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Nicht alle Hausärzte schreiben per Telefon krank

Die Ausnahmeregelung soll das Corona-Ansteckungsrisiko senken. Doch in Sachsen mehren sich Bedenken.

„Hallo, ich fühle mich heute nicht gut!“: Bei Erkältungssymptomen können sich Patienten telefonisch krankschreiben lassen – aber nicht überall.
„Hallo, ich fühle mich heute nicht gut!“: Bei Erkältungssymptomen können sich Patienten telefonisch krankschreiben lassen – aber nicht überall. © dpa/Karl-Josef Hildenbrand (Symbolbild)

Morgens stehen die Telefone in den Hausarztpraxen kaum still. Denn aufgrund steigender Coronazahlen müssen sich Patienten anmelden und einen Termin vereinbaren, um mit möglichst wenigen Personen im Wartezimmer zusammenzutreffen. Seit Kurzem kommt ein weiterer Grund für häufig besetzte Telefone hinzu: Wer einen Infekt oder eine Erkältung hat, muss für eine Krankschreibung nun nicht mehr persönlich zum Arzt gehen. Er kann einen Krankenschein für bis zu sieben Tage und Rezepte telefonisch beantragen.

„Beantragen, aber nicht beanspruchen, denn die Ärzte sind nicht verpflichtet, Patienten per Telefon krankzuschreiben“, sagt Steffen Heidenreich, Vorsitzender des sächsischen Hausärzteverbandes. „Das darf und muss jede Arztpraxis selbst entscheiden.“ In Sachsen haben bereits mehrere Ärzte bekundet, diesen Service nicht anzubieten – auch Steffen Heidenreich, der eine Arztpraxis im vogtländischen Auerbach leitet. Denn Hausärzte haben ihm zufolge eine besondere Rolle im Gesundheitssystem, da sie meist die ersten sind, die den Patienten im Krankheitsfall sehen.

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Höhere zeitliche Belastung

„Erkrankte sind vorher von keinem Arzt angeschaut und untersucht worden. Das ist bei Fachärzten, die auf Überweisung arbeiten, völlig anders.“ Gegenüber Fachärzten nehme der Hausarzt eine Lotsenfunktion wahr und könne bei abklärungsbedürftigen Symptomen entsprechend reagieren. „Ich schreibe nicht per Telefon arbeitsunfähig, da ich meine Praxisabläufe so organisiert habe, dass ich jeden Patienten, der sich telefonisch anmeldet, auch persönlich anschauen und untersuchen kann.“

Für Hausärzte sei es ein Risiko und auch eine höhere Belastung, Krankenscheine nur nach einem Telefongespräch auszustellen. „Denn sie müssen sich ausreichend davon überzeugt haben, dass nichts Schwerwiegendes dahintersteckt“, so Heidenreich. „Und das ist am Telefon deutlich schwieriger und dauert auch länger, denn wir haben ja nur die Stimme, anhand derer wir die Situation einschätzen müssen.“ Aus seiner Sicht garantiere nur die persönliche Inaugenscheinnahme und die Behandlung mit allen Sinnen eine qualifizierte hausärztliche Diagnose und Therapie.

Corona-Symptome: Das ist anders bei Erkältung und Grippe

© Vergleich.org

Doch in Coronazeiten müsse man eben Kompromisse eingehen, meint Ingrid Dänschel. Die Hausärztin aus Mittelsachsen ist zweite Vorsitzende des sächsischen Hausärzteverbandes. „Durch das Angebot der telefonischen Krankschreibung wollen wir unsere Praxen von Corona freihalten, um Quarantäne und Praxisschließungen zu vermeiden. Damit schaffen wir die Voraussetzung, dass die hausärztliche Versorgung gesichert bleibt und Krankenhäuser entlastet werden.“ Vor allem müssten chronisch Atemwegs- oder Herzkranke vor Corona geschützt werden, denn bei diesem Personenkreis bestünde das Risiko für schwerere Verläufe der Covid 19-Infektionen.

Praktisch regelt das Dänschel so: „In meiner Praxis rufen Patienten, die Erkältungssymptome haben und einen Arbeitsunfähigkeitsschein brauchen, morgens an und hinterlassen ihre Rufnummer. Mittags rufe ich sie dann zurück und entscheide, wen ich in meine Infektsprechstunde bestellen muss.“ Diese finde im Anschluss an die reguläre Sprechzeit statt. In der folgenden Mittagspause würde das Wartezimmer gut gelüftet und alles desinfiziert. „In Coronazeiten ist es wichtig, dass Infizierte nicht einfach in die Praxis stolpern.“

Gesundheitsamt entscheidet über Abstände

Denn laut Landesärztekammer Sachsen muss die Praxis bei intensivem Kontakt mit einem positiven Patienten über mehrere Minuten, ohne dass der Arzt und das Praxispersonal Mund-Nasen-Schutz getragen haben, wegen Quarantäne geschlossen werden, bis die Testergebnisse negativ sind. Hat das Personal Maske getragen beziehungsweise die nötigen Sicherheitsabstände eingehalten, darf es weiterarbeiten, muss sich aber regelmäßig testen lassen. Über die Abstände entscheidet das zuständige Gesundheitsamt.

Ingrid Dänschel kennt die meisten ihrer Patienten schon seit Jahren, auch ihre Familien. „Das ist wichtig, um den Gesundheitszustand richtig einzuschätzen“, sagt sie. In diesem Fall habe sich die hausarztzentrierte Versorgung bewährt. Sie sei deshalb für ein Einschreibemodell, wonach jeder Patient einen festen Hausarzt hat, der alle weiteren Behandlungen koordiniert. Sie schreibe deshalb auch nur ihr bekannte Patienten telefonisch krank. „Wer vorher noch nie in meiner Praxis war, den möchte ich persönlich untersuchen.“

© dpa/Karl-Josef Hildenbrand (Symbolbild)

Die Fragen, die Ingrid Dänschel ihren Patienten am Telefon stellt, betreffen zum Beispiel die Art des Hustens, ob er trocken oder eher produktiv ist und wie der Auswurf aussieht. „Wichtig ist auch, ob das Krankheitsgefühl schleichend oder schlagartig begonnen hat, ob hohes Fieber aufgetreten ist oder sich die Temperatur nur leicht erhöht hat.“ Bei plötzlich auftretendem Fieber und Krankheitsgefühl sei ein Abstrich erforderlich, um eine Virusgrippe oder Corona auszuschließen.

Das alles kostet Zeit. Mittags habe sie voll damit zu tun, die Patienten telefonisch zu beraten. Auch Hausbesuche würden verstärkt anfallen. Wenn manche Kollegen ihr Praxispersonal mit der Ausstellung der Krankenscheine betrauen, findet sie das unverantwortlich. Denn es könne ja wirklich mehr dahinterstecken, und die Konsequenzen trage dann der Hausarzt.

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Blaumacher habe sie jedoch noch nicht erlebt, sagt Dänschel. Auch Steffen Heidenreich bestätigt das Ergebnis einer kürzlich veröffentlichten Untersuchung von Krankenkassen, wonach Versicherte das Angebot der Ärzte nicht ausnutzten. „Aber schwarze Schafe gibt es natürlich immer, die eine Krankschreibung per Telefon für ein paar zusätzliche freie Tage nutzen.“

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