merken
Leben und Stil

Müssen jetzt alle zurück ins Büro?

Zwar ist die Homeofficepflicht ausgelaufen. Doch das heißt nicht, dass alles wieder so wie früher wird.

Sperrzone: Viele Arbeitsplätze in den Büros sind noch immer verwaist.
Sperrzone: Viele Arbeitsplätze in den Büros sind noch immer verwaist. © C. Waibel/dpa

Müssen jetzt alle wieder zurück ins Büro?

„Wenn man es auf einen einfachen Nenner bringen möchte, dann lautet die Antwort ‚Ja‘“, sagt Rechtswissenschaftler Professor André Niedostadek. Die Homeoffice-Pflicht war eine an die Bundesnotbremse gekoppelte Sonderregelung. Und sie war nur für einen begrenzten Zeitraum gedacht. Nun sei die Pflicht nach dem Infektionsschutzgesetz passé. Uneingeschränkt gilt das aber nicht. Unternehmen können das Arbeiten im Homeoffice auf freiwilliger Basis weiter ermöglichen. Da, wo es vor Corona schon eine Homeoffice-Vereinbarung gab, sei diese auch nach wie vor wirksam, sagt Niedostadek. Beschäftigte dürften aber nicht einfach ohne Grund dem Büro fernbleiben und von sich aus weiter im Homeoffice arbeiten. „Man riskiert gegebenenfalls eine Abmahnung oder sogar die Kündigung.“

Die Corona-Zahlen steigen aber. Was ist, wenn man nicht zurück will?

Arbeitgebern obliegt laut Niedostadek eine Fürsorgepflicht gegenüber ihren Beschäftigten. Unternehmen müssten dafür sorgen, dass die Mitarbeiter nach Regeln arbeiten können, die dem Infektionsschutz entsprechen. „Denn der Infektionsschutz ist ja nicht aufgehoben. Es gilt die Coronaarbeitsschutzverordnung.“ Die Verordnung wurde zuletzt bis einschließlich 10. September 2021 verlängert. Es kann demnach sein, dass Beschäftigte nicht ins Büro zurückkehren können, selbst wenn sie das wollen. „Etwa weil es einfach zu eng ist. Viele Unternehmen sind aber dabei, Regelungen zu schaffen, die den Interessen der Beschäftigten gerecht werden“, sagt Niedostadek.

Anzeige
Der Meister – höchstes Qualitätssiegel im Handwerk
Der Meister – höchstes Qualitätssiegel im Handwerk

Der Meister im Handwerk bietet alle Voraussetzungen für beruflichen Erfolg. So zählt der Meisterberuf international zu den angesehensten Abschlüssen.

Welche Corona-Regeln gelten dann jetzt am Arbeitsplatz?

Die Corona-Arbeitsschutzverordnung schreibt weiterhin bestimmte Regeln vor, um den Infektionsschutz sicherzustellen. Dazu gehört laut Niedostadek zum Beispiel, dass Beschäftigten, die nicht zu Hause, sondern vor Ort arbeiten, nach wie vor zwei Tests pro Woche anzubieten sind. Das gelte jedenfalls dann, wenn sich der Infektionsschutz nicht auch anders gewährleisten lässt. „Hier kommen die landläufigen 3G-Regeln ins Spiel, die auch für andere Einrichtungen wie Restaurants gelten, also neben getestet auch genesen und geimpft.“ Vieles hänge von den Gegebenheiten vor Ort in den Unternehmen ab. „Dazu ist eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen, um etwaige Schutzmaßnahmen treffen zu können.“ Das kann sich dann beispielsweise auf die Gestaltung des Arbeitsplatzes, die Pausen- und Arbeitszeiten oder auch den Mund-Nasen-Schutz auswirken. Leitlinie seien weiterhin die Kontaktreduzierung und die betrieblichen Hygienekonzepte.

Thema Wechselmodell: Muss ich meinen Schreibtisch jetzt teilen?

Ein Recht auf einen eigenen Schreibtisch oder sogar ein eigenes Büro haben Arbeitnehmer laut Niedostadek in der Regel nicht. Gerade wenn man nicht mehr jeden Tag im Büro ist, habe man vielleicht nur noch einen Rucksack mit wichtigen Utensilien und müsse sich dann einen Arbeitsplatz teilen oder an dem Tag schauen, wo sich ein freier Platz findet.

Muss das Unternehmen meinen Heimarbeitsplatz einrichten?

Hier muss man zwischen Homeoffice und Telearbeit unterscheiden. Telearbeitsplätze seien ausführlicher geregelt und im Prinzip fest eingerichtete Bildschirm-Arbeitsplätze, erklärt Niedostadek. „Auf Telearbeitsplätze gibt es jedoch keinen Anspruch. Das muss zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten vereinbart werden.“ Hat man sich geeinigt, dann gelten für Telearbeitsplätze eigene Anforderungen, die in der Arbeitsstättenverordnung näher geregelt sind. „Auf einem anderen Blatt steht das Homeoffice“, so der Rechtsexperte. „Ein sehr vager Begriff.“ Auch das Homeoffice könne ein fester Arbeitsplatz zu Hause sein, was dann einem Telearbeitsplatz entsprechen würde. Gerade in Corona-Zeiten sei aber viel zu improvisieren gewesen. „Viele wurden ja dazu verdonnert und müssen vielleicht zwischen Küchentisch und Couch wechseln. Das ist dann kein klassischer Telearbeitsplatz.“ Dennoch müssen Beschäftigte auch im Homeoffice ihrer Arbeit ordnungsgemäß nachgehen können. Die nötige Ausstattung müssen Arbeitgeber bereitstellen. Genauso gelten eine Reihe von Arbeitsschutzvorschriften. Da gebe es allerdings eine rechtliche Grauzone, da manche Regelungen bisher nur für klassische Telearbeitsplätze zutreffen.

Sind nach Monaten der Isolation jetzt Konflikte programmiert?

Nach der teilweisen oder kompletten Rückkehr aus dem Homeoffice werden die alten sozialen Muster im Umgang sehr schnell wieder aktiv sein, ist sich Konfliktmanagementtrainer Timo Müller sicher. „So als sei man nie fort gewesen.“ Die Freude, der Isolation entkommen zu sein, werde manchem Team kurzfristig eine positive Dynamik geben. Das kann Konflikte sogar vergessen machen, so der Leiter des Instituts für Konfliktmanagement und Führungskommunikation. Er gibt aber zu bedenken, dass andere nun wieder direkt auf ihre Konfliktgegner treffen. Konflikte zwischen Mitarbeitern, die im Onlinerahmen wenig oder gar nicht ausgetragen wurden, könnten nun „nachgeholt“ werden.

Müller empfiehlt Führungskräften, das Gespräch mit ihren Mitarbeitern zu suchen, um diese sehr spezielle Zeit der Rückkehr gut zu begleiten. Es brauche tendenziell mehr Beziehungsarbeit als vor der Pandemie, so der Trainer. Auch Rechtswissenschaftler Niedostadek rät, miteinander zu reden. „Im Moment landen bereits viele Streitfragen vor Gericht“, so der Rechtswissenschaftler. Das sei einerseits gut, weil eine gerichtliche Entscheidung mehr Klarheit bringt. „Anderseits fördert das nicht unbedingt das Miteinander.“ Im Fall der Fälle empfiehlt es sich, an eine außergerichtliche Konfliktlösung zu denken, etwa im Rahmen einer Mediation.

Ich bin mit der Situation unzufrieden. Wie sage ich es dem Chef?

Entscheidend ist laut Trainer Müller, wie es mit der Feedbackkultur im Team oder der Abteilung generell bestellt ist. Teams und Abteilungen, in denen bereits zuvor offen angesprochen wurde, wenn etwas als störend erlebt wird, hätten gute Karten. Wo konstruktive Kritik eher nicht üblich ist, kann es schwerer werden. Müller rät, in Gesprächen mit der Führungskraft Raum dafür zu schaffen, über Interessen und Konflikthaftes ins Gespräch zu kommen. Führungskräfte, die das bislang noch nicht getan hätten, seien gefragt, auch aktiv bei den Beschäftigten nachzuhören. Der Konfliktforscher sieht auch eine anonyme Mitarbeiterbefragung als eine Möglichkeit, das Klima offenzulegen. (dpa)

Mehr zum Thema Leben und Stil