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Schönheitskur für ein 250 Jahre altes Schmuckstück

Ulrike und Ulrich Neumann haben ein berühmtes Haus in Neusalz zu Ferienwohnungen umgebaut. Dabei kamen unerwartete Geschichten zutage.

Ulrike und Ulrich Neumann haben ein traditionsreiches Umgebindehaus in Neusalza-Spremberg zu Ferienwohnungen umgebaut.
Ulrike und Ulrich Neumann haben ein traditionsreiches Umgebindehaus in Neusalza-Spremberg zu Ferienwohnungen umgebaut. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Schöner kann Idylle kaum sein. Vorn, vom Niedermarkt aus, sieht man die schmucke Fassade des Umgebindehauses in Weiß und Blau. Aber hinterm Haus tut sich ein wahres Paradies auf. Hier beginnt ein Traum von einem Garten - mitten in Neusalza-Spremberg: blühende Büsche, in denen sich Schmetterlinge tummeln, frische Kräuter und ein Weinstock, der an einem alten Gartenhäuschen empor rankt. Und weiter hinten auf der großen Wiese stehen Apfelbäume, ein riesiger alter Walnussbaum spendet Schatten.

Am langen Tisch unter der schattigen Pergola gleich hinterm Haus sitzen Ulrike und Ulrich Neumann. Sie haben aus dem über 250 Jahre alten Umgebindehaus am Neusalzer Niedermarkt dieses Schmuckstück mit dem zauberhaften Garten gemacht. Hier haben sie auch gemeinsam mit Freunden gesessen und eine kleine Party gefeiert, als sie mit der Sanierung des Hauses nach zweieinhalb Jahren endlich fertig waren. Und da haben sie gespürt: "Das wird was! Wenn unsere Gäste sich hier genauso wohlfühlen wie wir, dann haben wir alles richtig gemacht."

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Sechs Generationen in Familienhand

Da hätte sich bestimmt auch der alte Leberecht gefreut. Endlich ist wieder richtig Leben in seinem Haus. Wo der Neusalza-Spremberger Textilfabrikant einst wohnte, machen jetzt Familien Urlaub. Ulrike und Ulrich Neumann haben in seinem Haus drei Ferienwohnungen eingebaut.

Leberecht Hünlich ist quasi der Begründer der Textilindustrie in Neusalza-Spremberg gewesen, schon mit 18 gründete er einen Betrieb. Und er lebte mitsamt seiner Familie in einem großen zweistöckigen Umgebindehaus. Das ist schon 1758 erbaut worden, zehn Jahre später kaufte es Hünlich. Auch heute noch erinnert das Haus an diesen Ursprung: Neumanns haben die drei Ferienwohnungen nach den drei Kindern des Textilfabrikanten benannt: Herrmann, Alwine und Carl. Die Sprösslinge haben sich auch selbst im Haus verewigt. Hinter einer Holzverkleidung fanden Neumanns bei der Sanierung einen Schriftzug im Lehm: Herrmann und Alwine steht da per Hand in den Lehm geritzt. Neumanns haben die Schrift freigelegt gelassen und mit einer Glasplatte gesichert.

Sechs Generationen ist das Haus in Familienhand gewesen. Bis vor einigen Jahren der letzte Besitzer verstarb. Er war Pfarrer und vermachte das Haus der Kirchgemeinde. Die hatte aber keine Pläne damit. Und dann entdeckten Ulrike und Ulrich Neumann das Haus. Beim Spazierengehen - Ulrich Neumanns Eltern leben in Neusalza-Spremberg - fiel dem Ehepaar aus Oppach das stattliche Umgebindehaus auf.

"Das hat uns sofort gefallen", erzählt Ulrike Neumann. Sie und ihr Mann beschlossen, das Haus zu retten. "So ein Schmuckstück kann man nicht ewig leer stehen lassen." Nach dem ersten Kontakt mit der Kirchgemeinde hatten sie ein halbes Jahr Zeit, sich ein Konzept zu überlegen. Denn gesucht haben die Oppacher nicht nach einem Haus und hatten deshalb auch nicht gleich eine Idee parat. "Wir wollten es einfach nur retten."

Ziel: Leute für die Region begeistern

Die Blockstube im Erdgeschoss dient als großes Wohnzimmer einer Ferienwohnung.
Die Blockstube im Erdgeschoss dient als großes Wohnzimmer einer Ferienwohnung. © Rafael Sampedro
Im Garten lädt unter anderem eine Sitzgruppe ein. Außerdem gibt es in dem großen Areal viel zu entdecken.
Im Garten lädt unter anderem eine Sitzgruppe ein. Außerdem gibt es in dem großen Areal viel zu entdecken. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de
Mit den Ferienwohnungen wollen Neumanns vor allem Familien ansprechen.
Mit den Ferienwohnungen wollen Neumanns vor allem Familien ansprechen. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de
Auch eine Sauna ist eingebaut.
Auch eine Sauna ist eingebaut. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

In den darauffolgenden Monaten reifte die Idee, Ferienvermieter zu werden. "Unser Wunsch war es, Leute für die Region zu begeistern mit einem hochwertigen Beherbergungsangebot", fasst Ulrike Neumann ihre Vision zusammen. Denn viele suchen nicht gezielt nach einer bestimmten Region als Urlaubsziel, sondern wählen nach der Unterkunft aus. "Das machen wir selbst so. Wir sind auch schon im Bayrischen Wald gewesen, nur weil uns eine Unterkunft so gut gefallen hat. Sonst wären wir da nie hingefahren", erzählen Neumanns.

Im Zusammenhang mit ihrem Projekt haben sich Neumanns ausgiebig mit dem Thema Tourismus in der Region beschäftigt. "Im Kreis Görlitz gibt es eine Auslastung von rund 30 Prozent bei den Beherbergungsbetrieben. Im Vergleich zu ganz Deutschland ist da noch Luft nach oben", so Ulrich Neumann.

Ihr Vorteil: Der Trend gehe generell in Richtung Inlands-Urlaub, weiß Ulrike Neumann. "Im Ausland zu buchen, ist vielen einfach noch zu unsicher." Das bestätigen ihnen die Familien aus ganz Deutschland, die bei ihnen jetzt Urlaub buchen. "Die klassischen Reiseziele Ostsee und Bayern sind überfüllt und überteuert", so Frau Neumann. Die Menschen suchen sich Alternativen. Neumanns liegt es zudem am Herzen, größeren Familien ein schönes Urlaubserlebnis zu bieten. "Wer mehr als zwei Kinder hat, kriegt oft Probleme, eine geeignete Unterkunft zu finden", wissen sie.

Schwamm und Corona sorgen für Verzögerungen

Im Sommer 2018 erhielten Neumanns die Baugenehmigung für ihr Umgebindehaus. Schließlich dauerte es länger als gedacht und kostete viel mehr, als veranschlagt. Auf den ersten Blick habe das Haus noch ganz gut ausgesehen, sagt Ulrike Neumann. Aber dann wurde Schwamm entdeckt, es musste viel mehr saniert werden, als vorgesehen.

Und auch die erste Corona-Welle im Frühjahr 2020 brachte den Bau ins Stocken. Schiefer aus Spanien war zum Beispiel nicht mehr lieferbar, andere Baumaterialien kamen nur zögerlich.

Wie groß die Investition letztlich war, will das Ehepaar nicht verraten. Aber: Sie haben finanzielle Unterstützung bekommen. Zum einen für die Außensanierung von der Stadt aus dem Stadtsanierungsprogramm. Zum anderen aus dem Leader-Programm für innovative Beherbergungskonzepte. "Das ist eine gute Sache", sagt Ulrich Neumann. "Das hilft sehr bei solchen Projekten." Nur so könne man Leute ermutigen, so etwas zu wagen. Und auch die Sparkasse sei eine große Unterstützung bei solchen regionalen Vorhaben.

Den ganzen Sommer ausgelastet

Ende 2020 waren sie endlich fertig. Und dann hieß es: Warten auf das Ende des Lockdowns. Etliche Reservierungen mussten storniert werden. Seit dem ersten Tag, an dem das Beherbergungsverbot aufgehoben war, ist das Haus nun aber nahezu durchgängig belegt. Und auch den ganzen Sommer über sind die Ferienwohnungen voll ausgelastet - zum Großteil mit Familien. Dass es gleich von Anfang an so gut läuft, hätten Neumanns - trotz allem Optimismus - selbst nicht geglaubt. Von einem Wochenende bis zu zwei Wochen machen die Familien hier Urlaub.

Neumanns haben ihnen in einer digitalen Gästemappe alle nötigen Infos und Ausflugstipps zusammengetragen. "Wir haben in der Coronazeit selbst viele Wanderungen in der Region gemacht und haben die Routen zu den schönsten Stellen in der Umgebung zusammengestellt." Die Schmiedesteine, der Spreepark oder der Fuchsberg mit dem neuen Aussichtspunkt sind ihre Empfehlungen. Die Stadt hat in die touristische Infrastruktur investiert. Es gibt jetzt Schutzhütten, Infotafeln und Sitzgelegenheiten.

Und Neumanns haben bei ihren eigenen Erkundungen festgestellt: "Neusalza-Spremberg ist perfekt für Gäste. Alles, was man braucht, ist fußläufig zu erreichen." Sechs Bäcker, Fleischer, Gaststätte, Bahnhof, Freibad, tolle Spielplätze zählen sie auf.

Brombeermarmelade zum Frühstück

Nun hoffen sie, dass die Rechnung auch in den kommenden Jahren aufgeht und der positive Trend anhält. Mit den analytischen und kaufmännischen Aspekten beim Hausbau-Projekt des Ehepaares befasste sich vor allem Ulrich Neumann, der Betriebswirt ist. Seine Frau arbeitet als Landschaftsarchitektin, übernahm den kreativen Part. Und konnte sich bei der Gestaltung des einst wilden Gartens austoben.

Entstanden ist ein Nasch- und Kräutergarten, in dem sich die Gäste bedienen können: Äpfel pflücken, Wein ernten oder Kräuter zum Kochen zupfen. Und von den Früchten des üppigen Brombeerstrauchs, der sich am Zaun entlang rankt, kocht Ulrike Neumann Marmelade für die Gäste - fürs Urlaubsfrühstück unter der schattigen Pergola.

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