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Pirna: Petition gegen Gewalt bei Corona-Protesten

Die Initiatoren rufen zu einem sachlichen Dialog und zu mehr Respekt untereinander auf. Es gibt bereits zahlreiche Unterstützer - und Vorreiter.

Von Thomas Möckel
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Die Forderungen aus der Aktion von 2020: Sie sind in diesem Jahr aktueller denn je.
Die Forderungen aus der Aktion von 2020: Sie sind in diesem Jahr aktueller denn je. © Daniel Förster

Am Montag vor Silvester eskalierte die Gewalt erneut. Bei Protesten in Pirna gegen die Corona-Politik verletzte ein Teilnehmer zwei Polizisten, in der Nähe einer Tankstelle zündeten Unbekannte Pyrotechnik. Die Polizei nahm zahlreiche Personalien auf und leitete Verfahren ein.

So geht das schon seit Wochen. Immer am Montagabend machen Menschen – im Schnitt etwa 200 – in Pirna ihrem Unmut über die Corona-Regeln Luft. Zunächst überwiegend friedlich, wird aber bei den sogenannten Spaziergängen der Ton rauer, Aggressionen wachsen, Fronten sind verhärtet, ein sachlicher Dialog scheint kaum noch möglich.

Eine ähnliche Situation gab es schon während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020. Auch da schlugen Corona-Proteste in Gewalt um, angezettelt meist von Auswärtigen. Thomas Albrecht, Kirchner der Stadtkirche St. Marien, und seine Frau Anke beobachteten damals schon mit Sorge, dass diese Gewaltbilder von Pirna bundesweit die Runde machten. Zudem befürchteten sie, dass der soziale Zusammenhalt in der Stadt zunehmend bröckelt.

Ganz im Stillen initiierten sie einen leisen Protest der anderen Art. Überall in der Stadt fanden sich Zettel, auf denen stand: „Unterschiedliche Meinungen und Standpunkte sind normal. Bitte sorgen wir alle dafür, dass Anstand, Freundlichkeit und Mitmenschlichkeit auch Normalität bleiben.“ Nun setzen sie die Aktion fort – in neuer Form.

Den Stillen eine Stimme geben

Anke und Thomas Albrecht starteten am Tag vor Weihnachten eine Petition, um für ein friedliches Miteinander in dieser aufgeheizten Zeit zu werben – und um all jenen Menschen Gehör zu verschaffen, die sich bislang still verhalten. Die Petition trägt den Titel „Ein Brief für Pirna“.

Man beobachte, so heißt es darin, die aktuellen Entwicklungen in der Welt, in Europa, in Sachsen und vor allem – da uns am nächsten – in unserer Stadt. „Wir alle leiden nun schon lange unter Einschränkungen unseres täglichen Lebens, hervorgerufen durch die weltweite Corona-Pandemie“, formulieren die Initiatoren weiter.

Unterschiedliche Meinungen und Wahrnehmungen prallten aufeinander – an vielen Stellen scheine ein sachlicher Dialog nicht mehr möglich. Das mache unser Leben und unser Zusammenleben noch unsicherer und schwieriger. Die Wahrung des Grundsatzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ beginne mit der respektvollen Wortwahl gegenüber anderen und Andersdenkenden und gipfle in der Unterlassung jedweder Gewaltandrohung und Gewaltanwendung.

Jeder Einzelne trage große Verantwortung für ein friedliches, freundliches und auf Zukunft orientiertes Zusammenleben in unserer Stadt und darüber hinaus. Die derzeitige Krise werde gehen – wir aber alle bleiben als Bürgerschaft einer schönen Stadt, in der es sich nur gemeinsam gut leben lasse.

Gewalt geht gar nicht

Mit ihrem Aufruf wollen Anke und Thomas Albrecht keinesfalls Politik betreiben. Es geht ihnen darum, dass die Menschen wieder höflich und respektvoll miteinander umgehen. „Schließlich wollen wir uns auch nach der Pandemie noch alle in die Augen schauen können“, sagt Thomas Albrecht.

Es sei jetzt an der Zeit, auch mal wieder herunterzukommen und die Spirale der Aggressionen zu beenden. „Es kann nicht sein, dass Menschen einander Gewalt antun und sich gegenseitig verletzen“, sagt Albrecht. Nicht Bilder von Ausschreitungen in Pirna sollen die Runde machen – sondern die Kunde, dass der Großteil der Menschen hier die Corona-Regeln befolgt und sich friedlich und still verhält.

Die Petition startete am 23. Dezember, inzwischen haben über 400 Menschen unterschrieben. „Wir hoffen, dass sich der Aufruf noch weiter verbreitet, damit sich die derzeit aufgeheizte Situation wieder befriedet“, sagt Anke Albrecht.

Großer Zuspruch auch überregional

Zu den ersten Unterzeichnern gehört Pirnas Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke (parteilos). Er hatte bereits kürzlich dazu aufgerufen, den Dialog auch in den schweigenden Teil der Gesellschaft hineinzubringen. Die Stadt unterstützt die Petition ausdrücklich, den Aufruf hat das Rathaus gleich auf der Startseite des städtischen Internet-Auftritts verlinkt.

Auch unter den Pirnaern findet die Aktion großen Zuspruch. „1989 haben wir unter dem Ruf ‚Keine Gewalt!‘ eine friedliche Revolution zum Ziel geführt. Gewalt ist die Waffe der Diktatoren. Demokratie ist stark durch Respekt, Toleranz und Nächstenliebe. Dafür lasst und kämpfen“, schreibt beispielsweise der frühere Superintendent des Kirchenbezirks Pirna, Klaus Kaden.

Auch Stadträtin Maria Giesing (Grüne) bedankt sich für diese Initiative. „Ich möchte mich verbunden wissen mit allen, die sich für unsere Demokratie verantwortungsvoll engagieren“, schreibt sie. Darüber hinaus wird die Aktion auch überregional befürwortet. Unter anderem schreibt Friederike Zimmermann aus Wiesbaden: „Diese Forderung sollte in jeder Stadt gestellt und umgesetzt werden. Von Jedem.“

Andere Städte legen vor

In andern Regionen starteten ähnliche Initiativen schon vor einiger Zeit. In Bautzen initiierten Kulturschaffende, Ärzte, Theologen und viele andere Mitte Dezember einen Appell mit dem Titel „Bautzen gemeinsam“ gegen die montäglichen Corona-Proteste. Über 11.000 Menschen unterschrieben bislang, sie bringen zum Ausdruck, dass die Stadt kein Aufmarschplatz für Rechtsextreme und Corona-Leugner ist. Prominent unterstützt wird die Aktion von der Musikband „Silbermond“.

In Freiberg hat die Initiative „Freiberg für alle“ einen offenen Brief verfasst, ähnliche Aktionen gibt es auch in Glauchau und Chemnitz. Und in Dresden plant die Stadtgesellschaft ein Lichtermeer aus Kerzen als Zeichen gegen die Corona-Proteste.

Die Initiatoren in Pirna wollen die Aktion weder regional noch auf bestimmte Gruppen begrenzen. Der Aufruf zu einem friedlichen Umgang soll sich möglichst weit verbreiten. „Die Petition ist für alle offen“, sagt Anke Albrecht, „denen ein respektvolles Miteinander am Herzen liegt.“

Die Petition findet sich unter www.openpetition.de/petition/online/ein-brief-fuer-pirna.