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Marianne Rosenberg will gegen den Hass ansingen

Schlagerstar Marianne Rosenberg spricht im Interview über ihre Corona-Infektion, ihr Engagement für Toleranz und das neue Album auf Platz 1.

Marianne Rosenberg bleibt der Diskokugel treu.
Marianne Rosenberg bleibt der Diskokugel treu. © Sandra Ludewig

Mit 15 sang Marianne Rosenberg „Mr. Paul McCartney“ und landete 1970 ihren ersten Hit. Schlager wie „Fremder Mann“, „Er gehört zu mir“ oder „Marleen“ wurden später zu Klassikern. Doch erst mit 65 schaffte es die Berliner Sängerin jetzt an die Spitze der Album-Charts. Erstmals arbeitete sie zudem mit ihrem Sohn zusammen.

2020, das Jahr Ihres 50. Bühnenjubiläums, markiert zugleich Ihren größten Charts-Triumph. Erstmals steht ein Album von Ihnen auf Platz eins. Hatten Sie die Hoffnung schon aufgegeben?

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Für mich ist sehr wichtig, alles, was ich mache, mit Liebe zu machen. Das gilt ganz besonders für meine Musik. Dabei war mir dieses Gefühl und diese Selbstbestimmung immer mehr wert als die Charts-Position. Trotzdem habe ich mich riesig gefreut, dass mein Album „Im Namen der Liebe“ gleich nach der Veröffentlichung die Nummer eins geworden ist. Das war auch eine Bestätigung für fast drei Jahre Konzeption, Songwriting und Produktion. Zu jedem Erfolg gehört auch immer das richtige Team – und oft auch ein bisschen Glück. Beides habe ich gehabt.

Ihre größten Hits hatten Sie in den Siebzigern, das letzte Album kam vor neun Jahren nur auf Platz 29. Was hat jetzt „Im Namen der Liebe“, dass es so eingeschlagen ist?

Dieses Album ist eine Rückbesinnung auf meine musikalischen Wurzeln. Ich habe vorher viele Ausflüge in andere Genres gemacht, jetzt wollte ich zurückkommen, vielleicht so, wie jemand nach vielen Jahren erfahrener nach Hause kommt. Ich habe Elemente aus der Discomusik und dem Philly-Sound der Siebziger wieder aufgegriffen, dabei waren mir aktuelle Grooves und Sounds, die ich heute gut finde, sehr wichtig. Ich wollte mit diesem Album den Kreis schließen. Die Verbindung zu meinen Fans noch einmal neu aufnehmen. Dabei bereue ich natürlich nicht, ab und an über den Zaun geschaut zu haben, das war für meine künstlerische Weiterentwicklung über die Jahre fast lebensnotwendig. Schließlich war es mein Ziel als junge Sängerin, eines Tages selbstbestimmt arbeiten zu können. Aber jetzt bin ich musikalisch wieder zu Hause und ich glaube, dass meine Fans das wissen und honorieren.

Im Titelsong heißt es: „Hass hat Hass nie besiegt“. Ist das ein Statement?

„Lass es Liebe sein“, geht es in meinem Text weiter. Ja, es ist auch ein Statement, wie ich mich angesichts dessen, was in der Welt geschieht, fühle. Ich lebe in einer Welt, in der mir immer mehr Hass begegnet, ob im Fußballstadion, in den sogenannten sozialen Netzwerken oder einfach im Alltag auf der Straße. Daher ist es mir besonders wichtig, dem etwas entgegenzusetzen – die Liebe. Liebe kann verzeihen statt hassen, kann tolerieren statt abgrenzen, kann verbinden statt trennen. Liebe kann alles!

Wie hat sich die deutsche Schlagerszene in den vergangenen 50 Jahren verändert?

In den Siebzigern erinnerten noch viele deutsche Schlager an die Rhythmik von Marschmusik. In dieser Zeit veröffentlichte ich Songs, die Elemente des amerikanischen Philly-Sounds aufgriffen und rhythmisch im Disco und Motown zu Hause waren. Seitdem hat sich der Schlager für Einflüsse aus fast allen anderen Genres geöffnet, von der Neuen Deutschen Welle bis zum Techno und Elektropop. Und ich glaube, dass der deutsche Schlager nur so auch in Zukunft eine wichtige Rolle in der Musik spielen kann.

Bezeichnen Sie Ihre Musik überhaupt als Schlager?

Die Grenzen zwischen deutschem Pop und deutschem Schlager sind längst fließend geworden. Außerdem gibt es in jedem Genre gute und nicht so gute Musik. Daher spielt für mich selbst die Bezeichnung eigentlich gar keine besondere Rolle.

Wirkt es sich auf Ihren Sound aus, dass Sie diesmal mit Ihrem 28-jährigen Sohn Max als Co-Autor und Produzent zusammengearbeitet haben?

Natürlich hat sich das ausgewirkt, war aber gar nicht so geplant, sondern eher Zufall. Da ich um die Begabung meines Sohnes wusste, habe ich ihm meine Songideen vorgestellt, und ganz beiläufig entstand so die Zusammenarbeit unmittelbar beim Songwriting. Dabei konnten wir uns wunderbar ergänzen. Vielleicht habe ich in diesem Fall die Erfahrung eingebracht und er die innovativen Ideen.

Wenn Max nicht gerade mit seiner Mutter arbeitet – welche Musik macht er sonst?

Er ist in vielen Genres zu Hause, im Pop, im Rock, im Hip-Hop. Er produziert und komponiert in seinem Studio aber auch Soundtracks und Musik für Werbefilme.

Sensibilisiert er Sie für aktuelle Probleme der Welt, unserer Gesellschaft, oder geschieht das eher umgekehrt?

Unterschiedliche Generationen haben unterschiedliche Wahrnehmungen, andere Themen und andere Sichtweisen. Wenn man ein gutes, offenes und respektvolles Verhältnis zueinander hat, kann man sich gegenseitig sensibilisieren, kann man wechselseitig voneinander lernen.

Sie selbst haben eine Covid-19-Infektion überstanden. Was ging Ihnen angesichts der Berliner Demonstrationen von Corona-Leugnern durch den Kopf?

Ob alle Menschen, die an der Demonstration teilnahmen, leugnen, dass es dieses Virus gibt und man daran auch schwer erkranken kann, wage ich zu bezweifeln. Durch den Kopf gehen mir dabei die wilden Spekulationen, die angesichts dieser Pandemie im Internet kursieren, die unglaubliche Flut an Informationen. Im Namen des Fortschritts geht viel verloren, verändern sich unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, die Art unserer Kommunikation. Gespräche von Angesicht zu Angesicht werden immer seltener. Shitstorms in sogenannten sozialen Netzwerken werden immer mehr zu etwas Alltäglichem, an das wir uns gewöhnt haben. Die Gefahr, in Fänge von Aufwieglern und hassbeseelten, antidemokratischen Mobilmachern zu gelangen, ist größer geworden. Uns fehlen Zeit und Fähigkeit, alles zu verstehen und zu verarbeiten, was über Facebook, Twitter, Instagram oder TikTok verbreitet wird. Seriöse Informationsquellen sind deswegen enorm wichtig in dieser Zeit.

Marianne Rosenberg hat ihre Corona-Erkrankung gut überstanden.
Marianne Rosenberg hat ihre Corona-Erkrankung gut überstanden. © Jens Kalaene/dpa

Schränken Sie sich in Ihrem Leben über die gesetzlichen Vorgaben hinaus ein?

Aus Respekt gegenüber anderen trage ich meine Maske nicht nur beim Einkauf. Zwar kann ich selbst wohl für eine längere Zeit niemanden mehr anstecken oder mich selber neu infizieren, aber das wissen die anderen Menschen, denen ich begegne, ja nicht. Ich habe schließlich auch keinen Stempel auf der Stirn.

Abgesehen von Ihrer Erkrankung: Welche Folgen hatte die Corona-Pandemie für Sie?

Die mit Abstand größte Einschränkung für mich und viele andere Musiker ist der Verzicht auf den Kontakt zu unserem Publikum. Es gibt für mich nichts Schöneres, als eine Idee zu haben, sie auszuarbeiten und den fertigen Song mit anderen Menschen live zu teilen. Deshalb freue ich mich auch darauf, meine Musik wieder auf die Bühne zu bringen. Bei einem Konzert sind wir alle zusammen im selben Raum. Das direkte Feedback der Konzertbesucher ist etwas ganz Besonderes für jeden Musiker. Da gibt es immer Gänsehautmomente, auf und vor der Bühne. Daher freue ich mich auch so auf meine Tournee im April 2021 zunächst durch zehn deutsche Städte, darunter auch Leipzig und Dresden.

Sie haben sich wesentlich früher als die meisten anderen deutschen Musiker für Minderheitenrechte engagiert. Wie zufrieden sind Sie mit dem Erreichten?

Einerseits wurde viel erreicht in den letzten Jahrzehnten in Bezug auf die Toleranz und den Respekt gegenüber Leuten aus anderen Kulturen oder mit anderen Hautfarben, anderen sexuellen Orientierungen oder Religionen. Auf der anderen Seite scheint es eine eher subtile, fast beständige Ausgrenzung von Minderheiten oder gesellschaftlich Benachteiligten hartnäckig zu geben. Wird die Angst der Menschen geschürt, brechen oft wieder die alten Vorurteile auf. Wird Hass gegen Minderheiten gepredigt, finden sich auch wieder Mitläufer, die ins gleiche Horn blasen. Das ist ein Phänomen, das ich beschreiben, aber nicht erklären kann. In jedem Fall bleibt es wichtig, dass sich alle, jeder in seinem direkten Umfeld, ganz eindeutig gegen Hass und Hetze positionieren.

Sehen Sie dennoch generell optimistisch in die Zukunft?

Natürlich bin ich optimistisch. Wir müssen ja schließlich lernen, respektvoller und toleranter miteinander umzugehen, wir müssen lernen, dass wir unseren Planeten nicht weiter ausbeuten können, als ob es kein Morgen gäbe. Aber es gibt immer ein Morgen – und darauf freue ich mich.

Und wie lange wird’s bis zum nächsten Album dauern?

Die Antwort weiß nur der Wind.

Das Interview führte Andy Dallmann.

Das Album: Marianne Rosenberg, Im Namen der Liebe. Telamo/Warner

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