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Glauben ist ein Vertrauen, kein Wissen

Am meisten fehlt die Gemeinschaft, sagt Pfarrerin Christiane Rau aus Langebrück. Ideenreich versucht sie, den Verlust auszugleichen.

Christiane Rau übernahm 2006 die Pfarrstelle in Langebrück. Vorher arbeitete sie in der Sächsischen Schweiz.
Christiane Rau übernahm 2006 die Pfarrstelle in Langebrück. Vorher arbeitete sie in der Sächsischen Schweiz. © Ronald Bonß

Normalerweise würde Christiane Rau an diesem Sonntag mit gut achtzig Leuten ein Osterfrühstück im Pfarrhaus feiern. Nun ist sie froh, dass sie wenigstens zum Gottesdienst einladen kann, mit Abstand, Maske und Desinfektionsmittel. Die 52-jährige Pfarrerin kümmert sich um mehr als 2.000 Christen in Langebrück, Weixdorf und Klotzsche. Die Liebe zur Literatur merkt man ihren wirklichkeitsnahen Texten an.

Kommen Menschen besser durch die Pandemie, die an Gott glauben?

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Das würde ich nicht nur am Glauben festmachen. Es kommt auch darauf an, wie die Menschen vor der Pandemie gelebt haben. Die Älteren erinnern sich an Kriegs- und Nachkriegszeit und sagen: Wir haben schon Schlimmeres überstanden. Natürlich würde ich mir wünschen, dass Christen leichter durch die Pandemie kommen. Aber je länger es dauert, desto schwerer fällt es auch ihnen. Das macht mir Sorge. Ich merke, wie sie nach einem Jahr unter den Einschränkungen leiden. Manche beginnen zu zweifeln.

Der Trost, den die Kirche gerade zu Ostern spenden will, hilft nicht?

Das wünsche ich mir sehr: Dass es hilft, daran zu glauben, dass Neues entsteht, dass sich etwas grundlegend verändert. Was nicht hilft, ist, auf das Jenseits zu vertrösten. Das ist mir ein bisschen zu weit weg. Der Glaube, dass am Ende alles gut wird, hilft in einer konkreten Situation wenig, wenn man sich unglücklich, eingeengt oder einsam fühlt.

Empfinden Sie manchmal etwas wie Ohnmacht?

Oft genug, wenn ich am Bett einer Sterbenden stehe, die große Schmerzen hat und mich fragt: Wie lange muss ich das noch ertragen? In solchen Situationen fühlt man sich allein gelassen, verlassen. Selbst wenn wir als Christen sicher sind, dass Gott in unserer Nähe ist, spüren wir das nicht immer. Das macht Glauben aus – es ist ein Vertrauen, kein Wissen.

Stellt Corona den Glauben auf den Prüfstand?

Meinen Glauben stellt das Virus nicht auf den Prüfstand. Ich kenne auch niemanden aus meinem Umfeld, der das Virus für eine Strafe Gottes hält. Aber es ist für alle eine große Herausforderung. Im vorigen Jahr konnten wir acht Wochen lang keinen Gottesdienst feiern. Einen solchen Einschnitt haben wir noch nie erlebt. Alles, was uns ausmacht, die Gemeinschaft, das gemeinsame Beten und Singen, das direkte Gespräch, fiel weg. Aber es war einzusehen. Wenn die Gesellschaft jede Aktivität zurückfährt, wäre es kein gutes Signal, wenn die Kirche sagt: Wir machen weiter wie immer.

Und wie feiern Sie Ostern?

Den Rahmen gibt die Landeskirche vor. Jede Gemeinde hat ein Hygienekonzept, das gilt auch in diesen Tagen. Wir sind sehr froh, dass wir Ostern in diesem Jahr feiern dürfen. Wir halten unsere Kirchen offen. Wer möchte, kann sich eine Osterkerze mitnehmen oder ein gedrucktes Gebet. Das Miteinander lässt sich freilich nicht ersetzen. Das fehlt. Als unsere Passionsandachten und Gottesdienste im vorigen Jahr ausfielen, blieben die Schaukästen vor den Kirchen leer. Wir konnten ja nichts ankündigen. Deshalb habe ich jede Woche unter dem Titel „Angedacht“ einen Brief geschrieben und an den Kirchgemeinden ausgehängt, in denen ich arbeite. Wir haben die Texte auch auf unsere Internetseite gestellt. Die Rückmeldungen waren ermutigend. Damals hatte ich die Hoffnung, dass wir etwas lernen könnten aus der Situation. Dass wir die große Solidarität und Hilfsbereitschaft erhalten könnten.

Die gibt es jetzt nicht mehr?

Es hat nachgelassen. Je länger eine Krise dauert, desto mehr flacht die Hinwendung zu anderen ab. Jeder zieht sich wieder auf sich selbst zurück. Ich denke, die Frustration ist größer geworden, auch die Aggression. Und manche Älteren, die anfangs sagten, sie kämen gut klar mit der Situation, weil sie ohnehin wenig rausgehen und mehr telefonieren, die klagen jetzt doch sehr über Einsamkeit. Solche Gefühle greife ich in meinen „Angedacht“-Texten auf.

Sie schreiben sehr realitätsnah und geben nicht vor, auf alles eine Antwort zu haben.

Jeder, der behauptet, er wüsste alles genau, muss sich hinterfragen lassen.

Manche werfen der Kirche vor, sie sei in der Corona-Krise abgetaucht.

Die Bischöfe haben sich geäußert. Die Frage ist nur, wie das gehört wird, was gesagt wird. Manchmal denke ich, in einem solchen Amt kann man nur alles falsch machen.

Ist es falsch, dass sich Langebrück mit fünf anderen Kirchgemeinden zusammenschließt?

Natürlich wünscht sich jeder seine Gemeinde, seinen Pfarrer. Aber man muss ehrlich sagen: Das geben die Mitgliederzahlen nicht her. Sie gehen in unserer Region nicht so dramatisch zurück wie in anderen Gebieten, aber auch wir müssen sparen. Das Einsehen war da, selbst wenn man es sich anders gewünscht hätte. Wir hatten drei Jahre Zeit, um uns auf das Kirchspiel „Dresdner Heidebogen“ vorzubereiten. Wenn man Gemeinden und Mitarbeiter in diesen Prozess einbezieht, kann etwas Gutes daraus erwachsen. Ich erhoffe mir zum Beispiel Einsparungen in der Verwaltung. Bislang haben wir sechs Haushaltspläne aufgestellt. Jetzt brauchen wir nur einen Haushaltsplan, ein Leitungsgremium, eine Kirchenvorstandssitzung. Ich sehe es also nicht so negativ wie viele. Die neue Struktur kann den Blick weiten. Wir können gabenorientiert arbeiten. Das heißt: Einer kümmert sich mit tollen Ideen um die Jugendlichen, einer hat die Kleinsten im Blick, ein anderer hat die Gabe, mit Älteren zu arbeiten – das lässt sich doch für alle sechs Gemeinden nutzen.

Sollte nicht wenigstens die Kirche im Dorf bleiben, wenn andere Einrichtungen verschwinden?

Es ist auch für die Gemeinden ein großer Verlust, wenn der Pfarrer nicht mehr im Pfarrhaus wohnt und die Häuser vermietet werden müssen. Die Sparmaßnahmen zwingen dazu, leider.

Ist die Kirche in der Krise?

Das hieße, dass sie nicht weiterweiß. Das erlebe ich so nicht. Gerade durch den Zusammenschluss erfahre ich viel Aufbruch und Energie. Die neuen Kirchenvorsteher bringen überraschende Ideen mit. Das finde ich großartig. Wenn Sie freilich an die Missbrauchsfälle denken, dann ist die Kirche in der Krise.

Inzwischen denkt jeder vierte Protestant über einen Kirchenaustritt nach.

Sicher gibt es solche Überlegungen auch bei uns. Nicht jeder fühlt sich der Gemeinde verbunden, nicht jeder nimmt die Angebote wahr. Mancher sieht nun vielleicht den Anlass, zu gehen. Meine Erfahrung ist, dass Menschen dann nach der Kirche fragen, wenn sie in eine schwierige Situation geraten. Dann sind sie ansprechbar. Ich kann nur den Weg bereiten. Dass Glaube entsteht, kann ich nicht machen. Dass Menschen wirklich glauben, ist auch ein Geschenk.

Es heißt, nach Corona müsse man vieles neu denken. Was erwarten Sie?

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Das Gespräch führte Karin Großmann.

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