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Wenn ein Dorf zum Corona-Hotspot wird

In Oppach ist das Virus ins Pflegeheim gelangt. 20 Bewohner und Mitarbeiter sind bereits infiziert. Und Birgit Wagner muss schwere Entscheidungen treffen.

Stille überm Haus Sonnenblick: Das Pflegeheim in Oppach steht unter Quarantäne.
Stille überm Haus Sonnenblick: Das Pflegeheim in Oppach steht unter Quarantäne. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Es geht das Gerücht in Oppach, der Auslöser sei eine private Feier gewesen. Nicht erst gestern, sondern schon vor knapp zwei Wochen. Aber wer will die Wege, die das Corona-Virus seitdem im Dorf genommen hat, schon noch so weit zurückverfolgen? Wer von den inzwischen positiv Getesteten kann schon noch sagen, wann und wo er sich angesteckt haben könnte, bei wem und welcher Gelegenheit? Und wem er das Virus womöglich schon längst weitergegeben hat?

"Das lässt sich alles nicht mehr nachvollziehen", sagt Birgit Wagner. Die Prokuristin der Diakonie Löbau-Zittau sitzt am Schreibtisch im Homeoffice. Unaufhörlich klingelt das Telefon. Es kann auch niemand mehr nachvollziehen, wer das Virus in das Pflegeheim "Haus Sonnenblick" getragen hat. Ein Mitarbeiter? Ein Therapeut? Ein Besucher? 

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Birgit Wagner blickt nachdenklich. Es sei müßig, darüber nachzudenken, sagt sie. "Wir müssen die Welle stoppen, das ist das einzige, was jetzt zählt." Das Oppacher Pflegeheim gehört zu den Einrichtungen, für die Birgit Wagner verantwortlich ist. 

20 Bewohner und Mitarbeiter des Hauses sind mittlerweile nachweislich mit Corona infiziert. Es könnten auch noch mehr sein. Auf einen großen Teil der Testergebnisse aller 61 Bewohner und 55 Mitarbeiter wartet die Einrichtung noch. Birgit Wagner macht niemandem einen Vorwurf. "Die Labore sind doch inzwischen vollkommen überlastet", sagt sie. "Und das Gesundheitsamt auch."

Corona-Tests erst nach fünf Tagen

Aber hätte es nicht doch schneller gehen können? Fast zwei Wochen ist es jetzt her, als der erste positive Corona-Fall im Pflegeheim bekannt wird. Damit alle im Haus schnellstmöglich getestet werden, bietet die Diakonie an, die Abstriche selbst vorzunehmen. Mit ausgebildetem Pflegepersonal sei das schließlich kein Problem. "Aber dann hat es fünf Tage gedauert, bis wir das Testmaterial hatten", schildert Birgit Wagner.

 Inzwischen sind elf Tage vergangen seit dem ersten Fall - und noch immer nicht alle Testergebnisse da. Wahrscheinlich sind die ersten mit dem Schlimmsten schon durch, vermutet Birgit Wagner. "Aber ungeachtet dessen behandeln wir jetzt alle, als wären sie infiziert", erklärt sie. "Das ist ja die einzige Möglichkeit, wirklich auch die zu schützen, die es noch nicht sind." 

Das aber hat jetzt harte Konsequenzen. Und Birgit Wagner muss schwere Entscheidungen treffen: Alle Bewohner stehen jetzt unter Quarantäne. Sie dürfen nicht mehr hinaus, und - außer dem Pflegepersonal in Vollschutz - darf auch niemand mehr hinein, auch ein Seelsorger nicht.

Problematische Situation im Pflegeheim

Die infizierten Mitarbeiter müssen zu Hause bleiben. Um auszuhelfen, fahren jetzt die Kollegen aus der Mittelherwigsdorfer Tagespflege nach Oppach. Die Tagespflege ist seit Mittwoch geschlossen, nachdem mehrere der dort betreuten Gäste Symptome gezeigt hatten und eine Mitarbeiterin positiv getestet worden war. "Die Besetzung in der Tagespflege ist jeden Tag eine andere", erklärt Birgit Wagner. "Das Virus hätte sich immer weiter verbreiten können. Das können und wollen wir nicht verantworten."

Die Situation im "Haus Sonnenblick" ist mehr als schwierig. Einziger Kontakt für die Bewohner sind die Mitarbeiter in ihren Vollschutzanzügen. "Sie geben alle ihr Bestes, versuchen Nähe herzustellen und niemanden alleine zu lassen", sagt Birgit Wagner. Aber es sei schwer, den Bewohnern zu vermitteln, warum das alles sein muss. 

Es sei vor allem auch schwer, das manchen Angehörigen zu vermitteln. "Es hat nicht jeder Verständnis für die Maßnahmen", sagt Birgit Wagner. "Aber wir wissen doch alle nicht genau, was richtig ist und was falsch und was vielleicht übertrieben." Birgit Wagner sieht die teilweise sehr schweren Krankheitsverläufe, auch sehr außergewöhnliche. Bei einer Bewohnerin habe es zuerst wie ein Schlaganfall ausgesehen, einige hätten starke Schwindelgefühle. Zwei Heimbewohner sind im Krankenhaus.

Schlaflose Nacht für die Bürgermeisterin

Und das Coronavirus verbreitet sich in Oppach weiter und weiter. Seit dem 18. Oktober sind 51 Oppacher positiv auf Covid 19 getestet worden. Als das Landratsamt am Mittwoch 28 Neuinfektionen an nur einem Tag meldet, hat Sylvia Hölzel eine schlaflose Nacht. "Das ist viel für so einen relativ kleinen Ort wie unseren", sagt Oppachs Bürgermeisterin (parteilos). "Wir müssen uns auch nichts vormachen: Die Zahlen werden noch weiter steigen."

Nur wie weit? "Hoffentlich müssen wir nicht noch Einrichtungen schließen", sagt die Bürgermeisterin, "die Grundschule oder die Kita." Gerade hat sie mit der Leiterin des Pflegeheims gesprochen, ob und wie die Gemeinde helfen könnte. Sie sei jetzt rund um die Uhr erreichbar, sagt Sylvia Hölzel, sehe jeden Morgen als erstes auf ihre E-Mails. "Diese ganze Situation fühlt sich schon ziemlich bedrohlich an", sagt sie. "Aber wir müssen auch besonnen bleiben."

Von vielen Einwohnern, die zu den Infizierten oder ihren Kontaktpersonen gehören, weiß Sylvia Hölzel das inzwischen. "Für das Vertrauen bin ich sehr dankbar", sagt sie. Auch dafür, dass Familien sich jetzt vorsorglich freiwillig in Quarantäne begeben - auch ohne Anordnung vom Landratsamt. Das sei ja die einzige Möglichkeit, die Welle, die jetzt über Oppach schwappt, wieder zu stoppen. 

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