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Quarantäne - und kein Bescheid vom Amt

Seit vier Wochen wartet ein Oderwitzer nach einer Corona-Infektion auf ein Schreiben vom Landratsamt, das er seinem Arbeitgeber vorlegen kann. Kein Einzelfall.

Holger Tietze aus Oderwitz war nach einer Corona-Infektion Anfang November in Quarantäne. Auf den amtlichen Bescheid vom Gesundheitsamt wartet er bis heute.
Holger Tietze aus Oderwitz war nach einer Corona-Infektion Anfang November in Quarantäne. Auf den amtlichen Bescheid vom Gesundheitsamt wartet er bis heute. © Matthias Weber

Gut, das Holger Tietze einen kulanten Arbeitgeber hat. Sonst würde er jetzt für den November nur den halben Lohn bekommen. In den ersten beiden Novemberwochen nämlich war der Oderwitzer nicht auf Arbeit - aber auch nicht krankgeschrieben. Bisher unentschuldigt.

Es ist der 29. Oktober, an dem der 60-Jährige von seiner Hausärztin auf Covid 19 getestet wird. Schon am Tag darauf ist das Ergebnis da: positiv! Er solle jetzt zu Hause bleiben und auf einen Anruf aus dem Landratsamt warten, rät die Ärztin.

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Holger Tietze wartet. Irgendwann nach vielen Stunden ruft er selber beim Gesundheitsamt an und fragt, was er denn jetzt tun müsse. Der Mann am Telefon sagt: "Bleiben Sie ab jetzt zwei Wochen zu Hause."

Dem Positiv-Test folgen die Symptome: "Ich hatte dann wirklich zwei Wochen lang Fieber und Gliederschmerzen, war müde und total schlapp", schildert der Oderwitzer. So schildert er es auch den Mitarbeitern vom Landratsamt, die ihn sporadisch anrufen und nach seinem Befinden fragen.

Aber Holger Tietze lässt sich deswegen nicht krankschreiben: "Ich war ja sowieso zu Hause in Quarantäne, da brauche ich den Krankenschein ja nicht, dachte ich." Hätte er das mal lieber nicht gedacht.

Hohe Strafen bei Zuwiderhandlung

Bis heute nämlich wartet Tietze, der als Sozialarbeiter in der Werkstatt des Großhennersdorfer Katharinenhofs arbeitet, auf den schriftlichen Bescheid aus dem Landratsamt, den er seinem Arbeitgeber vorlegen kann. "Die Buchhaltung braucht das Schreiben ja für die Unterlagen", sagt er. "Ich kann ja froh sein, dass die Chefs mir glauben, dass ich wirklich in Quarantäne war."

Insgesamt sechsmal, sagt er, habe er beim Bürgertelefon angerufen: "03581-663-5656 - die Nummer kann ich inzwischen auswendig, man kommt ja meistens nicht gleich beim ersten mal Wählen durch." Sechsmal habe er einen freundlichen Mitarbeiter oder eine freundliche Mitarbeiterin am anderen Ende der Leitung gehabt: Jedes Mal habe man ihm gesagt, der Bescheid werde sicher in den nächsten Tagen eintreffen.

"Die Mitarbeiter am Telefon sind sehr nett, aber sie können eigentlich nichts tun", schildert Tietze. "Sie haben jedes Mal meine Daten aufgeschrieben und mir gesagt, sie würden eine E-Mail an das Gesundheitsamt schicken. Dort dürften jetzt also sechs Erinnerungs-Mails mit meinen Daten vorliegen."

Nach den zwei Wochen Quarantäne ist Holger Tietze wieder arbeiten gegangen. "Bei uns in der Werkstatt sind mehrere Mitarbeiter krank, da wird gerade jede Hand gebraucht", sagt er. Er habe keine Erkältungssymptome mehr, aber körperlich schlapp sei er immer noch. "Ich gehe abends halb sieben ins Bett", sagt er.

Verspätete Bescheide sind kein Einzelfall

Tietzes Frau ist negativ getestet worden, war als Kontaktperson aber ebenfalls in Quarantäne - amtlich angeordnet bis zum 11. November. Sie hat den offiziellen Bescheid über die amtliche Anordnung am 14. November erhalten - also auch schon ein paar Tage nach Ablauf der Quarantänefrist.

Dabei enthält das viereinhalbseitige amtliche Schreiben, das jeder Betroffene bekommt, auch zahlreiche Verhaltensregeln samt Sanktionen und Strafmaß für den Fall, dass jemand während der angeordneten Quarantänezeit dagegen verstößt: Zuwiderhandlungen können mit einem Zwangsgeld von bis zu 2.500 Euro geahndet werden, bei besonderer Vorsätzlichkeit auch mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren.

"Über so etwas sollte man doch möglichst zu Beginn der Quarantäne informiert werden und nicht erst im Nachhinein", findet Holger Tietze. Und da ist er nicht der einzige. Offenbar sind die Mitarbeiter im Gesundheitsamt längst auch mit dem Ausfüllen der Bescheide an die personellen Kapazitätsgrenzen gelangt.

Tausende Menschen im Landkreis - eine genaue Zahl wird im Landratsamt nicht mehr ermittelt - befinden sich derzeit im amtlich angeordneten Hausarrest. Im Fall einer 23-Jährigen aus Oderwitz beispielsweise, die trotz Negativ-Test zehn Tage Quarantäne als Kontaktperson vom 2. bis zum 11. November verordnet bekam, wurde der amtliche Bescheid erst am 17. November erstellt und steckte per Einwurfeinschreiben am 19. November in ihrem Briefkasten.

Eine Sprecherin des Landratsamts erklärt auf Nachfrage von sächsische.de, dass bei Tausenden angeordneten Quarantänen die personellen Kapazitäten für ein rechtzeitiges Erstellen der Bescheide nicht mehr ausreichen. Ab dem heutigen Dienstag tritt deshalb auch eine neue Quarantäne-Verordnung in Kraft, die unter anderem regelt, dass nicht mehr in jedem Fall ein schriftlicher Bescheid erstellt wird. Über die Anordnung sollten sich Betroffene im Internet informieren.

Holger Tietze rät die Sprecherin, sich in seinem Fall noch einmal per E-Mail unter [email protected] an das Gesundheitsamt zu wenden.

Anmerkung der Redaktion: Der Beitrag wurde am 1. Dezember, 9.50 Uhr, um die nun vorliegenden Aussagen der Landkreis-Sprecherin ergänzt.

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