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So lebt es sich weit weg von daheim mit Corona

Sie stammen aus Heidenau, Sebnitz und Burkhardswalde, sind jetzt in Moskau, Neuseeland und Chile und berichten, wie es ihnen dort geht.

© SZ/Bildstelle

Andere Länder, andere Corona-Bedingungen. Als Uwe Beck nach Moskau ging, Karolin Behner nach Neuseeland und Kristin Lorenz nach Chile, war von Corona noch keine Rede. Das Virus hat inzwischen die ganze Welt erwischt. Wie es den zwei Frauen und dem Mann aus der Sächsischen Schweiz in ihren neuen Arbeits- und Lebensorten geht, welche Einschränkungen und Regelungen dort aktuell gelten und wie es ihnen geht, haben sie Sächsische.de erzählt.

Von Heidenau nach Moskau: Zurück zur Normalität

Uwe Beck ist seit sechs Jahren in Moskau Leiter der Deutschen Schule. Zuvor leitete er das Heidenauer Gymnasium. Sein letztes Schuljahr in Moskau hatte er sich anders vorgestellt.

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Mit deutscher, gelber Telefonzelle: Uwe Beck leitet die Deutsche Schule in Moskau.
Mit deutscher, gelber Telefonzelle: Uwe Beck leitet die Deutsche Schule in Moskau. © Tino Künzel

"Meine Zeit in Moskau war geprägt von Veranstaltungen, Begegnungen, Treffen, dem Kennenlernen von Menschen vieler Nationen, neuen Arbeits- und Lebensbedingungen und einem rasanten Tempo in einer der schönsten Städte der Welt. Die Fußball-WM 2018 werde ich so schnell nicht vergessen. Besonders beeindruckt hat mich die Möglichkeit, mit zwei Fußballmannschaften meiner Schule an einem Mini-Turnier auf dem Roten Platz teilnehmen zu dürfen.

Dann kam Corona und bestimmt nun seit Mitte März 2020 das Leben in der Öffentlichkeit und im Privaten. In vielen Dingen musste man sich anpassen, arrangieren. Man lernte schnell, alltägliche Sachen wieder zu schätzen. Die wirklich harten Einschränkungen und Vorgaben des Moskauer Lebens vom Frühjahr 2020 sind zum Glück aktuell nicht mehr vorhanden, auch wenn es immer noch Beschränkungen gibt. Eine Maskenpflicht, an manchen Orten auch eine Handschuhpflicht, im öffentlichen Bereich, wie der Schule, der Metro, beim Einkaufen, begleiten uns weiterhin. Kein Bus, keine Marschrutka (Minibus, Anm. d. Red.), keine Metro ist zurzeit ohne Maske benutzbar.

Langer Weg nach Hause

Die Geschäfte und Gaststätten haben bis 23 Uhr geöffnet, man kann sie mit Abstand und der Einhaltung der Hygieneregeln nutzen. Das betrifft auch Museen, Theater, die Oper und andere Veranstaltungsorte. Maximal die Hälfte der normalen Besucherzahlen darf sich ein Ticket kaufen, was nur online möglich ist. So gibt es zwar Einschränkungen, die aber akzeptiert werden, da es eine Möglichkeit gibt, dennoch viel zu nutzen.

Unsere Schule war vom 16. März bis zu den Sommerferien im Fernunterricht. Mit viel Mühe und Engagement aller konnten die Schüler der Abschlussklassen ihre Prüfungen ablegen. Wir konnten sogar für unsere Absolventen eine feierliche Übergabe der Zeugnisse in der Aula durchzuführen, der Abi-Ball konnte jedoch nicht stattfinden.

Mit einem sehr umfangreichen Hygienekonzept haben wir das laufende Schuljahr im Präsenzunterricht begonnen und die Schule im ersten Halbjahr fast komplett geöffnet lassen können. Die Arbeitsgemeinschaften, Exkursionen, Zusatzangebote, Veranstaltungen, Events, Feiern, die das Leben an der Schule bereichern, mussten nahezu komplett entfallen. Einige wenige Veranstaltungen, wie der 30. Jahrestag der Wiedervereinigung und der 30. Geburtstag der Schule, haben wir dennoch, unter Einhaltung aller nötigen Hygieneregeln, angemessen gefeiert. Wir hoffen alle inständig, dass wir bis zum Sommer 2021 ein großes Stück Normalität zurückgewinnen.

Nicht nur der Aufenthalt in Moskau wurde durch Corona beeinflusst, auch der Besuch in der Heimat ist erschwert worden. Das Fliegen ist stark eingeschränkt und mit einigen Hürden versehen, aber immerhin bestehen wieder Flugverbindungen von und nach Deutschland. Tests, Quarantäneregelungen, längere Wege nimmt man in Kauf.

Humor bewahren, nicht einfach, aber machbar

Wichtig war für mich, da sich meine Zeit hier in Moskau dem Ende nähert, mich in Deutschland zurückzumelden. Im Dezember war ich deshalb zu einem Bewerbungsverfahren in Dresden. Auch wenn das Ergebnis noch nicht feststeht, ist der erste Schritt getan und der nächste für die Osterferien angedacht. Schlussendlich hätte ich mir mein letztes Jahr in Moskau gern einfacher gewünscht.

Aus der jeweiligen Situation das Beste zu machen, optimistisch zu bleiben, auch wenn es schwerfällt, seinen Humor zu wahren, ist für mich die Konsequenz, nicht einfach, aber machbar. Einen großen Wunsch habe ich in den letzten Wochen immer wieder geäußert, dass alle gesund bleiben und dass wir diese extreme Ausnahmesituation gemeinsam meistern."

Von Sebnitz nach Neuseeland: Weit weg von Corona

Karolin Behner und ihr Freund Manuel Beier sind seit über einem Jahr in Neuseeland und reisen mit ihrem Campervan durch das Land. Gerade arbeiten sie im Cardrona Hotel, einem der ältesten und populärsten Hotels in Neuseeland. Bis Ende Januar arbeiten sie hier noch an der Bar und im Restaurant, dann erkunden sie bis April die Nordinsel. Wenn sie danach nach Deutschland zurückkehren, werden sie das erste Mal richtig mit dem Virus konfrontiert.

Karolin Behner arbeitet, lebt und reist mit ihrem Partner in Neuseeland.
Karolin Behner arbeitet, lebt und reist mit ihrem Partner in Neuseeland. © privat

"Neuseeland wurde im März 2020 wie auch überall auf der Welt von Covid 19 überrascht. Das Land reagierte total schnell mit einem absoluten Lockdown. Alles wurde herunter gefahren. Es war nur noch das Einkaufen mit begrenzter Kundenzahl im Laden erlaubt. Wir waren damals auf einer Apfelfarm und haben Äpfel verpackt, die in die ganze Welt geliefert wurden. Alle essenziellen Betriebe durften weiter arbeiten, mit verschärften Regeln. Wir trugen alle Schutzkleidung, hatten versetzte Pausen und durften keinen Kontakt zu anderen Menschen haben, außer unseren Kollegen. Viele Neuseeländer gingen ins Home-Office. Die vielen Reisenden aus aller Welt harrten entweder auf Campingplätzen, in kurzfristig gesuchten Unterkünften oder in Hostels aus. Nach sechs Wochen wurden die Regeln etwas gelockert. Man durfte wieder am Strand spazieren gehen, Essen to go war wieder möglich usw.

Aufenthalt als großes Geschenk

Wochenweise gingen die Einschränkungen zurück. Seit Juni wurde das Virus hier eliminiert und man merkt in Neuseeland von Corona kaum etwas. Es gibt vereinzelte Fälle von Heimkehrern, die sich aber alle in gemanagter Quarantäne direkt am Flughafen in Auckland für zwei Wochen isolieren müssen. Über ein QR Code Scan-System wird man angehalten, seinen Aufenthalt über eine App zu tracken, sodass im Fall eines Corona-Positiven, der sich zur selben Zeit am selben Ort befunden hat, alle Menschen benachrichtigt werden können.

Die neuseeländischen Grenzen sind nach wie vor geschlossen. Nur neuseeländische Staatsbürger dürfen einreisen. Sie müssen sich sofort in ein von der Regierung gestelltes Isolations-Hotel begeben und für zwei Wochen auf eigene Kosten abschotten.

Für uns ist es ein großes Geschenk, hier in Neuseeland zu sein. Das Leben ist normal, es gibt keine Einschränkungen. Über Silvester fand eines der größten Festivals Neuseelands statt. Mit 10.000 Gästen feierte das Rhythm and Alps Musikfestival sein zehnjähriges Jubiläum und wir waren dabei. Für uns als Backpacker hat sich durch Corona auch die Visa-Situation vereinfacht. Unser Working Holiday Visa, das im Januar ausgelaufen wäre, wurde um sechs Monate mit den selben Rechten verlängert. Die Backpacker werden hier vor allem gebraucht, um bei der Ernte zu helfen.

Geduld und Durchhaltevermögen

Covid 19 hat uns in unserer Reise kaum beeinflusst. Wir hatten sowieso geplant, ein Jahr Neuseeland zu bereisen und vor unserer Rückkehr noch Asien zu sehen. Letzteres muss leider ausfallen. Da es uns hier in Neuseeland sehr gefällt, bleiben wir nun einfach noch etwas länger und genießen den Sommer.

Wir wissen, wir befinden uns hier in einer sehr privilegierten Situation und hoffen sehr, dass sich die Situation in der Welt wieder etwas normalisiert. Den Menschen in Deutschland wünschen wir weiterhin viel Geduld und Durchhaltevermögen im momentanen Alltag."

Von Burkhardswalde nach Chile: Alle streng geregelt

Kristin Lorenz hat reisend, liebend und arbeitend Chile für sie entdeckt. Inzwischen lebt sie dort mit ihrem chilenischen Mann und ist im Tierschutz aktiv. Als sie im vergangenen Sommer in ihrer Heimat war, genoss sie das. Die Bedingungen in Chile sind in jeder Hinsicht schlimmer.

Kristin Lorenz lebt in Chile und ist dort für den Tierschutz aktiv.
Kristin Lorenz lebt in Chile und ist dort für den Tierschutz aktiv. © privat

"Selbst jetzt im Sommer sind die Zahlen weiter alarmierend hoch. Die allgemeine Situation ist verheerend, Sozialstaatlichkeit gibt es kaum. Die Gastronomie ist - mit kurzen Unterbrechungen - seit März 2020 heruntergefahren, Kultur und Tourismus erleiden herbe Einschläge, viele kleine und mittelständige Unternehmen sind bankrott, während es großen Ketten und Apotheken gut geht. Um den Leuten Geld zu verschaffen, wurde erlaubt, die privaten Rentenfonds anzuzapfen, das heißt, die eigene niedrige Altersvorsorge aufzufressen. Unterstützung der einfachen Leute durch die Regierung existiert fast nicht. Die Nach-Corona-Aussichten sind bedenklich.

"Wenn es so weitergeht, sitzen wir noch im Jahr 3000 in Quarantäne"

Die hohen Zahlen liegen am Verhalten der Menschen und an fehlenden Kontrollen. Junge Leute meinen nach dem Motto "Nach mir die Sintflut", ihnen könne nichts passieren. Sie treffen sich, veranstalten heimlich Partys, verzichten auf Vorsichtsmaßnahmen. Selbst bei den Vernünftigsten ist inzwischen eine gewisse egoistische Sturheit an den Tag getreten. Sie haben fast ein Jahr lang mit allen Problemen und Unannehmlichkeiten zu Hause ausgehalten, Ausgangssperren einigermaßen eingehalten und noch immer gibt es keine Fortschritte. Sie meinen, sie haben es sich nun verdient, endlich mal wohin zu fahren, andere zu besuchen, an den Strand zu gehen. Sie denken, wenn ihnen bis jetzt nichts passiert ist, wird ihnen wohl auch nichts mehr passieren. Nach den vielen Monaten haben sie die Angst bzw. den Respekt gegenüber Covid verloren.

Die Uneinsichtigen quetschen sich traditionsgemäß und konsumorientiert ins Stadtzentrum und in die Malls, um ,dringende' Einkäufe zu erledigen. Die Mischung aller sorgt dafür, dass Menschenaufläufe nicht selten sind und das Virus in die Hände klatscht, sehr zum Leidwesen des medizinischen Fachpersonals. Wenn es so weitergeht, sitzen wir noch im Jahr 3000 in Quarantäne.

Für Sport eine Sondergenehmigung

Die Einschränkungen sind phasenabhängig. In Concepción, wo ich wohne, haben wir Phase 1 mit Ausgangssperre zwischen 22 und 5 Uhr, Versammlungs-, Veranstaltungs- und komplettes Reiseverbot, geschlossenen Restaurants, Kinos, Theatern, Fitnessstudios etc., keinen Präsenzunterricht. Es sind nur dringend notwendige Aktivitäten erlaubt, für die man sich online eine Genehmigung herunterladen muss. Sportliche Aktivitäten draußen sind nur mit Sondergenehmigung zwischen 7 und 8.30 Uhr erlaubt, Supermärkte dürfen keine über den Grundbedarf hinausgehende Produkte verkaufen. Personen über 75 Jahre dürfen nur montags, donnerstags und samstags jeweils eine Stunde am Tag (zwischen 10 und 12 Uhr oder 16 und 18 Uhr) das Haus verlassen. Einige halten sich sehr genau daran, andere ignorieren die Regeln.

Für mich bedeutet es, von zu Hause aus zu arbeiten und nur rauszugehen, um mich den Straßentieren, dem Einkauf oder Behördengängen zu widmen. Durch die Arbeit im Tierschutzverein habe ich eine Sondergenehmigung, die es mir erlaubt, Tätigkeiten wie dem Füttern von Tieren, der Tierrettung oder dem Transport auf festgelegten Routen nachzugehen. Daher ist das Gefühl des Eingesperrtseins nicht so groß. Außerdem sind wir zu zweit - plus Haustiere - in unserem Haus. Wir haben Rückzugsmöglichkeiten und uns fällt die Decke nicht auf den Kopf.

Nervig, aber es könnte schlimmer sein

Kontakt haben wir einzig und allein zu unseren Nachbarn und selbst zu denen weniger. Wir versuchen, uns nicht verrückt zu machen, im Rahmen des Möglichen weiterzumachen und geduldig zu sein. Sommerferien im Sinne von Reisen gibt es dieses Jahr für uns leider nicht, was sehr bedauerlich ist, denn so ein Tapetenwechsel würde sicherlich jedem guttun. Mein Mann hat seine Familie schon seit vielen Monaten nicht persönlich gesehen. Es scheint so, als ob 2020 nahtlos in 2021 übergegangen wäre und das leidliche Schlagwort weiterhin ,Geduld' sei. Alles in allem ist es nervig, könnte aber viel schlimmer sein. Im Vergleich zu anderen Familien sind wir gut dran.

Als ich beruflich von Juli bis September 2020 in Deutschland war, habe ich die Normalität sehr genossen. Eigentlich wollten mein Mann und ich Weihnachten 2020 nach Sachsen kommen. Im Sommer schien das noch möglich. Es bleibt abzuwarten, wann wir das nächste Mal reisen können.

Ich wünsche allen Kraft, Vernunft, Geduld und Durchhaltevermögen und hoffe auf nicht allzu ferne Rückkehr zu einer gewissen ,Normalität" sowie darauf, dass die in Mitleidenschaft gezogenen, besonders die ,nicht systemrelevanten', Branchen wieder auf die Beine kommen. Meiner Familie und meinen Freunden schicke ich eine dicke virtuelle Umarmung, die sich hoffentlich im Verlaufe des Jahres in eine persönliche wandeln wird."

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