merken
PLUS Dresden

Was "Querdenken" und Pegida eint

Sie teilen sich montags den Dresdner Altmarkt und einen Teil des Publikums. Zwischen beiden Protestbewegungen gibt es eine große Schnittmenge.

Ende Oktober mobilisierte Marcus Fuchs von "Querdenken 351" völlig unerwartet rund 5.000 Menschen auf den Dresdner Theaterplatz.
Ende Oktober mobilisierte Marcus Fuchs von "Querdenken 351" völlig unerwartet rund 5.000 Menschen auf den Dresdner Theaterplatz. © dpa/Sebastian Kahnert

Dresden. Jetzt müssen also wieder einmal die Gerichte entscheiden. Darf Marcus Fuchs mit seinen "Querdenkern" am Dresdner Königsufer demonstrieren oder darf nicht? Erst im Dezember war Fuchs mit einem Eilverfahren durch die Instanzen bis zum Bundesverfassungsgericht marschiert – und hatte es dann aus Karlsruhe schriftlich bekommen, dass seine Demo aufgrund der Infektionsgefahr ausfallen muss.

Wahrscheinlich hatte er längst damit gerechnet. Denn Fuchs hatte an jenem Sonnabend, 12. Dezember, erst spät das höchste deutsche Gericht eingeschaltet. Nach der Absage des Verwaltungsgerichts Dresden waren die Querdenker auch am Oberverwaltungsgericht Bautzen abgeblitzt. Die Entscheidung fiel irgendwann nach Mitternacht – doch sein letztes Rechtsmittel gegen diese Entscheidung legte er erst am späten Vormittag ein.

Anzeige
Wachstum ist grün bei ZIMM
Wachstum ist grün bei ZIMM

Innovation & Tradition: ZIMM sucht junge, dynamische Fachkräfte (m/w/d).

Ein geschickter Schachzug. So konnte Fuchs behaupten, es sei viel zu spät für die Demo und den Schwarzen Peter dem etablierten System zuschieben, gegen das er und seine Coronakritiker seit Monaten protestieren. In dieser Zeit ist einiges passiert.

5.000 Menschen auf dem Theaterplatz

Montagabende in Dresdens Innenstadt sind fest gebucht. Seit Oktober 2014 veranstaltet die rechtspopulistische und in weiten Teilen fremdenfeindliche Pegida-Bewegung Demos und Spaziergänge in der Innenstadt. Das Orga-Team um Gründer Lutz Bachmann lässt sich immer wieder mal etwas Neues einfallen, um im Gespräch zu bleiben. Pegida wirbt inzwischen damit, 227 Demonstrationen durchgeführt zu haben.

Seit der Coronapandemie wächst eine neue, nicht minder demonstrationsfreudige Gruppe in der Landeshauptstadt heran, die sich inzwischen ebenfalls montagabends in Dresden tummelt. Anmelder ist Fuchs, Sprecher der Initiative "Querdenken 351".

Marcus Fuchs Anfang November bei einer Demo der Initiative "Eltern stehen auf" vor dem Gesundheitsamt in Bautzen. Gefordert wurde unter anderem die Abschaffung der allgemeinen Maskenpflicht.
Marcus Fuchs Anfang November bei einer Demo der Initiative "Eltern stehen auf" vor dem Gesundheitsamt in Bautzen. Gefordert wurde unter anderem die Abschaffung der allgemeinen Maskenpflicht. © SZ/Uwe Soeder

Ende Oktober mobilisierte er völlig unerwartet rund 5.000 Menschen auf den Theaterplatz. Die Polizei war hoffnungslos unterbesetzt und konnte nicht einmal die Maskenpflicht kontrollieren, geschweige denn durchsetzen. Hunderte waren ohne "Maulkorb" gekommen, wie die Mund-Nasen-Bedeckung in "Querdenker"-Kreisen spöttisch genannt wird.

Zwei Wochen später kamen in Leipzig Zehntausende Demonstranten zu einer weiteren "Querdenker"-Demo, die Schätzungen reichen von 20.000 bis mehr als 45.000 Teilnehmern, darunter einige Hundert Rechtsextremisten.

Pegida und "Querdenker" teilen sich das Publikum

Seit Februar demonstriert "Querdenken 351" regelmäßig am Altmarkt. Der sächsische Ableger gehört zu der bundesweiten "Querdenken"-Bewegung um Michael Ballweg aus Stuttgart. Immer wieder gab es Kritik, dass Ballweg und seine Mitstreiter enge Kontakte zu Rechtsextremisten und Reichsbürgern pflegen. Auch wenn sie es anders darstellen, scheint es keine Berührungsängste zu geben.

In Dresden scheint auch Fuchs mit Pegida gemeinsame Sache zu machen. Nach wenigen Wochen schon teilen sich beide Initiativen den Altmarkt als Versammlungsort – und einen Großteil ihres Publikums. Ab 18 Uhr beginnt zunächst Fuchs, nach 19 Uhr übernehmen Bachmann und Co. Ihre Bühnen sind zwar getrennt, aber wer weiß, wie lange noch.

Erst Ende Februar hat ein regelmäßiger Pegida-Gastredner, der AfD-Fraktionsvorsitzende im Landtag Brandenburgs Hans-Christoph Berndt, Kraft und Gemeinsinn beider Bürgerbewegungen gelobt, Pegida und "Querdenken". Berndt hat in Cottbus den flüchtlingsfeindlichen Verein Zukunft Heimat aufgebaut, kam so mit Pegida in Kontakt – und wird von Brandenburgs Verfassungsschutz wegen beider Tätigkeitsgebiete als "erwiesen rechtsextremistisch" eingestuft.

Von Impfgegnern bis Holocaust-Leugnern bei Demos

Die Anhänger der "Querdenker"-Demos gehen seit dem Frühling 2020 verstärkt auf die Straße. Zunächst protestierten sie still an Sonnabenden im Großen Garten gegen die Corona-Auflagen der Regierung. Darunter befanden sich Impfgegner, Esoteriker, allerhand Alternative, Künstler und Leute, die glauben, ein intaktes Immunsystem allein sei ein ausreichender Schutz gegen die Pandemie. Einige betonten die Gewaltfreiheit, setzten sich lautstark für das Grundgesetz, Menschen-, Bürger- und Freiheitsrechte ein.

Doch auch Rechtsextremisten, Holocaustleugner und AfD-Politiker waren dort immer wieder zu sehen. Es begannen erste Kundgebungen gegen die ihrer Meinung nach überzogenen staatlichen Pandemie-Auflagen unter anderem von dem Dresdner Bürgerrechtler Henry Mattheß auf dem Neumarkt.

Marcus Fuchs, als er noch Bautzener Kreiselternrat war.
Marcus Fuchs, als er noch Bautzener Kreiselternrat war. © SZ/Theresa Hellwig

Marcus Fuchs, bis da als Vorsitzender des Kreiselternrats im Landkreis Bautzen aktiv, wurde in Dresden Ende Oktober schlagartig bekannt. Seine nächste Demo im Dezember auf der Cockerwiese hatten die Gerichte untersagt. Fuchs leugnet zumindest die Folgen der Pandemie und greift immer wieder zu starken Worten.

Erst am vergangenen Montag sagte er wieder einmal auf dem Altmarkt über die staatlichen Pandemiemaßnahmen: "Wir werden so lange demonstrieren, bis die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen wurden." Das könnte eins zu eins auch von einem Redner auf der Pegida-Bühne stammen.

Auf seiner Facebook-Seite hatte Fuchs von "Corona-Faschismus" geschrieben, bei einer Demo vor dem Bautzner Landratsamt die Pandemie gleich ganz infrage gestellt. Nachdem er zunächst als Elternrat einer Arnsdorfer Schule zurückgetreten ist, lässt er seit Januar auch sein Amt im Kreiselternrat ruhen.

Politiker in Sträflingskleidung gezeigt

Wie andere "Querdenken"-Frontleute ist auch Fuchs ein schillernder Anführer dieser rechtspopulistischen Bewegung. Ende Februar soll er bei einer ähnlichen Demo in Halle gemeinsam mit dem Rechtsextremisten Sven Liebich gesehen worden sein. Ballweg hat sich im Herbst in Thüringen mit führenden Vertretern der Reichsbürgerszene getroffen. Solche unsensiblen Begegnungen erinnern neben dem umtriebigen Demonstrationsgeschehen und dem Ablehnen der bestehenden Institutionen nicht zufällig an Pegida.

Wie Pegida grenzen sich auch die Querdenker scharf von etablierten Parteien, Politikern, Medien und anderen gesellschaftlichen Akteuren ab. Von den Wissenschaftlern erhalten diejenigen Gehör, die alternativen Wahrheiten anhängen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Epidemie-Experte Karl Lauterbach (SPD) oder der Virologe Christian Drosten werden dagegen scharf verhöhnt. Auf "Querdenken"-Demos werden sie seit Monaten auf Plakaten in Sträflingskleidung gezeigt.

Wenn etablierte Politiker, wie etwa der Dresdner Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) oder Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), jedoch Gespräche mit den "Querdenkern" ablehnen, werden sie als arrogant beschimpft.

"Querdenken"-Versammlungen ziehen auch reihenweise Verschwörungstheoretiker und Aluhutträger an, wie hier auf dem Theaterplatzt Ende Oktober 2020.
"Querdenken"-Versammlungen ziehen auch reihenweise Verschwörungstheoretiker und Aluhutträger an, wie hier auf dem Theaterplatzt Ende Oktober 2020. © dpa
Mit einem Autokorso haben Ende Februar in Dresden hunderte Menschen gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert. Dabei kam es zu mehreren Straftaten, die im Nachhinein bekannt wurden.
Mit einem Autokorso haben Ende Februar in Dresden hunderte Menschen gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert. Dabei kam es zu mehreren Straftaten, die im Nachhinein bekannt wurden. © René Meinig
In Leipzig nahmen am 7. November Zehntausende an einer "Querdenken"-Demonstration teil.
In Leipzig nahmen am 7. November Zehntausende an einer "Querdenken"-Demonstration teil. © Sebastian Kahnert/dpa

Spektakuläre Aktionen, mit denen Pegida immer wieder aufgefallen ist, gibt es auch bei Fuchs und seinen Mitstreitern. Aktuell ruft er auf, deutsche Richter am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu verklagen. Dazu hatte Fuchs zunächst zu einer "Unterschriftensammlung" aufgerufen. Inzwischen ist daraus eine "Ich-hab'-das-mal-Unterschriften-Sammlung-genannt"-Aktion geworden.

Tatsächlich will "Querdenken 351" nun 500 einzelne Anzeigen von Teilnehmern sammeln, die Opfer von staatlicher Gewalt geworden seien – sei es durch die verbotene Demo am 12. Dezember, durch die Maskenpflicht oder weil Kinder in der Schule unter der Maske leiden oder deswegen sogar gemobbt würden. Die entsprechenden Formulare und alles, was man wissen muss, finden die Opfer deutscher Polizei- und Richterwillkür, wie Fuchs es nannte, auf der Homepage der Bewegung.

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

Weiterführende Artikel

Der Anwalt der "Querdenker"

Der Anwalt der "Querdenker"

Reiner Fuellmich versprach eine Sammelklage gegen Christian Drosten. Verschwörungsgläubige zahlten dafür 800 Euro. Nun warten sie seit Monaten.

Polizei zu "Querdenken": "Radikalisierung auf der Straße"

Polizei zu "Querdenken": "Radikalisierung auf der Straße"

Nach den Ausschreitungen bei "Querdenken" in Dresden hat die SZ mit der Polizei gesprochen. Wurde die Lage im Vorfeld der Versammlung unterschätzt?

Erste Konsequenz nach "Querdenken" in Dresden

Erste Konsequenz nach "Querdenken" in Dresden

Tausende Demo-Teilnehmer waren am Samstag in der Stadt unterwegs. Polizeiketten wurden überrannt, Beamte verletzt. Jetzt gibt es eine Konsequenz.

Dresdner "Querdenker": Es reicht!

Dresdner "Querdenker": Es reicht!

Eine Versammlung ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Das zeigt, wie die sogenannten Corona-Kritiker agieren und wie das die Polizei überfordert. Ein Kommentar.

Nachrichten und Hintergründe zum Coronavirus bekommen Sie von uns auch per E-Mail. Hier können Sie sich für unseren Newsletter zum Coronavirus anmelden.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden