrategie für Kinder hält die Virologin Jana Schroeder für „unethisch”.

Auch beim Impfen von Kindern gehe es nicht nur um Fremdschutz, also etwa den Schutz von Eltern, die aus Krankheits- oder anderen Gründen nicht geimpft werden können. Auch der Eigenschutz der Kinder sei wichtig, sagt die Chefärztin des Instituts für Krankenhaushygiene und Mikrobiologie am Mathias-Spital in Rheine. Schon das PimsSyndrom sei Argument genug für eine Impfung, das „Pädiatrische Inflammatorische Multiorgan Syndrom”, das sich zwei bis drei Wochen nach einer Coronavirus-Infektion in einer besonders stark ausgeprägten Entzündungsreaktion des Immunsystems bei Kindern äußert.

Long-Covid-Risiko bei Kindern unklar

Die Deutsche Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie zählte bis Ende März 281 Fälle und stellte fest, dass die Häufigkeit von Pims-Erkrankungen parallel zu den Covid-19 Hospitalisierungen bei Kindern und Jugendlichen verläuft. Das heißt, mit steigenden Infektionszahlen und Covid-19-Fällen steigen auch die Pims-Fälle.

„Wenn man sicher wüsste, dass die Coronainfektion bei Kindern glimpflich abläuft, wie eine leichte Infektion der oberen Atemwege bei einer Influenza, dann könnte man über die Impfung für Kinder diskutieren”, sagt Schroeder, „aber das wissen wir nicht.“ Man kenne die Langzeitprobleme nicht, die eine Coronainfektion auslösen könnte. Bei Masern etwa könne fünf bis sieben Jahre nach der Erstinfektion eine Gehirnentzündung auftreten.

„Das heißt nicht, dass Corona das auch macht, aber wir wissen es eben noch nicht“, sagt Schroeder. Was man aber wisse, ist, dass Covid-19 eine Multisystemerkrankung ist, dass es bei etwa sieben Prozent der erkrankten Kinder Langzeitfolgen („Long-Covid“) auslösen kann, dass das Virus bei einigen Menschen lange Zeit im Körper bleibt.

Biontech-Chef Ugur Sahin will bereits in der nächsten Woche in Europa die Zulassung seinen Impfstoffs für Jugendliche beantragen.
Biontech-Chef Ugur Sahin will bereits in der nächsten Woche in Europa die Zulassung seinen Impfstoffs für Jugendliche beantragen. © Biontech

Außerdem scheint es auch nicht so zu sein, dass es reichen würde, einmal im Leben Corona durchzumachen und dann nie wieder infizierbar zu sein. „Die Wahrscheinlichkeit dafür sinkt auch mit der weiteren Verbreitung von Immun-Escape-Mutanten”, sagt Schroeder, also von Virusmutationen, die die Immunreaktion des Körpers unterlaufen.

Die Impfungen hingegen scheinen gegen die bisherigen Mutanten zu wirken. „Diese Hinweise allein reichen mir schon, um zu sagen, es lohnt sich, diese Erkrankung nicht zu kriegen”, sagt die Virologin. „Und das gilt für alle Altersgruppen.”

Zumal zumindest die mRNA-Impfstoffe offenbar sehr nebenwirkungsarm sind und den Studien zufolge Kinder zu 100 Prozent vor einer schweren Erkrankung schützen. „In dieser Güterabwägung würde ich mich für die Impfung entscheiden“, sagt Schroeder.

"Ohne Immunität keine Normalität"

Auch vom Standpunkt der Pandemiebekämpfung aus, mache es Sinn, Kinder zu impfen. „Kinder sind so infektiös wie Erwachsene, auch wenn es gewisse Unterschiede geben mag, aber die spielen im Alltag keine Rolle“, sagt Schroeder. Daher ergebe die Impfung von Kindern zumindest temporär Sinn, weil sie die Wahrscheinlichkeit reduziert, dass das Virus weitergegeben wird – in Schule oder Kita. Bundeskanzlerin Angela Merkel etwa äußerte sich skeptisch, ob ein normaler Schulbetrieb mit Präsenzunterricht ohne Impfung in absehbarer Zeit erreichbar sei.

„Ohne Immunität keine Normalität“, sagt auch Jana Schroeder. „Die Frage ist, wie erreicht man die Immunität – durch Krankheit oder durch Impfung?” Da man wisse, dass die Impfung bei Erwachsenen besser schützt als die durchgemachte Infektion, und man über die Folgen einer Infektion mit Sars-CoV-2 zu wenig wisse, läge die Antwort auf der Hand. Zumal man die angestrebte Herdenimmunität ohne hinreichend viele geimpfte Kinder nicht erreichen werde.

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Kann es sinnvoll werden, Kinder und Jugendliche sogar bevorzugt zu impfen? Bisher habe man in der Impfpriorisierung darauf abgezielt, die Mortalität zu senken. „Die Sterberate in den hohen Altersgruppen ist so viel höher, dass es Sinn macht, diese zuerst zu impfen.“ Das sei völlig richtig, aber das sei eine ethisch getroffene Entscheidung. „Es ist nicht die beste Strategie zur Pandemiebekämpfung, denn dann müsste man die Bevölkerungsgruppen mit der höchsten Mobilität und den meisten Kontakten vorrangig impfen.“ Eben jene, die das Virus am ehesten verteilen: Jugendliche und Kinder.

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