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Impf-Ärger mit glücklichem Ausgang

Monatelang hat ein Mann aus Neschwitz verzweifelt versucht, einen Impftermin zu bekommen. Dann ging alles ganz schnell - dank eines engagierten Arztes.

Ein Stich, der das Leben von Gerhard Lehmann aus Neschwitz ein Stückchen freier machen soll. Bei Dr. Scholze in Burkau wurde er am Mittwoch gegen Corona geimpft.
Ein Stich, der das Leben von Gerhard Lehmann aus Neschwitz ein Stückchen freier machen soll. Bei Dr. Scholze in Burkau wurde er am Mittwoch gegen Corona geimpft. © Steffen Unger

Burkau/Neschwitz. Genau um 15.01 Uhr war es am Mittwoch so weit, als der Burkauer Allgemeinmediziner Alexander Scholze in seiner Praxis den 85-jährigen Gerhard Lehmann gegen das Coronavirus impfte. "Ich bin glücklich, dass ich hierherfahren konnte", erzählt Lehmann im Gespräch mit Sächsische.de.

Über mehrere Monate hatte der Neschwitzer immer wieder per Telefon versucht, über die Impfhotline des Deutschen Roten Kreuzes und seinen Hausarzt an einen Impftermin zu kommen. Da er immer wieder aufs Neue vertröstet wurde, wandte er sich schließlich in seiner Verzweiflung an Sächsische.de.

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"Ich sitze in meiner Bude und gucke aus dem Fenster raus, das war's. Das einzige, was ich draußen mache, ist zum Einkaufen fahren", erzählte er in der vergangenen Woche. Denn er habe in seinem hohen Alter große Angst vor einer Ansteckung.

"Ich dachte, dem Mann muss ich helfen"

"Mit 85 Jahren ist es jemandem schwer zuzumuten, sich im Internet einen Termin auszumachen", sagt der Allgemeinmediziner Alexander Scholze aus Burkau. Während online immer mal wieder zahlreiche Termine frei sind, gibt es bei Vereinbarungen am Telefon große Probleme.

Dass Lehmann nach seiner Odyssee am Mittwoch nun endlich geimpft wurde, verdankt er einem Arzt, den er vorher gar nicht kannte. Denn als Dr. Scholze den Artikel am Sonnabend in der Sächsischen Zeitung gelesen hatte, reagierte er sofort. Er suchte nach Gerhard Lehmanns Telefonnummer und tippte sie in sein Telefon.

"Mein Ziel war es, ihm zeitnah zu helfen", erklärt Scholze. Er selbst kritisiert in diesem Zusammenhang die Impfstrategie in Deutschland als "unnötig bürokratisch". "Ursprünglich waren die Impfzentren als zeitlich befristete Sache angedacht, die sich verselbstständigt haben", sagt er. Zudem sei der Ablauf vor und während eines Impftermins dort sehr aufwendig gestaltet.

Arzt kritisiert umständliches Impf-Prozedere

Bei einer telefonischen Terminvereinbarung, wie sie Gerhard Lehmann monatelang versucht hatte, benötigt man erstmal Glück, um über die völlig überlastete Hotline jemanden zu erreichen. Denn die ist eigentlich für wesentlich weniger Anrufe auslegt, als jeden Tag ankommen.

Wer also keinen Computer besitzt, braucht vor allem Zeit und Ausdauer. Wenn man dann durchkommt, muss zudem ein Termin frei sein, der mindestens eine Woche in der Zukunft liegt. Denn die Unterlagen zur medizinischen Aufklärung werden per Post versandt und sollen ausgefüllt zum Impftermin mitgebracht werden.

Vor Ort hat ein Impfwilliger dann mit zahlreichen Personen zu tun, bis er tatsächlich zum Impfarzt gelangt und den Impfstoff gespritzt bekommt. "Das ist alles viel zu umständlich", findet Scholze.

Petition fordert: Impfen nur noch beim Hausarzt

Er fordert stattdessen: "Die Politik soll alle Impfstoffe für die Hausärzte freigeben." Denn seine Kollegen und er hätten keinerlei Probleme mit der Lagerung der Dosen, sie würden die Patienten persönlich kennen und könnten somit einfach viel schneller impfen. Außerdem würde das langwierige Prozedere, um einen Impftermin zu bekommen, durch einen einfachen Anruf beim Hausarzt ersetzt werden.

"Wir sind einfach näher an den Menschen dran", sagt Scholze. Aktuell bekomme er pro Woche gerade einmal zwölf Impfdosen von Biontech und ebenso viele von Astrazeneca geliefert. Um das zu ändern, schließt er sich einer Petition der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg an. Diese deckt sich genau mit seinen Forderungen.

"Die Bundesregierung und die Landesregierungen werden aufgefordert, sofort die Covid-Impfungen von den Impfzentren auf die Praxen der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte zu verlagern", heißt es in der Petition. Denn die Hausärzte hätten genügend Erfahrung in diesem Bereich. Jedes Jahr würden Millionen an Impfungen in den Praxen verabreicht werden. Genau diese Struktur müsse nun genutzt werden.

Aktuell ist die Petition noch weit von 50.000 digitalen Unterschriften entfernt. "Das Ziel wollen wir unbedingt erreichen", sagt Scholze. Denn erst dann müsse sich der Petitionsausschuss des Bundestags mit den Forderungen beschäftigen.

Vor Aufregung Probefahrt nach Burkau gemacht

Dass Hausärzte seit dem 7. April überhaupt gegen das Coronavirus impfen dürfen, ist für Gerhard Lehmann zum Glücksfall geworden. "Eine größere Freude hätte man mir nicht machen können. Ich danke allen Beteiligten - meiner Nachbarin Bärbel Pohle für ihre stetige Unterstützung, der Sächsischen Zeitung und vor allem Herrn Dr. Scholze für seinen Einsatz", sagt er.

Vor Aufregung habe er am Vortag extra eine Probefahrt von Neschwitz ins rund 17 Kilometer entfernte Burkau gemacht, um "den Impftermin ja nicht zu verpassen", erzählt er noch und betont: "Es gibt Doktoren, vor denen man nur den Hut ziehen kann."

Dass er schon in einigen Wochen wieder in Alexander Scholzes Praxis zu Gast sein wird, ist bereits klar. Denn auch die zweite Corona-Schutzimpfung wird in der Burkauer Arztpraxis stattfinden. Den Weg dorthin kennt er jetzt ja.

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