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Sachsens erstes Risikogebiet: Der zweite Besuch

Vor einem halben Jahr wurde das Erzgebirge Sachsens erstes Risikogebiet. Damals haben wir Oberwiesenthal besucht. Wie es den Menschen heute geht.

Annett Siegel verbringt gerade täglich vier einsame Stunden unter massenhaft hölzerner Gesellschaft, in ihrem Männelladen.
Annett Siegel verbringt gerade täglich vier einsame Stunden unter massenhaft hölzerner Gesellschaft, in ihrem Männelladen. © Arvid Müller

Schneemaschinen richten Turbinen ins Nichts, Sessellift-Sitze wirken wie Kaulquappen, die im Nebel festgefroren sind. Kein Fuß und keine Kufe hat die weiße Schicht durchkreuzt, die Sachsens größtes Skigebiet bedeckt. Die Verlassenheit in Oberwiesenthal, sie mutet an, als hätte jemand den Pausenknopf gedrückt. Nur Tom Häckels Radio bricht die Stille. "Am Anfang war es schön, Ruhe zu haben", sagt der 41-Jährige. "Aber ich kann es nicht leiden, dass gar nichts ist." Sobald er seinen Imbiss- und Skiverleihladen betritt, schaltet er das Radio ein.

Das ist der zweite Besuch unserer Reporterin in Oberwiesenthal. Die erste Reportage lesen Sie hier.

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Es hat die Außenbänke beschallt, als der Erzgebirgskreis mit einer Sieben-Tages-Inzidenz von 67 Infektionen auf 100.000 Einwohner zum ersten sächsischen Risikogebiet im Corona-Herbst wurde. Es singt, als ein halbes Jahr später der Wert mit fast 300 der zweithöchste in Sachsen ist.

Ohne Gäste ist Deutschlands höchstgelegene Stadt ein Geisterort. Ein Modellprojekt soll ihn bald wieder zum Leben erwecken.
Ohne Gäste ist Deutschlands höchstgelegene Stadt ein Geisterort. Ein Modellprojekt soll ihn bald wieder zum Leben erwecken. © Arvid Müller

"Wir sind guter Dinge, was bleibt uns übrig?", fragte Häckel damals, lächelte, drückte den letzten Touristen Eis in die Hand. Wie es ihm ergangen ist? "Gut", sagt er heute, lächelt, hebt einen Hocker von der Theke.

Seit 2019 Welterbe - und jetzt?

Damals hätte wohl niemand erwartet, dass Gäste ein halbes Jahr und länger fernbleiben könnten. Rücklagen seien aufgebraucht, von geplanten Renovierungen habe man nur die Nötigsten unternommen. "Aber das ist unternehmerisches Risiko."

Gut 24.000 Menschen leben im Erzgebirge direkt vom Tourismus, fast 900 Millionen Euro Umsatz brachte er vor Corona jährlich ein. Anfang 2020 hat der Branchenverband des Erzgebirges, das weit über den Landkreis hinausragt, noch jubiliert. Mit 3,18 von sachsenweit gut 20 Millionen Übernachtungen erreichte man 2019 einen Rekordwert.

Tom Häckel betreibt an der Schwebebahn seit 1999 Imbiss und Skiverleih.
Tom Häckel betreibt an der Schwebebahn seit 1999 Imbiss und Skiverleih. © Arvid Müller

Die Unesco hat die Montanregion 2019 zum Welterbe erklärt, man freute sich darüber, dass sie dank Fahrradtouren, Rodelbahnen und Wanderrouten zum Ganzjahresziel geworden sei. Gut ein Jahr später ist die Freude vergangen. Das Beherbergungs-Verbot treffe die Branche "sehr hart", heißt es vom Verband.

Schlitten hüten den Laden

Während Oberwiesenthal in der Wintersaison von 2018 auf 2019 fast 325.000 Übernachtungen in Unterkünften mit mehr als zehn Betten zählte – nur die berücksichtigt die Statistik –, sind diese Saison bis Februar nicht mal 50.000 zusammengekommen. Die 2.500-Seelen-Stadt wirkt ohne Tourismus wie ein Geisterort.

Im Radio wechselt sich Markus Söder mit Müsli-Werbung und Madonna-Covern ab, draußen zieht ein Mann mit Schäferhund an einer Zigarette. "An der Schwebebahn" heißt der Familienbetrieb, in dem Tom Häckel seit 1999 arbeitet.

Im oberen Stockwerk drängen sich Skistöcke und Schlitten neben eine Werkbank, ein Merkzettel verrät Kindergrößen. Die Schwebebahn ist abgereist. In Dresden besucht sie seit Februar eine Art Sicherheits-Reha. Seile werden gekürzt, Nieten geprüft. Wäre der Lockdown nicht gekommen, hätte sie bis Saisonende aushalten müssen. Auch ohne Corona wären die Ferien gerade vorbei, der Laden weniger gut besucht.

Wann kommt endlich der Modellversuch?

Das Schöne an Corona sei die viele Zeit in der Familie, sagt Häckel. "Ich habe das Gefühl, dass viele das Zwischenmenschliche als wichtiger empfinden." Und doch: "Nur zu Hause auf dem Sofa rumsitzen macht mir keinen Spaß, als Unternehmer ist man immer unruhig und will was tun." Häckel legt seine Arme auf den Silbergriff eines Servierwagens. "So klischeehaft es klingt: Am meisten fehlen mir die Gäste."

Der Geruch von kalter Fritteuse hängt in der Luft, eine Tafel verspricht Heißgetränke, Sektpiccolo und Lollipops rahmen die Kasse. Rentabel sei der Außer-Haus-Verkauf nicht, an Tagen wie Ostern habe er es trotzdem probiert. "Meine Leute haben sich gefreut: Heute machen wir mal eine schöne Currywurst mit Pommes." Gerade hat Häckel keine Zeit für Currywurst.

Vormittags die eine, am Abend die nächste Video-Konferenz, jede mit bis zu 70 Leuten, die meisten aus Oberwiesenthal. Sie wollen in ihrer Kleinstadt das Corona-Modellprojekt "Covid.ex" starten, ähnlich wie im mittelsächsischen Augustusburg.

Das wissenschaftlich begleitete Projekt soll den Tourismus zum Leben erwecken, indem es nur getestete Urlauberinnen und Angestellte zusammenbringt, den Status mit QR-Codes und App überprüft. Am 1. April sollte es starten, aus der Politik gab es Bedenken. Inzwischen haben Kreis und Land zugestimmt, es fehlt nur noch der Bund.

"Die hohen Herren in Dresden und Berlin"

"Es nützt niemandem, wenn du drei Tage öffnest und dann kommt der Hammer. Die Gesundheit geht klar vor das Unternehmerische. Vielleicht kann am Ende des Monats wieder sicher Urlaub gemacht werden." Das Radio verstummt, Häckel schließt den Laden ab und geht. Es ist so leise, dass man die Flocken fallen hört.

Hoteldirektor Olaf Thimmig scheint der Schnee zu ärgern. Vergangenen Februar hätte er ihn brauchen können. Dieses Jahr erinnert er ihn nur daran, wie gut der Laden laufen könnte. Im Oktober hat der 55-Jährige, der drei Hotels in Oberwiesenthal leitet, noch in Hemd, Sakko und Lederschuhen empfangen. An diesem trüben Mittag schlappt er im grün melierten Kapuzenpulli an der Rezeption vorbei.

Olaf Thimmig, Direktor von drei Hotels, könnte kaum frustrierter sein.
Olaf Thimmig, Direktor von drei Hotels, könnte kaum frustrierter sein. © Arvid Müller

Der salzige Geruch nahe des Wellnessbereichs ist verflogen, die Heizung im Frühstücksraum kalt. Am 1. November hat Thimmig die letzten Gäste verabschiedet. 2019 besuchten fast 60.000 die Hotels. Vergangenes Jahr 18.500 weniger. Seither verfinstert sich die Laune des gelernten Kochs aus Berlin, der BWL studierte und 2015 ins Erzgebirge kam. "Früher hatte ich eine Sieben-Tage-Woche von morgens bis abends. Jetzt gibt es überhaupt keine Struktur." Die meiste Zeit verbringt er zu Hause, liest Mails, verwaltet.

80 Prozent Belegung sind das Minimum

Die finanzielle Lage sei eine Katastrophe. Corona-Leugner, beteuert Thimmig, sei er nicht. Nur frustriert, weil "die hohen Herren in Dresden und Berlin" sich täglich Neues einfallen ließen. Plexiglasscheiben für 12.000 Euro habe er gekauft, ein Restaurant für Mindestabstände umgebaut. Immerhin der Sommer sei 2020 so gut wie nie gewesen. Wie Ostsee und Sächsische Schweiz hat auch das Erzgebirge vom innerdeutschen Tourismus profitiert.

Von der Modellprojekt-Öffnung hält Thimmig wenig. Die vorgesehene 50-Prozent-Belegung genüge nicht. "Ich muss Ware für drei Häuser kaufen, putzen. 80 Prozent sind das Minimum. Ein Experiment geht schnell nach hinten los." Er hoffe auf die Öffnung am Vatertag, dem 13. Mai. "Meine große Sorge ist, dass meine Belegschaft alles vergessen hat.“ 99 Prozent kommen aus Tschechien. "Zum Glück habe ich eine Firma gefunden, die Reinigungsmittel auf Tschechisch anbietet." Mit den Köchen werde er alle Menüs kochen, mit dem Service Grundregeln besprechen.

Shopping in Oberwiesenthal? Derzeit nur noch mit Termin.
Shopping in Oberwiesenthal? Derzeit nur noch mit Termin. © Arvid Müller

Die Hoffnung wohnt ums Eck. "Achtung, Dacheis", steht auf dem Haus, das als Testzentrum dient. Annett Siegel lässt ihren Blick zurück in ihren Laden schweifen. Lackierte Blumenmädchen in gepunkteten Kleidern und spitzohrige Hasen mit Schultüten, bärtige Männer und Katzen so klein wie Kidneybohnen rahmen die Hüterin der Holzfiguren.

Für pralle Regale ist die Ladenbesitzerin bekannt. Seit einem halben Jahr sammelt sich mehr als gewünscht an. Rund zehn "Männel-Läden" gibt es in Oberwiesenthal. Neben dem Skiverleih ist es der zweite Einzelhandelszweig. Ihre Kundschaft besteht zu 95 Prozent aus Touristen, das sagte Siegel schon im Oktober. Damals ging sie davon aus, dass die Wintersaison stattfindet. "Mit einem blauen Auge" werde sie davon kommen.

Und jetzt? "Habe ich zwei dicke blaue Augen", sagt sie, zuckt mit den Schultern und lacht. Vier Stunden verbringt Siegel täglich im Laden. Click & Meet lohne sich kaum, "aber ich brauche ein Stück Normalität, Struktur." Wenn sich doch mal ein Osterhase verkauft, "ist das was fürs Gemüt". Auch einen Onlineshop hat Siegel entgegen ihrer langjährigen Überzeugung eröffnet.

Ohne Kredit wäre der Laden verloren

Drei Stunden verbringt sie täglich damit, fotografiert Figürchen, schreibt Texte. "Wir verkaufen hier Emotionen, keine Waschmaschinen. Die Leute kommen rein, riechen Holz. Sie sitzen nicht vor einer viereckigen Kiste." Fuß zu fassen in dem "Haifischbecken Internet" sei schwer. "Aber aufgeben ist keine Option. Mein Laden ist mein Leben und wird es immer bleiben."

Vor rund zehn Jahren kam die gebürtige Oberwiesenthalerin aus Baden-Württemberg in ihre Heimatstadt zurück, übernahm dort die "Kunststube". Jahrelang seien alle Einnahmen in den Laden geflossen, danach habe sie den Großteil zurückgelegt.

Einen Kredit musste sie nun trotzdem aufnehmen. "Ich bin immer noch positiv, man hat mir zum Glück ein sehr sonniges Gemüt in die Wiege gelegt", sagt sie. "Aber es fällt mir schwerer. Zu Hause rumort es auch mal.“ Unzufriedenheit über das Hin und Her könne sie gut verstehen. "Aber Querdenken mit seinen Massenansammlungen ist für mich völlig unbegreiflich."

Im Sommer kommen am Bahnhof von Oberwiesenthal Wanderer an - im Winter eher Skifahrer.
Im Sommer kommen am Bahnhof von Oberwiesenthal Wanderer an - im Winter eher Skifahrer. © Arvid Müller

Mir ihrem Vater verbringt Siegel jedes Wochenende in der Werkstatt, baut Holz-Dekorationen. Ihre Mutter hilft im Haushalt, ihr Hund Jacky, ein Zwerg-Collie, dem Gemüt. "Meine Achillesferse wäre, wenn jetzt was mit der Familie oder der Fellnase passiert. Das würde mich kaputt machen."

An diesem Nachmittag liegt die Achillesferse zu Hause und schläft. Annett Siegel und ihre Männeln halten Wache. Gemeinsam mit Tom Häckel, Ski-Star und Hotelier Jens Weißflog und vielen anderen engagiert sie sich für das Corona-Modellprojekt. Bis zum Ende der Woche soll die Entscheidung gefallen sein.

"Das darf nicht nur auf Mallorca gehen"

"Gerne jetzt alles außer Lebensmittelgeschäfte dichtmachen, noch mal richtig zusammenreißen, aber dann ist auch gut, dann raus aus dem Tal", sagt Siegel und unterstreicht ihre Worte mit der Gestik einer Dirigentin, die Pauken treibt.

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Die Perspektivlosigkeit sei das Schlimmste, das Hängen am Rockzipfel statt Eigenverantwortung für den Laden, die Mitarbeitenden. "Mit Impfstoff wird alles besser. Ich verstehe nicht, warum in die Kreise, wo es explodiert, nicht mehr geliefert wird."

Wie die Lage in einem weiteren halben Jahr wohl aussehen wird? "Wenn die Leute wieder dürfen, saugen sie es auf", sagt Siegel. "Gern mit Maske, aber man muss sich ein Stück wieder frei bewegen können. Das darf nicht nur auf Mallorca gehen."

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