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Neue Prognose für Corona-Impfstoff

Deutschland hat sich Millionen von Impfdosen vertraglich gesichert. Die Pharmafirmen stehen noch vor einigen Hürden.

Eine Versuchsperson erhält im „Kaiser Permanente Washington Health Research Institute“ in Seattle eine Spritze mit einem potenziellen Impfstoff der US-Biotech-Firma Moderna gegen Corona.
In Deutschland arbeiten drei Unternehmen an einem Impfstoff.
Eine Versuchsperson erhält im „Kaiser Permanente Washington Health Research Institute“ in Seattle eine Spritze mit einem potenziellen Impfstoff der US-Biotech-Firma Moderna gegen Corona. In Deutschland arbeiten drei Unternehmen an einem Impfstoff. © ed S. Warren/AP/dpa

Von Finn Mayer-Kuckuk

Die Bundesregierung ist zuversichtlich, schon wenige Tage oder Wochen nach Zulassung eines Corona-Impfstoffs mit dessen Ausgabe an die Bevölkerung beginnen zu können. Es komme jedoch nicht nur auf Geschwindigkeit an: „Ein Impfstoff muss vor allem sicher und gut erprobt sein“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Dienstag in Berlin. Die Impfung solle auf jeden Fall freiwillig sein; Spahn ist überzeugt, auch dann auf den nötigen Anteil von 55 bis 60 Prozent geschützter Personen zu kommen.

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Die Bundesregierung hat sich nach Auskunft Spahns bisher 94 Millionen Impfdosen für die eigene Bevölkerung gesichert. Davon kommen 54 Millionen von der EU, die einen Großteil der Vorbestellungen für alle Mitglieder organisiert. Sie will die Impfdosen dann nach Bevölkerungszahl aufgeschlüsselt verteilen. Weitere 40 Millionen entfallen auf direkte Verträge der Bundesregierung mit den Anbietern. Laut Spahn stehe die EU in Verhandlungen mit weiteren Herstellern über die Lieferung von vielen Millionen weiteren Einheiten. Es werden vermutlich zwei Spritzen nötig sein, um vollen Schutz aufzubauen. Spahn rechnet damit, mit den auf EU-Ebene gesicherten Dosen rund 27 Millionen Deutsche in kurzer Zeit immunisieren zu können.

Substanz schlecht haltbar

Um die Bereitstellung der Impfstoffe zu beschleunigen, unterstützt Berlin die deutschen Hersteller mit 750 Millionen Euro. Davon gehen nach bisherigem Stand 375 Millionen Euro an das Mainzer Unternehmen Biontech und 230 Millionen an Curevac aus Tübingen. Der Rest des Geldes wird zu einem guten Teil an den Impfstoff-Spezialisten IDT Biologika aus Dessau-Roßlau gehen. „Wir wollen diese drei Unternehmen in die Lage versetzen, ihre Projekte breiter aufzustellen und schneller mit der Entwicklung voranzukommen“, sagt Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU).

Auf dem Weg zum Impfstoff sind noch viele Hürden zu nehmen. Biontech muss die dritte und letzte Phase seiner klinischen Studien zu Ende bringen; Curevac hängt sogar noch in Phase zwei fest. Beide Anbieter wollen schon vor Genehmigung durch die Behörden mit der Produktion beginnen. Sie stehen aber vor dem Problem, dass die Substanz auch bei Kühlschranktemperatur nur schlecht haltbar ist. Eines der Forschungsziele besteht darin, das Mittel robuster zu machen. Die deutschen Gesundheitsbehörden hoffen derweil, noch bis Jahresende die Genehmigung für einen der Impfstoffe erteilen zu können. Spahn warnt jedoch davor, dass es im ungünstigen Fall mit dem Impfbeginn noch bis Mitte 2021 dauern kann.

Karliczek und Spahn betonen mehrfach die „weltweite Verantwortung“, die ein starker Biotech-Standort wie Deutschland bei der Mitversorgung anderer Länder habe. Auch wenn es viele Politiker nicht so deutlich aussprechen: Es läuft ein Rennen darum, welcher Wirtschaftsraum die Impfsubstanz zuerst auf den Markt bringt, und wer seiner eigenen Bevölkerung am meisten davon sichern kann. „Da jeder nützliche Impfstoff unweigerlich knapp sein wird, haben die Regierungen Einzelverträge mit den Herstellern abgeschlossen“, schreiben Analysten der Deutschen Bank.

Fünf Impfdosen pro Einwohner

Die großen Volkswirtschaften haben jeweils bei mehreren Anbietern ein Vielfaches ihrer Bevölkerungszahl bestellt – in der Annahme, damit auch einen der frühen Erfolge zu erwischen. Die meisten Bestellungen sind bisher für den Impfstoff der Universität Oxford eingegangen, der vom Pharmakonzern AstraZeneca vermarktet wird. Fast alle Länder haben Verträge mit AstraZeneca. Auf Platz zwei liegt das Mainzer Unternehmen Biontech, dessen Pharma-Partner das US-Unternehmen Pfizer ist. Es folgen Moderna (USA) und Sinovac (China).

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Laut Berechnungen der Deutschen Bank haben Großbritannien und die USA am stärksten zugegriffen. Beide haben für jeden Einwohner fünf Impfdosen von verschiedenen Herstellern gesichert. Die EU wird auf vier Einheiten pro Einwohner kommen. Doch die Vielfalt der Anbieter und Techniken ist in den Abmachungen der EU ebenso divers wie in den US-Verträgen: Es sind jeweils Bestellungen bei sechs Herstellern besiegelt oder stehen kurz davor. Ebenso wie die USA hat die EU sowohl erhebliche Mengen des konventionellen Oxford-Impfstoffs als auch der High-tech-Variante von Biontech geordert. Während die Amerikaner größere Mengen von Moderna bestellt haben, will Europa sich auch bei Curevac versorgen, sobald dort die klinischen Tests abgeschlossen sind.

Alle Entwicklungen zur Corona-Pandemie lesen Sie in unserem Newsblog.

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