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Kamenzer OB: "Es herrscht ein Gefühl der Bevormundung"

Roland Dantz fordert, die Läden schnellstens wieder zu öffnen - und bei Entscheidungen zu Corona-Maßnahmen nicht nur auf die Inzidenz zu schauen.

Der Kamenzer OB Roland Dantz drängt darauf, die Geschäfte jetzt schnell wieder zu öffnen.
Der Kamenzer OB Roland Dantz drängt darauf, die Geschäfte jetzt schnell wieder zu öffnen. © Kristin Richter

Kamenz. Vor wenigen Tagen hat der Kamenzer Oberbürgermeister Roland Dantz (parteilos) ein Statement veröffentlicht, mit dem er sich für die Öffnung von Geschäften, Gaststätten und Hotels ausspricht, - und damit viel Resonanz ausgelöst. Sächsische.de hat ihn gefragt, warum er denkt, dass eine Öffnung jetzt gerechtfertigt wäre, und ob er nun die Händler in seine Stadt einfach so öffnen lassen würde, ohne dass sie Konsequenzen befürchten müssten.

Herr Dantz, Sie fordern, die Läden schnellstens wieder zu öffnen, auch Gaststätten und Hotels, gerade in kleineren Städten. Andere pochen aber auf bestimmte Corona-Inzidenzwerte. Wo sehen Sie da Spielraum?

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Ich spüre, dass vielen Leuten der Frack platzt. Ich sehe nicht mehr die Notwendigkeit, den Blick nur starr auf diese Inzidenzwerte für die Infektionszahlen zu richten und die Menschen derart ihrer Lebensqualität zu berauben. Die Ausgangslage ist doch eine ganz andere als im Dezember und die Öffnung jetzt zu verantworten.

Was ist jetzt anders?

In den Krankenhäusern gibt es keine angespannte Situation mehr. Die Kliniken haben jetzt die Ressourcen, die Situation zu bewältigen, und sind auch bei Inzidenzwerten über 35 durchaus in der Lage zu handeln. Außerdem gibt es inzwischen Medikamente, die zur Verfügung stehen und zumindest für einen weniger schweren Krankheitsverlauf sorgen können. Die Hauptrisikogruppe ist in Sachsen so gut wie durchgeimpft. Wenn die nächste Welle käme, wäre die Gefährdung der alten Menschen doch ganz anders zu bewerten als im Vorjahr.

Klaus Lehmann vom Spiel- und Haushaltswaren auf dem Kamenzer Markt, der zurzeit nur Postdienstleistungen anbieten darf, begrüßt den Vorstoß des Kamenzer OBs. Für alle Einzelhändler sei die lange Schließzeit inzwischen beängstigend. "Die kleinen Händler si
Klaus Lehmann vom Spiel- und Haushaltswaren auf dem Kamenzer Markt, der zurzeit nur Postdienstleistungen anbieten darf, begrüßt den Vorstoß des Kamenzer OBs. Für alle Einzelhändler sei die lange Schließzeit inzwischen beängstigend. "Die kleinen Händler si © René Plaul

Sie knüpfen aber Bedingungen an die Öffnung. So könnten Geschäfte auch wieder geschlossen werden, wenn sich die Corona-Lage verschlechtert. Sehen Sie eine Akzeptanz dafür?

Bei vielen Geschäftsinhabern wäre das Verständnis dafür da. Ich bin kein Oberbürgermeister im Sinne einer verpflichtenden Regierungsgläubigkeit, aber auch nicht leichtfertig. Schließlich haben wir als Stadt selbst schon im April 2020 Schutzmasken für die Bürger organisiert. Aber die Unternehmer wollen doch nicht ewig am Tropf des Staates hängen, sondern ihre Entscheidungen verantwortungsvoll selbst treffen ohne diese gegenwärtig praktizierte Bevormundung.

Und wenn die Corona-Zahlen wieder steigen, der Sommereffekt ausbleibt?

Dann muss die Mobilität eben wieder eingeschränkt werden; aber erst bei bedrohlichen Infektionszahlen, wenn die Krankenhäuser doch wieder an die Grenzen zu kommen drohen. Aus meinen Gesprächen weiß ich: Für Gewerbetreibende ist das Risiko eines neuerlichen Lockdowns deutlich besser zu tragen, als noch länger zu schließen. Wie wäre sonst die Lage? Wenn kein Wunder im Frühjahr und Sommer bei den Inzidenzwerten passiert, müssten die Geschäfte weiter geschlossen bleiben, bis im dritten Quartal für alle ausreichend Impfstoff zur Verfügung steht. Es geht doch um Existenzen!

Ein Weg des Öffnens und dann wieder Schließens stand aber auch gerade wegen des Jo-Jo-Effekts in der Kritik. Langfristige Perspektiven wurden gefordert. Denken Sie an die Kulturbranche oder Gaststätten und Schwimmbäder. Wie sehen Sie das?

Natürlich ist das kein Modell für alle Branchen. Aber für den flexiblen Einzelhandel, die kleinen Geschäfte, sehe ich das schon. Der Jo-Jo-Effekt wird auch meines Erachtens dramatisiert. Das Modell ist keine Lösung für alles, aber für einen Großteil der gewerblichen Wirtschaft. Selbst für Theater sehe ich Möglichkeiten, mit Mundschutzpflicht fürs Publikum zum Beispiel. Man muss aber mit den Akteuren besprechen, unter welchen Bedingungen der Betrieb wieder machbar ist. Und wenn es mal eine Orchesterprobe ist, die für wenige Besucher geöffnet wird. Jetzt geht es zumindest um einen Kern des gesellschaftlichen Lebens. Ein Baumarkt ist doch in der Risikoeinschätzung nicht anders gelagert als ein Lebensmittelmarkt.

Sie sprechen von einer wirklich demokratischen Entscheidungsfindung, um die Masse der Bevölkerung mitzunehmen. Wie soll die aussehen und auch zügige Entscheidungen ermöglichen?

Es ist ein breites Gefühl der Bevormundung entstanden. Das ist nicht gut. Es geht mal zwei Wochen, von oben nach unten durchzuregieren, aber nicht über Monate. So entstehen Fehlleistungen, wie sie nun dramatisch auf die Gewerbetreibenden durchschlagen. Es wird wieder eine breitere Basis gebraucht. Dazu muss die Opposition mit an den Tisch und wichtige Verbände auch. Ich denke, dass auch so zügige Entscheidungen möglich sind.

Eine Leserin lobte ihr Statement zum Thema Ladenöffnung. Nun müssten aber auch Taten folgen, schreibt sie. Sie sollten sich als OB vor die Selbstständigen der Stadt stellen, sie auffordern, sofort zu öffnen, und ihnen die Sicherheit geben, dass keine Repressalien folgen. Was sagen Sie dazu?

Wir leben ja nicht in einer „Bananenrepublik“. Das Letzte, was wir brauchen, ist Anarchie und Chaos. Es müssen schnellstens verlässliche Spielregeln auf den Tisch, die eine geordnete Öffnung der Geschäfte ermöglichen. Unsere Appelle an Bund und Land, der Druck, der jetzt aufrechterhalten werden muss, sind auch dafür das geeignete Mittel. Ich glaube an das Bild des selbstbewussten und damit mündigen Bürgers. Es schließt ein, dass ich als Mensch nicht sofort alle Einkaufsmöglichkeiten, die mir angeboten werden, nutzen muss. Als Einzelner habe ich selber in der Hand, auch vorsichtig zu sein. Der Erwartungsdruck ist hoch. Aber es ist ja auch nicht zu übersehen, das Bewegung eintritt und die Ministerpräsidenten von dem Diktat der Inzidenz abzurücken beginnen.

Was sagen Sie zum Click & Meet-Prinzip, das Sachsen ab 8. März ermöglichen will?

Das ist keine Lösung. Es ist doch ausreichend, den begrenzten Zugang bezogen auf die Verkaufsfläche zu ermöglichen. Ich halte Click & Meet für lebensfremd und ehrlich, diese Anglizismen verstehen vielleicht eher die Jüngeren. Bei den älteren Kunden dürfte es eher Kopfschütteln erzeugen.

Wie schnell sollte jetzt geöffnet werden?

Es müssen die Spielregeln auf den Tisch – und dann sofort!

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