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"Pirna plant ein luftigeres Stadtfest"

Christian Schmidt-Doll, Chef der Kultur- und Tourismusgesellschaft Pirna, über Verluste aus 2020, neue Ansätze für Feste und die Zukunft der Kulturstätten.

KTP-Chef Christian Schmidt-Doll: Die Pirnaer Kulturstätten stehen trotz der Corona-Pandemie finanziell solide da.
KTP-Chef Christian Schmidt-Doll: Die Pirnaer Kulturstätten stehen trotz der Corona-Pandemie finanziell solide da. © Daniel Förster

Herr Schmidt-Doll, wird Pirna in diesem Jahr wieder ein Stadtfest feiern?

Aus meinem Herzen kommt dazu ein klares Ja, es gibt jedoch noch ein dickes Aber …

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... weil derzeit noch so vieles ungewiss ist?

Ja, es ist gerade eine schwierige Phase, das macht uns sehr zu schaffen. Es ist schön, aber zugleich auch sehr abstrakt, derzeit über ein Stadtfest nachzudenken.

Ist denn zumindest eines in Planung?

Das ist es. In unserem Wirtschaftsplan für dieses Jahr steht ein Stadtfest drin.

2020 sind das Stadtfest und auch der geplante Ersatz ausgefallen. Gäbe es denn theoretisch eine pandemiekonforme Variante?

Wir planen derzeit zwei Varianten, eine unter Normalbedingungen, dazu eine neue Form. In Pandemie-Zeiten müssen wir etwas anders denken, beispielsweise, wie das Fest luftiger und dezentraler werden kann und wie sich die einzelnen Veranstaltungsorte entzerren lassen. Das erfordert allerdings personell und logistisch einen hohen Aufwand, weil die Besucher ganz anders gelenkt werden müssen.

Und hinsichtlich der Künstler?

Ein solch neues Format wäre sicher künstlerisch stark geprägt von lokalen und regionalen Künstlern, es muss ja nicht immer ein Superstar sein. Aber das ist nur eine grobe Orientierung, festgelegt ist noch nichts. Der Wille für ein Stadtfest ist da, aber das Ob und Wie sind derzeit noch ungewiss.

Das Stadtfest 2020 wurde abgesagt, Bibliothek, Stadtmuseum, Touristservice und die Wagner-Stätten in Graupa waren wochenlang zu. Auf welchen Betrag summieren sich die Einnahmeverluste?

Der Umsatzverlust der KTP insgesamt im vergangenen Jahr beläuft sich auf 230.000 Euro.

Wie lassen sich diese Verluste kompensieren?

Wir haben Veranstaltungen abgesagt, Corona-Hilfen in Anspruch genommen und vorübergehend Kurzarbeit eingeführt. Zudem verlängerten wir beispielsweise Sonderausstellungen wie „Kriegskinder“ und die Fülfe-Ausstellung, um zusätzliche Einnahmen zu generieren. Insgesamt waren wir aber darauf angewiesen, dass Gesellschafter, Sponsoren und Förderer zu ihren finanziellen Zusagen standen, was sie auch getan haben. Sonst wäre es schwierig gewesen.

Wegen der Corona-Pandemie war 2020 ein recht kulturloses Jahr. Haben Bund und Land aus Ihrer Sicht zu wenig getan, um der Kulturbranche das Überleben zu sichern?

Ich weiß nicht, ob es zu wenig war. Zumindest haben Bund und Land lange gebraucht, um wahrzunehmen, wie kleinteilig die Kunst- und Kulturszene ist und wer alles dazu gehört. Glücklich ist mit der Situation sicher niemand, aber Bund und Land haben ja dann finanzielle Hilfen auf den Weg gebracht. Anfangs hatten viele nichts davon, aber das ist später geändert worden.

Wird die Kulturbranche insgesamt überleben?

Das lässt sich derzeit nicht mit Sicherheit sagen. Ich hoffe aber, dass wir nach der Pandemie den ganzen künstlerischen Reichtum wieder aktivieren können. Und ich hoffe, dass sich niemand aus wirtschaftlichen Gründen zurückziehen muss.

Was hätten Bund und Land noch stärker für die Kultur tun können?

Ich hätte mir ein klares Konzept gewünscht, wie Museen gleich den Bibliotheken weiter geöffnet sein können, statt sie komplett zu schließen. Wir wären in der Lage gewesen, die Besucher so zu steuern, dass alles pandemiekonform abläuft. Falsch war auch, die Musikschulen zu schließen. Das ist ja später korrigiert worden.

Was aber nur kurz währte. Die coronabedingten Einschränkungen treffen vor allem Solokünstler hart. Hat die KTP Möglichkeiten, diese zu unterstützen, beispielsweise durch zusätzliche Engagements bei Veranstaltungen, wenn es sie denn wieder geben darf?

Ich hoffe, dass wir alle wieder erleben können. Wir haben auch in der Zwischenzeit versucht, einiges aufrecht zu erhalten. Für einen Pianisten streamten wir beispielsweise einen musikalischen Gruß aus Graupa. Und die kommenden Feste werden künstlerisch viel stärker lokal und regional ausgerichtet sein, um den hier ansässigen Künstlern weitere Auftrittsmöglichkeiten zu geben.

Gibt es in diesem Jahr einen Skulpturensommer?

Ich denke ja, weil sich der Skulpturensommer als erfolgreiches coronagerechtes Format entwickelt hat. Trotz der Corona-Pandemie und der Tatsache, dass der Skulpturensommer 2020 vier Wochen später begann, verbuchten wir eine Rekordzahl bei den Einzelbesuchern. Somit verlängern wir diese Ausstellung inhaltlich in dieses Jahr, Schwerpunkt ist wieder die Dresdner Bildhauerschule. Dieses Thema hat im vergangenen Jahr gut gezogen, wir hatten viel regionales Publikum, aber auch Besucher aus dem gesamten Bundesgebiet. Von diesen Gästen profitieren letztendlich auch viele andere in Pirna.

Der Ausstellungsort für den Skulpturensommer ist ja sehr luftig. Er kann also auch stattfinden, wenn dann immer noch Einschränkungen gelten?

Mit einiger Sicherheit. Die Bastionen sind recht offen und gut durchlüftet, gepaart mit einer Zugangskontrolle sollte die Ausstellung auch in Pandemie-Zeiten möglich sein. Wir hoffen dennoch, dass in diesem Jahr wieder das Beiprogramm mit Konzerten und speziellen Führungen stattfinden kann.

Gerade Stadtmuseum und Wagner-Stätten hatten für 2020 tolle Ausstellungen und Veranstaltungen vorbereitet, die dann aber kaum einer sehen konnte. War das alles umsonst?

Nein. Die Kriegskinder-Ausstellung haben wir bis weit ins Jahr 2021 verlängert, damit auch die Foren und Diskussionen, die für die Gesamtkonzeption sehr wichtig sind, stattfinden können. Das ging leider im vergangenen Jahr nicht. Sie ist auf alle Fälle bis Oktober zu sehen. Die Weihnachtsausstellung zum Thema „Teddy“ war auch fertig, aber die konnte noch gar niemand sehen. Wir haben sie nun bis Ostern verlängert, und können sie Bedarf dann nochmals verlängern. Die Ausstellung „Hurra, ich bin ein Schulkind“ ist auch fertig konzipiert, sie kann im Sommer oder zum Beginn des Schuljahres starten. Bei uns gilt derzeit das Motto: wir bereiten alles vor und verlängern im Notfall.

Aber gerade in Graupa hätte es 2020 ein Jubiläum gegeben ...

... ja, die Erstaufführung von Wagners Oper Lohengrin jährte sich zum 150. Mal. Es gab dazu eine kleine Kabinettsausstellung mit originalem Notenmaterial. Das hat die Lücke etwas geschlossen. Die damit verbundene Ausstellung „Mythos Schwan“ haben wir aber komplett nach 2021 verschoben. Sie ist so toll, daher wollen wir sie möglichst vielen Menschen zeigen. Die Tannhäuser-Ausstellung haben wir ebenfalls ins Jahr 2021 hinein verlängert.

Welche digitalen Alternativen gibt es, Ausstellungsstätten trotz Schließzeit zu erkunden?

Wir haben auf unserer Internetseite kostenfreie digitale Angebote vorbereitet, um präsent zu sein und mit den Leuten zu kommunizieren. Für die „Kultur to go“ haben wir die Webseite massiv ausgebaut. Es gibt virtuelle Rundgänge, Online-Lesungen, wir hatten einen virtuellen Adventskalender initiiert. Dort setzen wir weiter an, Digitalisierung ist der Aufgabenschwerpunkt im ersten Halbjahr.

Pirna hat im aktuellen Haushalt erneut Geld für freiwillige Leistungen eingeplant, wenngleich sich die coronabedingten Einnahmeverluste noch nicht endgültig beziffern lassen. Werden Museum, Bibliothek, Touristservice und Wagner-Stätten unbeschadet durch die Krise kommen und weiter Bestand haben?

Die Einrichtungen werden weiter Bestand haben. Dazu hat jeder in der KTP im schwierigen Jahr 2020 seinen Beitrag geleistet. Wir sind zwar ganz schön geschüttelt worden, aber einige Bereiche, beispielsweise das Stadtmuseum und die Bibliothek, liefen außergewöhnlich gut. Deswegen steht die KTP zahlenmäßig solide da. Insgesamt gehen die Institutionen bisher einigermaßen unbeschadet, aber schon unter Opfern, durch die Krise. Wie es weitergeht, hängt von der weiteren Corona-Dramaturgie ab – also wann wir wieder öffnen dürfen und wie schnell sich dann alles erholt.

Welche Wünsche haben Sie persönlich an ein Kulturjahr 2021?

Ich wünsche mir eine Normalität, die wieder viel mehr Begegnungen ermöglichst, um Kunst und Kultur wieder viel intensiver zu erleben. Und ich wünsche mir, dass Künstler angesichts ihres Berufes und ihrer Berufung, die sie ausüben, wieder glücklich sein können, weil sich das Leben mit seiner reichen Kultur wieder neu entfalten kann.

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