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Polen macht sich locker

Einkaufszentren und Museen in Polen können wieder öffnen. Das nützt den Görlitzern allerdings wenig.

Vor fast genau einem Jahr: Gut gefüllter Parkplatz vorm Plaza in Zgorzelec. Seither hat sich so einiges geändert.
Vor fast genau einem Jahr: Gut gefüllter Parkplatz vorm Plaza in Zgorzelec. Seither hat sich so einiges geändert. © Archiv: Nikolai Schmidt

Dieser Fall dürfte den Beamten bestimmt noch eine Weile im Gedächtnis bleiben. Stichprobenmäßig kontrolliert die Polizei an der Grenze zu Polen und zu Tschechien den Einreiseverkehr. Ein 60-jähriger Mann war damit vorige Woche wohl nicht einverstanden, als die Polizei seinen Wagen und ihn in Zittau angehalten hatte. Weder wollte er den Motor ausmachen noch aus dem Fahrzeug steigen, sondern hielt sich am Lenkrad fest, blieb letztlich auf dem Boden liegen und verlangte nach einem Arzt - der aber nichts feststellen konnte.

Quarantänepflicht gilt weiter

Für die Sachsen in der Grenzregion gelten nach wie vor die sächsischen Quarantäneregelungen: Mit Ausnahmen bei bestimmten triftigen Gründen müssen sich Rückkehrer aus Risikogebieten wie Polen oder Tschechien in eine zehntägige Quarantäne begeben und haben seit Jahresbeginn auch eine Testpflicht.

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Als das Bild entstand, war es noch möglich: Görlitzer wie Aneta Linke gingen gerne regelmäßig in Zgorzelec einkaufen. Der kleine Grenzverkehr - also Tanken und Einkaufen in Polen - ist seit November eingeschränkt und gehört nicht mehr zu den Ausnahmen der
Als das Bild entstand, war es noch möglich: Görlitzer wie Aneta Linke gingen gerne regelmäßig in Zgorzelec einkaufen. Der kleine Grenzverkehr - also Tanken und Einkaufen in Polen - ist seit November eingeschränkt und gehört nicht mehr zu den Ausnahmen der © Archiv: privat

Heißt auch, die Änderungen bei den Nachbarn dürften auf die Görlitzer und Zittauer zumindest theoretisch wenig Einfluss bedeuten: Stichproben-Kontrollen machen seit Sonnabend auch die Polizisten in Tschechien. Das Land hat, nachdem sich die Corona-Lage wieder zuzuspitzen scheint, seine Regeln verschärft. Auch, um Tricksereien in Skigebieten zu unterbinden. Einreisen darf man nur noch in notwendigen Fällen, etwa wegen einer Dienstreise, unerlässlicher Familienbesuche oder Behördenterminen. In Polen dagegen dürfen ab Montag Geschäfte in Einkaufszentren wieder öffnen.

"Solche Orte müssen jedoch in einem strengen Hygienesystem betrieben werden", heißt es auf der Internetseite der polnischen Regierung. In gewerblichen Einrichtungen bis hundert Quadratmetern gilt, dass sich eine Person pro zehn Quadratmetern aufhalten darf. Bei Geschäften über hundert Quadratmeter ist es eine Person pro 15 Quadratmeter.

Aufgehoben ist die Senioren-Einkaufszeit: Mehrere Wochen galt, dass zwischen 10 und 12 Uhr ausschließlich Senioren in Drogerien und Lebensmittelmärkte durften. Auch Museen und Galerien dürfen mit Hygienekonzept wieder öffnen.

Geschlossen bleiben in Polen dagegen Restaurants, sie können aber weiterhin einen Lieferservice anbieten. Am Donnerstag hatte die Regierung in Warschau bekannt gegeben, dass ebenso Sporteinrichtungen und Schwimmbäder bis zum 14. Februar weiterhin geschlossen bleiben.

Fitnesstudios wollen trotz Lockdown öffnen

Daran will sich in Polen nicht jeder halten. So gibt es auch dort eine Initiative namens "Wir öffnen". Auf einer Karte im Internet finden sich inzwischen über hundert vor allem Kleinbetriebe, die sich über den Lockdown hinwegsetzen wollen. In Zgorzelec gehört kein Geschäft dazu. Wie der Spiegel schrieb, würden viele nicht einfach so wieder aufmachen, sondern versuchen, juristische Lücken auszunutzen und ihr Geschäft zum Beispiel umzudeklarieren. So sei etwa eine Eislaufbahn in Szczecin plötzlich zum Blumenladen geworden.

Wie die Nachrichtenagentur DPA berichtet, wollen auch viele Fitnessstudios in Polen trotz der Lockdown-Verordnung zum 1. Februar wieder öffnen. Rund 1.600 Clubs landesweit würden sich an der Aktion beteiligen, zitiert DPA den polnischen Fitnessverband. Nach einer Lockerungsphase im Sommer mussten Fitnessstudios im Oktober wieder schließen. "Wir werden die Fitnessclubs trotz der Regierungsentscheidung öffnen", so Tomasz Napiorkowski. Die Corona-Hilfen des polnischen Staates würden nur einen Bruchteil der Verluste ausgleichen. Auch er argumentiert, juristisch sei das weniger heikel als gedacht.

Hohe Sterberate in Polen

Dabei gehört Polen zu den von der Corona-Pandemie am stärksten betroffenen Ländern in Europa: Inzwischen über 1,5 Millionen Infizierte zählt Polen seit Beginn der Pandemie, über 37.000 Todesfälle gab es. Polen hat rund 38 Millionen Einwohner. Besonders im Oktober spitzte sich die Lage zu, nahm im November dramatische Maße an. Zeitweise lag die Zahl der festgestellten täglichen Neuinfektionen bei über 25.000.

Inzwischen hat sich die Lage etwas stabilisiert. Die WHO meldete am Wochenende über 5.800 Neuinfektionen und 302 Todesfälle im Zusammenhang mit Corona innerhalb von 24 Stunden.

Auch die Regierung verweist trotz der Lockerungen auf die Lage. Inzwischen gebe es zwar wieder eine sichere Reserve an Betten und Ausrüstung für Menschen mit Covid-19. Dies bedeute jedoch nicht, dass die Situation nicht schwierig ist. Es gebe immer noch viele Menschen in Krankenhäusern, auch unter Beatmungsgeräten, vor allem auch eine hohe Todeszahl. Nach Angaben der Warschauer Regierung sind aktuell etwas über die Hälfte der Betten für Covid-Patienten und der zur Verfügung stehenden Beatmungsgeräte belegt.

Nach Impfskandal: Mehr wollen sich impfen lassen

Fahrt aufgenommen hat in Polen offenbar das Impfen. Wie Radio Wroclaw mitteilt, seien in Niederschlesien bislang knapp 90.000 Menschen geimpft. Die meisten Injektionen seien in Breslau durchgeführt worden, über 37.000.

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Wie die Deutsche Welle berichtet, sei die anfängliche Impfskepsis in Polen dem Gegenteil gewichen. Und stellt die Frage, ob dazu vielleicht der Impfskandal Ende vorigen Jahres beigetragen hatte. So sollen einige Politiker und Prominente schon geimpft worden sein, obwohl sie nach polnischer Impfstrategie noch nicht dran waren. Das betraf auch Zgorzelec, wo unter anderem der Bürgermeister Rafal Gronicz bereits Ende Dezember geimpft worden sein soll. Der Kreis Zgorzelec hatte deshalb sogar die Chefin des Zgorzelecer Klinikums, Zofia Barczyk entlassen. Für zwei Tage. Nach Protesten und einer Sitzung der Kreisratsmitglieder nahm der Kreisvorstand die Kündigung zurück.

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