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Pirnaer Buchhändler kämpft sich durch den Lockdown

Wirtschaftlich steht Steve Gladrow mit dem Rücken zur Wand. Unterstützung und viele freundliche Worte bekommt er aber von seinen Stammkunden.

Steve Gladrow besitzt eine Buchhandlung in Pirna. Das Corona-Jahr macht ihm enorm zu schaffen. Aufgeben ist für ihn jedoch keine Option.
Steve Gladrow besitzt eine Buchhandlung in Pirna. Das Corona-Jahr macht ihm enorm zu schaffen. Aufgeben ist für ihn jedoch keine Option. © Norbert Millauer

Vor elf Jahren hat Steve Gladrow (45) die Buchhandlung seiner Mutter Bettine in der Dohnaischen Straße in der Pirnaer Altstadt übernommen. Der Standort hat Tradition. Seit 1900 gibt es in der Hausnummer 78 ein Buchgeschäft. Das soll auch so bleiben, betont Steve Gladrow. Trotz der schwierigen Zeiten. Mit Sächsische.de sprach er über sein Corona-Jahr, über Lockdowns und über Wohlfühloasen in der Innenstadt.

Herr Gladrow, ein Jahr Corona, immer wieder ein neuer Lockdown, zahlreiche Einschränkungen. Können Sie noch?

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Also, für uns wird es jetzt sehr eng. Finanziell, aber auch mental. Es macht sich ein gewisser Unmut und eine Wut breit in uns. Ich komme an meine Grenze. Man muss das Erwirtschaftete sofort wieder reinvestieren. Das ist schwer. Welches Unternehmen kann schon sechs Monate in einem Jahr schließen? Ich wiederhole mich: Wir kommen an unsere Grenzen, und ein Ende ist nicht in Sicht.

Seit dem 8. März dürfen die Buchhandlungen wieder öffnen. Wie läuft es aktuell bei Ihnen?

Wir haben Kunden, aber es ist überschaubar und recht schleppend. An den Umsatz im Vergleich von vor zwei Jahren kommen wir längst nicht ran. Dafür fehlen auch die Touristen in der Stadt. Viele Kunden sind verunsichert. Sie fragen uns, welche Regeln denn nun gerade gelten und ob man das Geschäft überhaupt betreten darf. Die Anordnungen sind oft nicht nachvollziehbar. Ich selber weiß ja noch nicht einmal, ob ich bis Ostern auf haben darf.

Aber die Kunden bleiben Ihnen treu, oder gehen auch einige online fremd?

Die Stammkunden bleiben uns treu. Da sind wir auch wirklich sehr sehr dankbar und froh. Das Verständnis ist sehr groß. Viele Kunden machen uns Mut und fordern uns zum Durchhalten auf. Das wollen wir auch! Es meckert keiner, wenn eine Buchlieferung in diesen Zeiten mal etwas später eintrifft, als ursprünglich angekündigt. Ich bemerke bei vielen Kunden, dass sie den Einzelhandel generell in Pirna unterstützen möchten, und das ist auch wichtig.

Inwiefern?

Pirna ist eine kleine Stadt, es geht nur miteinander. Wir brauchen jetzt jeden Gastronomen, jede Eisdiele, jeden Einzelhändler und jeden Kunden. Alle sind ,systemrelevant'! Es geht um eine Solidarität. Aber nicht nur unter den Unternehmern. Auch von der Stadt würde ich mir etwas mehr Engagement wünschen.

Hm, das Citymanagement Pirna hat beispielsweise eine Liste der Pirnaer Geschäfte ins Netz gestellt, die an dem Einkaufssystem Click & Meet teilnehmen. Das ist doch ein guter Service für den Kunden?

Ja, das stimmt. Ich meinte jetzt auch mehr die Stadtverwaltung. Ich würde mir mal eine Nachfrage des Rathauses wünschen: Wie geht es euch? Auch wäre es sinnvoll, in Gesprächsrunden mit Verwaltung und Händlern gemeinsame Projekte und Ideen zu entwickeln, um Pirna in diesen schwierigen Zeiten nach vorne zu bringen.

Wie läuft die wirtschaftliche Unterstützung vom Staat? Immer wieder gibt es Klagen, dass die Hilfsgelder nicht ausgezahlt werden.

Also, ich habe für dieses Jahr noch überhaupt nichts bekommen. Wir leben von unseren Rücklagen. Und es scheint ja auch gar nicht so einfach für alle zu sein, an die Hilfsgelder heranzukommen, weil sich die Bedingungen ständig ändern. Dies teilt uns unser Steuerberater mit, über den die Antragsstellung läuft.

Welche Wege gehen Sie als Buchhändler, wenn jetzt wieder alles auf null runtergefahren wird, sodass Sie erneut schließen müssten?

Lieferdienste hatten wir auch schon vorher angeboten, das wird weiterlaufen. An Click & Collect würden wir uns dann auch wieder beteiligen. Aber unser Ziel ist es, eine Buchhandlung vor Ort zu sein. Die Kunden sollen eintreten, die Bücher anfassen und in aller Ruhe in den Klappentexten lesen können. Sie wollen die Fachberatung. Unsere Buchhandlung soll eine Wohlfühloase, ein Ort der Begegnung sein und kein Onlinehandel.

Sie selber haben Familie und zwei Kinder. Wie schaffen Sie alles als Selbstständiger?

Mit meiner Frau habe ich die Vereinbarung getroffen, dass sie kürzer arbeitet und, dass wir uns in die Kinder- und Hausaufgabenbetreuung reinteilen. Sie arbeitet beruflich als Bäckerin, da ist Homeoffice natürlich nicht möglich. In der Zeit, in der ich den Buchladen schließen musste, habe ich natürlich mehr von zu Hause aus gearbeitet. Das war aber wiederum mit Kosten verbunden, da ich beispielsweise eine Rufumleitung einrichten musste. Und für die Kinder wird es immer schwerer, weil sie sich nicht mehr so spontan treffen können. Auch der Sport fehlt.

Haben Sie dennoch Verständnis für die Einschränkungen aufgrund der Pandemie?

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Da bin ich etwas zwiegespalten. Ich sehe kein Konzept und keine Perspektive. Ich frage mich, was sollen wir Einzelhändler und Gastronomen noch machen, obwohl in unseren Läden und Geschäften das Virus nicht gefördert wird, sofern die Hygieneregeln eingehalten werden. Aus diesem Grund halte ich die Schließung der Geschäfte für nicht nachvollziehbar. Man darf auch nicht nur auf die Inzidenzwerte schauen, sondern sollte vielmehr individuelle Möglichkeiten für die Stadt ausloten. Und da bin ich wieder bei meinem Thema: Gespräche am runden Tisch mit allen, denn es geht nur gemeinsam.

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