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Corona: Drama um verschobene Operationen

Sie braucht dringend eine Operation. Doch wegen Corona platzt der Termin - ein Beispiel von vielen, das nicht als "Notfall" gilt. Gibt es eine Chance?

Der Eingang zum Krankenhaus Waldfriede in Berlin. Hier gelangt derzeit selbst, wer einen Unfall erlitten hat, nicht ohne Weiteres hinein.
Der Eingang zum Krankenhaus Waldfriede in Berlin. Hier gelangt derzeit selbst, wer einen Unfall erlitten hat, nicht ohne Weiteres hinein. © Andreas Austillat

Von Andreas Austillat

Theresa Bergemann* (Name geändert) steht in der Küche ihrer Berliner Wohnung, als ihr plötzlich für einen Moment schwarz vor Augen wird. Vielleicht ist sie gestürzt. Was damals, Anfang September 2020, genau passiert ist, kann die Kreuzbergerin nicht erklären. Wieder bei Sinnen ist ihre rechte Hand dick, heiß und „quietschrot“, wie sie am Telefon berichtet. Die Schmerzen seien so stark gewesen, dass sie geschrien habe, was die 70-Jährige nicht oft tut.

Vorbei sind ihre Schmerzen bis heute nicht. Dabei hätte ihr längst von Fachleuten geholfen werden können. Doch die pensionierte Lehrerin und ihre Hand sind Teil eines größeren Dramas, das sich seit Beginn der zweiten Coronavirus-Welle im Herbst 2020 in etlichen Krankenhäusern abspielt und viele Menschen betrifft, die dringend medizinische Hilfe bräuchten.

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Ihr Orthopäde diagnostiziert nach dem Sturz einen Sehnenanriss am Daumen. Dazu kommt eine fortgeschrittene Arthrose im Daumensattelgelenk im vierten und höchsten Stadium. Bergemann kann kein Glas greifen, keine Türklinke hinunterdrücken, sich nicht die Schnürsenkel binden. Sie muss operiert werden.

Keine Lösung für viele Patienten

Allerdings gibt es ein Problem: Der Eingriff, der ihr bevorsteht, zählt zu den Operationen, die man planen kann, und das macht seit März 2020 einen Unterschied, wie Bergemann bald erfahren wird.

So wie sie warten Hunderte Patienten auf eine Operation, die nicht als Notfall gilt. Wie viele es sind, lässt sich derzeit noch nicht verlässlich sagen. Immerhin geht Reinhard Brücker, Vorstandschef der Krankenkasse Viactiv BKK, davon aus, dass die Zahl der stationären Behandlungsfälle 2020 nur etwa 85 Prozent von 2019 erreicht haben.

Den Rückgang führt er freilich nicht pauschal auf das Verschieben planbarer Operationen zurück, zumal viele Fälle, die sonst vielleicht stationär behandelt worden wären, ambulant versorgt wurden. Doch unstrittig ist, dass genug Patienten übrig bleiben, für die das keine Lösung ist, und dass der quarantänebedingte Ausfall einer Klinik wie des Humboldt-Klinikums diese Warteliste noch verlängert.

Hilft die Spezialklinik?

Spezialisiert auf einen Eingriff, wie ihn Bergemann benötigt, ist das Krankenhaus Waldfriede. Zwar zählt das 160-Betten-Haus zu den eher kleineren unter den 72 Berliner Kliniken. Doch in einschlägigen Rankings belegt es seit Jahren einen der vorderen Plätze. Außerdem ist seine Hand- und Fußchirurgie die größte in Berlin und die drittgrößte in Deutschland.

Leiter der Handchirurgischen Abteilung ist Martin Lautenbach, ein bekannter Name in seiner Disziplin. Er bestätigt, dass das Daumengelenk operiert werden müsse. Der Operationstermin wird auf den 10. Dezember festgesetzt. Doch dann durchkreuzt das Coronavirus den Plan. Dabei ist das Krankenhaus Waldfriede kein Level-1-Haus wie die Charité, die die gesamte Intensivversorgung von Covid-19-Patienten koordiniert. Im Krankenhaus Waldfriede kämpfen keine Corona-Patienten an Beatmungsmaschinen um ihr Leben. Da werden die leichteren dieser Fälle behandelt.

Aber es ist eine Notfallklinik mit einer eigenen Rettungsstelle, und die Pandemie hat auch auf ein Haus wie dieses dramatische Auswirkungen. Eine erste Ahnung erhält, wer sich der Klinik das erste Mal nähert. Um hineinzukommen, braucht er nämlich einen guten Grund. Einen Patienten zu besuchen, reicht in der Regel nicht, es sei denn, man wird Vater oder besucht einen schwerstkranken Angehörigen. Doch selbst, wer einen Unfall erlitten hat, gelangt nicht ohne Weiteres hinein.

Erster Lockdown "vergleichsweise harmlos"

Kommt er über die Rettungsstelle, wird dort ein Corona-Test durchgeführt. Kommt er aus eigener Kraft, muss er in die Kapelle. Nur das Kreuz an der Wand und die kleine Bühne zeugen von ihrer ehemaligen Funktion. Flatterband und Bodenmarkierungen lenken jeden Ankömmling zur jetzigen Bestimmung: In dem 340 Quadratmeter großen Saal finden seit Oktober keine Gottesdienste mehr statt. Die Kapelle ist zum krankenhauseigenen Testzentrum umgewidmet worden, was etwas heißen will in einem Haus mit kirchlichem Träger.

Am 10. Dezember fährt Bergemann mit der U-Bahn zur geplanten Operation. Drei Stationen liegen noch vor ihr, da erreicht sie die Nachricht: Operation abgesagt.

„Die Zeit des ersten Lockdowns im März war im Rückblick vergleichsweise harmlos“, erinnert sich Bernd Quoß an den Beginn der Pandemie. Er steht in seinem Büro. Eine Wand ziert ein Bild des Brandenburger Tores, an der anderen hängt ein Kreuz. Er ist seit acht Jahren der Chef des Vorstandes vom Netzwerk Waldfriede. „Im März hatten wir sieben Corona-Patienten und eine infizierte Mitarbeiterin, die sich die Krankheit privat zugezogen hat.“

Deutlich mehr Unfallverletzungen

Doch das Haus musste seinen Betrieb einschränken. Auf Aufforderung des Senats waren alle planbaren Operationen zurückzustellen. Zwar schien sich die Lage im Sommer wieder zu entspannen – bis zum 12. November, als die Anweisung erneuert wurde. Diesmal ging sie ausdrücklich an alle 38 Häuser mit einer eigenen Rettungsstelle. Zwar werden Covid-19-Fälle vorrangig in den Kliniken der Level 1 und 2 versorgt. Dafür aber ging es wieder darum, Freiräume für Akutfälle zu schaffen. „Das gilt bis heute“, sagt Quoß. Zwei Intensivpflege- und zwölf normale Krankenbetten müssen danach frei gehalten werden.

Bernd Quoß, Vorstandschef des Netzwerks Waldfriede, sieht auch ein ethisches Problem in der Beschränkung auf medizinisch notwendige Eingriffe.
Bernd Quoß, Vorstandschef des Netzwerks Waldfriede, sieht auch ein ethisches Problem in der Beschränkung auf medizinisch notwendige Eingriffe. © Andreas Austillat

Waldfriede-Patienten setzten sich vor der Pandemie im Wesentlichen aus drei Gruppen zusammen, sagt Lautenbach: „Wir haben normalerweise ein Drittel Rheumaerkrankungen und ein Drittel degenerative Fälle.“ Zu Letzteren zählen Arthrose-Patienten wie Bergemann. Das übrige Drittel sind die Unfallverletzungen.

„Inzwischen operieren wir 80 bis 90 Prozent Unfallverletzungen“, sagt Lautenbach, darunter viele Fälle, die sich schon in anderen Kliniken vorgestellt hätten, aber weitergeleitet würden, da anderswo entweder keine Kapazitäten mehr frei seien oder andere Ressourcen vorgehalten werden müssen. Auch die Charité leitet Notfallpatienten dahin weiter, um zusätzlichen Platz für Covid-Patienten zu behalten.

Die Zahl der Corona-Fälle steigt

Zu den medizinisch notwendigen Fällen, die jetzt Vorrang haben, gehören aber nicht nur Unfallverletzte. Auch Krebspatienten der Onkologie können nicht warten, neben Hand- und Fußchirurgie, Gastroenterologie und Gynäkologie einer der Schwerpunkte des Krankenhauses.

Das alles verengt den Spielraum für Patienten wie Bergemann, auch wenn unstrittig ist, dass sie leidet und in ihrem gewohnten Alltag massiv eingeschränkt ist. Dennoch sprach vieles dafür, dass ihre Wartezeit im Dezember enden würde – bis sich immer mehr Mitarbeiter des Krankenhauses infizierten.

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen steigt die Zahl der Corona-Fälle in der Belegschaft in den Wochen vor Weihnachten auf 52 Ärzte und Pfleger, eine enorme Zahl bei 350 medizinischen Mitarbeitern. 14 weitere sind als Verdachtsfälle in Quarantäne. Es dauert, bis der dreimal wöchentlich tagende Pandemiestab die Ursache identifizieren kann.

Von der Rechts- zur Linkshänderin

„Wir hatten eine demente Patientin, die überdies taubstumm war“, erinnert sich Quoß. Damit die Frau von den Lippen ablesen konnte, wenn man versuchte, mit ihr zu kommunizieren, nahmen Pfleger die Maske ab – und haben sich mutmaßlich auf diese Art infiziert. Die Patientin wurde zur Superspreaderin. Zu den Opfern könnte auch der Pastor des Hauses gehören, der inzwischen an Corona gestorben ist.

Zu den Arbeitsbelastungen, die der erhöhte Schutzaufwand mit sich brachte, in dieser Phase waren es täglich bis zu 23 Corona-Patienten, kam nun die Verunsicherung. Für Bergemann aber bedeutete das, dass zu der Betten- nun auch die Personalknappheit kam, sie sich auf einen neuen OP-Termin einrichten musste. Der wurde ihr für Mitte Januar in Aussicht gestellt.

Längst hatte Bergemann, die immer stolz auf ihr selbstbestimmtes Leben war, begonnen, sich auf eine längere Beschränkung einzurichten. Die Rechtshänderin versucht, sich auf links umzuschulen. „Mit der rechten Hand fällt ja viel mehr aus, als man sich gesund vorstellen kann“, sagt sie. Sie besorgte sich Hilfsmittel, die ihr den Alltag erleichtern sollten, erzählt von ihrer Küchenmaschine für 250 Euro. „Die kann schälen, schnippeln, Teig machen“. Sie braucht mechanische Anziehhilfen, mit denen es ihr gelingt, eine Bluse zuzuknöpfen, und eine Putzfrau, die ihr im Haushalt hilft. Natürlich kostet sie das alles Geld.

Kleine Krankenhäuser unwirtschaftlich?

Auch Quoß macht eine Rechnung auf. Er kennt für sein Haus bereits die Zahl der ausgefallenen Operationen. 680 Patienten hätten sie 2020 weniger versorgen können, 550 Operationen mussten auf 2021 verschoben werden. Die sich daraus ergebende Einbuße beziffert er auf gut drei Millionen Euro.

Das Waldfriede mag ein kleines Krankenhaus sein. Es steht aber für ein Netzwerk. Dazu gehöre auch die präventive Medizin, sagt Quoß.

Doch dieser Bereich mit Angeboten wie Aquafitness, Gymnastik, Fortbildungskursen, der mit dazu beiträgt, dass das Netzwerk einer der größten Arbeitgeber in Steglitz-Zehlendorf ist, ist geschlossen. Auch das bringt Verluste mit sich, die er noch nicht berechnet hat.

Normalerweise wären das alles Einbußen, die eine Klinik in ihrem Bestand gefährden können. Noch vor zehn Jahren galt, dass kleinere Häuser mit wenig mehr als 100 Betten keine Überlebenschance haben. Sie galten als unwirtschaftlich.

Spezialisierung war die Rettung

2016 sorgte ein Diskussionspapier der nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina für Aufsehen, in dem die Frage aufgeworfen wurde, ob Deutschland nicht ohnehin zu viele Krankenhäuser habe – eine Debatte, die in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung 2019 noch zugespitzt wurde. Statt der 1.400 deutschen Kliniken würden 600 ausreichen, um den Bedarf zu decken.

Gesundheitsminister Jens Spahn griff den Gedanken im Februar 2020 auf und sprach davon, dass man den Mut zu Krankenhausschließungen haben müsse. Tatsächlich waren 2020 Klinikschließungen nicht nur auf dem Land ein Thema, beispielsweise in Havelberg, wo das Krankenhaus im Januar seinen Betrieb einstellte, sondern auch in Berlin, wo das Wenckebach-Krankenhaus seinen stationären Betrieb am Standort in Tempelhof aufgibt.

Immerhin, Quoß nimmt für sein Haus in Anspruch, seit 2016 schwarze Zahlen zu schreiben, was unter anderem daran gelegen habe, dass man frühzeitig auf Spezialisierung gesetzt hätte, die im Übrigen auch die nötige Expertise garantiere. Zum anderen ist er sich sicher, dass sein Haus die Leistungsfähigkeit einer 160-Betten-Klinik bewiesen habe, mit kurzen Wegen, flachen Hierarchien und einem Team, das Flexibilität und Improvisationstalent vorlebe.

Es gibt Geld vom Bund

Alle seien in der Krise bereit gewesen, notfalls in anderen Bereichen Aufgaben zu übernehmen. Mitarbeiter aus der Qualitätskontrolle sprangen im Coronavirus-Testcenter ein, Physiotherapeuten haben Fieber gemessen bei Besuchern. Er wertet es auch als Vorteil, dass man kaum Leasingkräfte beschäftige. Derzeit sind es acht.

Wenn Quoß sagt, er wolle daher nicht klagen, dann liegt das auch am Rettungsschirm, den die Bundesregierung Krankenhäusern gewährte, die Betten frei halten mussten. 660 Euro wurden für jedes nicht belegte Bett pro Rechnungswoche bezahlt. Er galt bis 30. September und ersetzte vielen Häusern ihre Ausfälle. Anschließend gab es eine Neuauflage. Sie wird nun bis zum 28. Februar fortgeführt.

Wird die OP je stattfinden?

Es gehe aber nicht nur um die wirtschaftliche Lage, sagt Quoß. Die Beschränkung auf medizinisch notwendige Eingriffe bringe auch ein ethisches Problem mit sich. Wer entscheidet denn, was medizinisch notwendig ist? Und kann das tatsächlich nur auf akute Fälle reduziert werden? Natürlich nicht, pflichtet ihm Lautenbach bei. „Es tut mir um jeden Patienten leid, der verschoben werden muss, denn ich behandle keine Fälle, die nichts haben“, sagt er. Einem Patienten mit Schmerzen zu sagen, dass er warten müsse, sei belastend.

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Bergemanns Termin im Januar ist inzwischen auch verstrichen. „Noch nie war ich auf Hilfe angewiesen“, sagt sie. Nun hat Bergemann von ihrer Versicherung einen Pflegegrad bewilligt bekommen. „Es hat mich 14 Tage Kampf gekostet“, sagt sie. „Ich habe in meiner Verzweiflung nicht lockergelassen.“ Dann ist ihr eine Entlastungshilfe zugestanden worden und sogar eine Sicherungspflege, was bedeutet, dass ihr täglich eine medizinisch geprüfte Kraft hilft. Auch diese Hilfe ist befristet – bis zum 16. Februar, dem Tag, an dem nun ihre Operation stattfinden soll. „Aber ehrlich“, fragt sie zum Schluss, „glauben Sie daran?“

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