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Patienten verschleppen Krankheiten

Im ersten Lockdown waren die Wartezimmer leer gefegt. Aus Angst, sich anzustecken, blieben Patienten fern. Das ändert sich trotz sinkender Inzidenz nur langsam.

Andreas Lammert, der Ärztliche Leiter des Malteser Krankenhauses St. Carolus in Görlitz.
Andreas Lammert, der Ärztliche Leiter des Malteser Krankenhauses St. Carolus in Görlitz. © Malteser Krankenhaus St. Carolus

Die Pandemie hat sich ungünstig auf die Gesundheit der Menschen ausgewirkt. Von eigentlichen Corona-Infektionen einmal abgesehen, hat sie bei vielen Menschen andere Krankheiten verschlimmert - schlichtweg, weil diese aus Sorge vor Ansteckung nicht oder nicht rechtzeitig zum Arzt gegangen sind. Am deutlichsten spüren das die Krankenhäuser, wie etwa das Malteser-Krankenhaus St. Carolus in Görlitz.

"Aufgrund des Lockdowns wurden Arzttermine abgesagt und wichtige Untersuchungen nicht wahrgenommen", sagt Standortleiterin Daniela Kleeberg. Praxen hätten demnach zum Teil nur Notfälle angenommen, die Behandlungen seien auf das Notwendigste reduziert worden. Zudem wurden coronabedingt mitunter ganze Bereiche in Quarantäne geschickt. Das hatte Auswirkungen auf den Klinikbetrieb. Bereits in der ersten Coronawelle im Frühjahr, dann auch wieder ab Herbst und bis jetzt seien viele planbare Behandlungen und Operation verschoben worden - so wie es die Allgemeinverfügung vorschrieb. Es wurden Krankenhausbetten und besonders Intensivstation-Plätze für die Behandlung von Covid-19-Erkrankten freigehalten und auch verwendet. Es folgten Monate aufwendiger und kräftezehrender Behandlung und Pflege - auch mit coronainfiziertem oder ausgepowertem Personal. Trotzdem, so der Ärztliche Direktor des St. Carolus, Dr. Andreas Lammert, konnten alle Notfälle und alle dringlichen Eingriffe, wie etwa Krebsoperationen, durchgeführt werden.

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Die Zurückhaltung der Patienten bestätigt auch Victor Franke, Sprecher des Emmaus-Krankenhaus in Niesky. "Aus Sorge vor einer Ansteckung wägen Patienten zurzeit viel stärker ab, ob sie eine Notaufnahme oder ein Krankenhaus aufsuchen müssen oder nicht", sagt Franke.

Phänomen, dass Notfälle "zurückgehen"

Ähnliche Erfahrungen hat das Städtische Klinikum in Görlitz gemacht. Patienten kommen schlicht zu spät oder warten viel zu lange, bevor sie zum Arzt gehen und deshalb gebe es viele schwere Krankheitsverläufe, so Sprecherin Katja Pietsch. "Schon bei der ersten Welle gab es - bundesweit - das Phänomen des Rückgangs medizinischer Notfälle. Im Klinikum verzeichneten wir im April 2020 ein Drittel weniger Herzinfarktpatienten und 25 Prozent weniger Patientenvorstellungen in der Notaufnahme."

Deshalb appelliert das Klinikum noch einmal dringend an die Bevölkerung: "Bitte gehen Sie zum Arzt oder in die Notaufnahme, wenn es Ihnen schlecht geht. Insbesondere bei Schlaganfällen oder Herzinfarkten kann Abwarten lebensgefährlich sein. Je eher eine Behandlung eingeleitet wird, desto größer ist die Chance auf Heilung oder darauf, Folgeschäden zu vermeiden." Die Angst vor Corona dürfe nicht überwiegen. Im Klinikum wie auch im St. Carolus gibt es strengste Hygienemaßnahmen. Daniela Kleeberg: "Jeder Patient bekommt zur Aufnahme einen Schnelltest und bei unklarem Befund einen PCR-Test. Bei längerem Aufenthalt werden Patienten nachgetestet." Auch Andreas Lammert mahnt, bei Beschwerden zeitnah zum Arzt zu gehen und nichts aufzuschieben.

Krankenhäuser testen alle Patienten

Victor Franke sagt ebenfalls, dass die Angst unbegründet sei. "Im Gegenteil: Das Risiko einer Verschleppung und damit deutlich schlechtere Heilungschancen steigt. Das Risiko hingegen, sich in einem Krankenhaus zu infizieren, ist geringer, als in den meisten anderen Lebensbereichen." Nach dem Krisenmodus der vergangenen Monate führt das Emmaus wieder Sprechstunden, geplante Untersuchungen und Operationen durch.

Bei den niedergelassenen Ärzten ist das Bild nicht überall gleich. Dr. Leonhard Großmann, der seine Praxis für Allgemeinmedizin auf der Görlitzer Goethestraße hat, kann bei den Patientenzahlen keine Veränderungen feststellen. Generell seien zwar weniger Patienten mit Infektsymptomen da - parallel zum Rückgang der Inzidenz. Und auch wegen Magen-Darm-Infekten oder der Influenza kämen aktuell deutlich weniger Menschen in seine Sprechstunde.

Allgemeinarzt Dr. Leonhard Großmann.
Allgemeinarzt Dr. Leonhard Großmann. © Nikolai Schmidt

Dass sich Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen aus Angst vor Corona nicht vorgestellt hätten und damit deren Krankheitsentwicklung verschleppt oder verschlimmert wurde, könne er aber nicht bestätigen. Allerdings sei es in den vergangenen Monaten schwierig gewesen, Patienten zur weiterführenden Diagnostik bei Fachärzten oder OP-Planung weiter zu vermitteln. "Notfällige oder dringliche Behandlungen mussten nach enger Rücksprache mit Kollegen abgesprochen und eingebahnt werden, was natürlich an der einen oder anderen Stelle den organisatorischen Aufwand erhöht hat", sagt Großmann.

Generell würden sich die Anforderungen an den Allgemeinmediziner durch die Pandemie gerade wandeln. "Wir sind aktuell in die Impfungen der mobilen Teams in Altenpflegeeinrichtungen eingebunden und stellen fest, dass die psychischen Belastungen von Patienten im Zusammenhang mit Corona immer mehr eine Rolle beim Arzt-Patienten-Kontakt spielen - etwa die Angst vor Erkrankung, Verunsicherung wegen der Impfung, die Folgen einer durchgemachten Covid-Infektion, soziale, familiäre und wirtschaftliche Ängste im Zusammenhang mit Corona.

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