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„Corona-Patienten brauchen besonders viel Nähe“

Stefanie Feiner arbeitet freiwillig auf der Corona-Station im Kamenzer Krankenhaus. Erst im Sommer hat sie ihre Ausbildung zur Krankenschwester abgeschlossen.

Stefanie Feiner arbeitet seit Oktober auf der Corona-Station im Kamenzer Krankenhaus. Da dort Fotos aber derzeit nicht erlaubt sind, ist dieses auf einer anderen Station entstanden.
Stefanie Feiner arbeitet seit Oktober auf der Corona-Station im Kamenzer Krankenhaus. Da dort Fotos aber derzeit nicht erlaubt sind, ist dieses auf einer anderen Station entstanden. © René Plaul

Kamenz. Leichte Augenringe zeichnen das Gesicht von Stefanie Feiner. Die Krankenschwester kommt gerade aus der Frühschicht. Nach ihrem Acht-Stunden-Dienst wirkt sie erschöpft „Gerade hatte ich eine 93-jährige Patientin“, berichtet sie. „Sie hat mich gefragt, was ich Komisches eigentlich bin? Sie hat mich unter meiner Haube, dem Schutzkittel, der Maske und dem Visier nicht erkannt.“

Solche Begegnung hat sie seit mehreren Monaten täglich. Denn Stefanie Feiner arbeitet auf der Corona-Isolierstation im Malteser Krankenhaus St. Johannes in Kamenz und muss dort spezielle Schutzkleidung tragen. Besonders ältere Patienten würden oft erschrecken, wenn sie das Pflegepersonal in kompletter Schutzmontur sehen. „Wenn plötzlich so ein Wesen auf dich zukommt, von dem du nur die Augen siehst - natürlich haben die Patienten da Angst“, meint die Krankenschwester.

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Umso wichtiger sei es, diesen Menschen in dieser schwierigen Phase Trost zu spenden. „Wir müssen wegen der Maske und des Visiers lauter und deutlicher reden. Wir müssen geduldiger sein. Aber gerade die Corona-Patienten brauchen Zuspruch und besonders viel Nähe. Da muss man auch einmal über den Arm streichen und Körperkontakt herstellen, damit sie merken, dass sie nicht alleine sind“, sagt Stefanie Feiner.

12-Stunden-Schicht wäre unvorstellbar

Aber das ist nicht einfach. Oft bleibe nicht genügend Zeit für die Patienten. Besonders das ständige An- und Auskleiden der Schutzkleidung koste viel Zeit. „Selbst, wenn man routiniert ist, dauert es lange. Das Gefühl, einfach in ein Patientenzimmer zu gehen, ohne sich einkleiden zu müssen, kenne ich gar nicht mehr“, berichtet sie. Sie würde deswegen vorher oft überlegen, was sie in dem Patientenzimmer alles erledigen muss. „Ich bin dann lieber eine Viertelstunde länger drin und schaffe mehr, anstatt dass ich mehrmals rein muss und mich dadurch auch häufiger ankleiden muss“, sagt sie.

Noch vor einem Jahr sah der Arbeitsalltag ganz anders aus. Die Situation in den Krankenhäusern ist mittlerweile dramatisch. Die Ärzte und Pfleger kommen an ihre Belastungsgrenze. Auch die 38-Jährige berichtet davon: „Die Arbeit ist derzeit sehr anstrengend. Wir haben den ganzen Tag FFP2-Masken auf. Ich bin dadurch schneller müde und kaputt, meine Konzentration schwindet. Mir reichen deswegen acht Stunden mit der Maske.“ Eine 12-Stunden-Schicht, wie das Pflegepersonal in Italien teilweise während der ersten Corona-Welle absolvieren musste, kann sie sich daher nicht vorstellen.

Eine Schutzkleidung, wie diese Krankenschwester sie anhat, muss auch Stefanie Feiner tragen. Die Patienten sehen nicht mehr als die Augen der Pflegerinnen und Pfleger.
Eine Schutzkleidung, wie diese Krankenschwester sie anhat, muss auch Stefanie Feiner tragen. Die Patienten sehen nicht mehr als die Augen der Pflegerinnen und Pfleger. © Symbolfoto: Emrah Gurel/AP/dpa

Auch ihre Abschlussprüfung im Sommer musste sie mit einer solchen speziellen Schutzmaske schreiben. „Das war nicht schön“, meint sie. Die drei schriftlichen Prüfungen habe sie dennoch mit 1,0 abgeschlossen. Die praktische Abschlussprüfung, die sie auf der Intensivstation ablegen durfte, wurde mit 2,0 bewertet. Unterm Strich macht das eine Gesamtnote von 1,25. „Ich bin schon ein kleiner Streber, das muss ich zugeben“, sagt Stefanie Feiner. „Aber wahrscheinlich hatte ich so gute Noten, weil ich einfach so gern Krankenschwester werden wollte. Mir hat das Lernen Spaß gemacht. In den drei Jahren Ausbildung habe ich nicht einen einzigen Krimi oder irgendein anderes Buch gelesen. Ich habe dafür alles über Medizin verschlungen.“

14 Jahre lang Flugbegleiterin bei der Lufthansa

Dass sie mit Mitte 30 noch einmal eine Ausbildung angefangen und so erfolgreich abgeschlossen hat, brachte ihr im Freundeskreis viel Respekt ein. „Meine Hundesitterin hat mich neulich angerufen und wollte mir einfach nur Danke sagen für das, was ich hier jeden Tag tue“, erzählt die 38-Jährige.

„Viele haben mich gefragt, warum ich denn meinen alten Job aufgegeben habe“, erzählt Stefanie Feiner, die 14 Jahre lang als Flugbegleiterin bei der Lufthansa gearbeitet hat. „Auch diesen Job habe ich sehr gern gemacht. Aber nach so vielen Jahren war es für mich nicht mehr so befriedigend.“ Es sei schön gewesen, durch die Welt zu fliegen und jeden Tag eine andere Stadt zu sehen. „Doch ich wollte in meinem Leben immer etwas tun, wo ich das Gefühl habe, das ist wichtig und richtig“, sagt die Kamenzerin.

Das ist der Beruf der Krankenpflegerin in jedem Fall. Für Stefanie Feiner ist es der Traumberuf. „Ich kann mir mittlerweile nichts anderes vorstellen.“ Menschen zu helfen und sie bei der Genesung zu begleiten, mache ihr Spaß. Auch deswegen habe sie sich im Herbst freiwillig für die Corona-Station gemeldet. „Ich wollte mich in dieser kritischen Situation nicht verstecken“, sagt sie rückblickend. „Ich sehe nichts, ich höre nichts, ich sage nichts. Das ist nicht mein Motto. So ein Typ bin ich nicht. Ich helfe, wo Hilfe gebraucht wird.“

Abschalten erst auf der Gassirunde mit Hund Louie

Für eine Sache hat sie dennoch kein Verständnis. „Wenn ich Nachrichten von Corona-Leugnern höre und von Menschen, die behaupten, Corona sei nur ein Schnupfen, dann ärgert mich das extrem“, sagt sie. „Ich muss dann an die Menschen denken, die hier im Krankenhaus teilweise ums Überleben kämpfen.“

Auch deswegen versuche sie nach ihrer Schicht eigentlich keine Nachrichten mehr zu schauen und vor allem nicht mehr an die Arbeit zu denken. „Wenn ich meine Dienstkleidung ausziehe, dann bleiben die ganzen Gedanken an die Patienten hier“, sagt sie. Das gelinge ihr aber nicht immer. „Viele Schicksale bewegen mich. Mein Freund muss dann immer etwas herhalten. Er ist zum Glück sehr einfühlsam und hat viel Verständnis für mich. Dennoch versuche ich eigentlich, zu Hause nicht an die Arbeit zu denken, sonst gehe ich kaputt.“

So richtig abschalten könne sie dann erst bei ihrer Gassirunde mit ihrem dreijährigen Beagle Louie. „Ich bin dann draußen an der frischen Luft in der Natur. Dort habe ich meine Ruhe, es klingelt kein Patient und kein Telefon. Diese Stunde ist mir ganz wichtig“, sagt sie.

Außerdem treibe sie viel Sport. Mit ihrem Freund ist sie nach der Arbeit oft mit dem Rennrad unterwegs. „Selbst im Dezember haben wir eine 60-Kilometer-Tour gemacht. Sport ist ganz wichtig, um den Kopf freizubekommen.“ Zur Weihnachtszeit schaut Stefanie Feiner gerne Märchen im Fernsehen an. „Das zeigt ein bisschen die heile Weihnachtswelt. Auch da kommt man auf andere Gedanken“, meint sie mit einem Lächeln, bei dem die Erschöpfung nach der Arbeit fast vergessen scheint.

Die Serie "Mutmacher 2020“

2020 ist mehr als Corona. Auch in diesem Jahr haben Menschen ihr Glück gefunden, Neuland betreten und sich von Rückschlägen nicht unterkriegen lassen. Von ihnen und ihren Ideen berichten wir in unserer Serie: Mutmacher 2020: Sechs optimistische Geschichten zum Jahresende.

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