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Radeberg: Stundenlanges Warten auf die Impfung

Schon Stunden vor Öffnung stehen viele teils ältere Menschen am Montag für die Corona-Impfung in der Kälte an. Warum sie das auf sich nehmen.

Von David Berndt & Thomas Drendel
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Der Andrang zum Impfangebot des DRK in Radeberg war enorm. Schon lange vor Öffnung standen die Menschen an.
Der Andrang zum Impfangebot des DRK in Radeberg war enorm. Schon lange vor Öffnung standen die Menschen an. © Sven Ellger

Radeberg. Schon lange vor Beginn der Impfungen reicht die Schlange fast über den gesamten Marktplatz. Dutzende Radeberger und Einwohner umliegender Orte stehen am Rathaus an, um sich die Corona-Schutzimpfung geben zu lassen. Das Thermometer zeigt sieben Grad, über den Platz weht ein kalter Wind. „Spaß macht das nicht, hier bei der Kälte anzustehen. Uns wurde gesagt, etwa anderthalb Stunden wird es wohl dauern, bis wir dran sind“, sagt Lothar Simon. „Glücklicherweise regnet es nicht, sonst wäre das noch schlimmer.“ Der Senior steht diesmal für seine Schwester an, wie er sagt. „Ich halte ihr den Platz frei, weil sie nicht so lange stehen kann. Sie gehört zur gefährdeten Gruppe und will sich unbedingt die Booster-Impfung geben lassen.“

Er selbst hat sich beim Impftermin vor einer Woche die dritte Spritze geben lassen. „Ich habe Diabetes und Rheuma, da bin ich ebenfalls besonders gefährdet. Drei Stunden habe ich gewartet. Die Impfung wollte ich aber auf jeden Fall. Unverständlich ist, warum bei einem solchen Termin nicht gleich auch die Grippe-Schutzimpfung mit angeboten wird“, sagt der Radeberger.

Andrea Schindler ist aus Arnsdorf zum Impftermin nach Radeberg gekommen. „Wir wollen uns ebenfalls die Booster-Impfung geben lassen. In unserer Familie gibt es ein Kind mit Leukämie. Wir müssen unbedingt vermeiden, dass wir uns mit dem Virus anstecken und es womöglich in die Familie tragen. Das hätte für das Kind schlimme Folgen.“

Birgit Göldner steht mit ihrem Rollator in der Schlange, die sich inzwischen bis in die angrenzende Oberstraße erstreckt. „Es ist auf Dauer sehr kalt hier auf dem Markt. Ich möchte mir die Impfung aber unbedingt geben lassen. Beim Hausarzt dauert mir das zu lange. Dort werden jetzt Termine für den Januar oder Februar vergeben. Solange will ich nicht warten. Wer weiß, was bis dahin passiert.“ Die ersten beiden Impfungen habe sie gut vertragen. Vor der Dritten hat sie keine Angst. „Ich vertraue da ganz den Ärzten. Es sollten sich viel mehr impfen lassen“, sagt die Seniorin.

Gleich hinter ihr warten zwei junge Leute. Sie wollen sich die Zweitimpfung geben lassen, wie sie sagen. Die erste haben sie sich vor drei Wochen, ebenfalls bei einem offenen DRK-Termin, geholt. „Wir lassen uns jetzt impfen, weil es anders ja schon fast nicht mehr geht. Nichtgeimpfte müssen ja etliche Einschränkungen hinnehmen. Testen wäre unserer Ansicht nach die sicherste Möglichkeit, die Ausbreitung des Virus aufzuhalten“, sagt die junge Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte.

Radebergs OB Gerhard Lemm (SPD) hat inzwischen auf die Kritik der langen Wartezeiten in der Kälte reagiert. „Wir hatten auch andere Räumlichkeiten, zum Beispiel die Turnhalle an der Pulsnitzer Straße angeboten, damit nicht so viele, darunter ältere Menschen, in der Kälte Schlange stehen müssen. Wir werden das Angebot auch noch mal wiederholen“, schreibt er auf Facebook.

Er weist aber auf ein Problem hin: In Räumen wäre auch die Ansteckungsgefahr größer. „Die 2G-Regel müsste eingehalten werden, womit dann nur noch boostern ginge.“ Um die Wartezeiten zu verkürzen, sei es vor allem wichtig, die Personalkapazität bei den Impfteams zu erhöhen, so der OB. Doch selbst die zwei Ärzte, die diesmal in Radeberg die Spritzen gaben, reichten nicht aus. Den ganzen Tag über warteten Interessenten vor dem Rathaus. Nach Angaben von Mike Berger, Koordinator des DRK, wurden insgesamt 191 Impfungen verabreicht. „Die Boosterimpfungen machten dabei den größten Anteil aus. Das waren 117. Hinzu kamen 57 Erst- und 17 Zweitimpfungen.“ Um den Ansturm zu bewältigen, impfte das Team bis nach 18 Uhr, geplant war bis 17 Uhr. Auch Mike Berger sieht die Notwendigkeit, die Räumlichkeiten in Radeberg zu verbessern. „Wir suchen nach Alternativen. Besonders der Wartebereich muss vergrößert werden. “

Bereits vergangene Woche hatte der Freistaat Sachsen angekündigt, die Kapazitäten beim mobilen Impfen verdoppeln zu wollen. So sollen etwa zusätzliche Impfteams feste Anlaufstellen in allen Landkreisen und kreisfreien Städten bekommen. Laut dem Bautzener Landratsamt laufen die Abstimmungen dazu. „Leider ist nicht jedes angebotene Objekt geeignet“, heißt es. Auch das DRK wünscht sich die Vergrößerung der Impfteams. „Vonseiten der politischen Entscheidungsträger wurde Unterstützung dafür zugesagt“, sagt Impfkoordinator Mike Berger.

Am Montag kündigte Gesundheitsministerin Petra Köpping ein schnelleres Impftempo für den Freistaat an: Statt wie bisher bis zu 4.500 Impfungen pro Tag sollen ab sofort 6.000 und ab Dezember bis zu 10.000 Impfungen täglich stattfinden. Bis Ende März sollen landesweit 54.000 Impfdosen angeboten werden. Die mobilen Teams des DRK werden ihr Personal verdoppeln.

Die Kassenärztliche Vereinigung verweist auf Impfpraxen, die sie auf ihren Internetseiten aufführt. „Unabhängig von den hier gelisteten Arztpraxen kann auch in Hausarzt- oder in anderen Praxen angefragt werden, ob die Möglichkeit zur Impfung besteht“, teilte KVS-Sprecherin Katharina Bachmann-Bux jetzt mit. Den Wunsch nach mehr Personal haben auch die Impfärzte selbst, wie etwa Johannes Filous. Anfang November berichtete er von teils vierstündigen Wartezeiten. Gerade für ältere Menschen sei es schwierig, solange zu stehen. Ein weiterer Impfarzt aus dem Landkreis Bautzen bestätigt die große Nachfrage. „Die Leute wollen geboostert werden. Zwei bis drei Stunden zu warten, geht da nicht, und dass Leute wieder gehen, können wir uns nicht mehr leisten.“

Der Langebrücker Allgemeinarzt Dr. Klaus Lorenzen weist auf ein weiteres Problem hin: die kurzfristige Verfügbarkeit des Impfstoffes. „Wenn ich Dienstag feststelle, dass meine Impfstoffplanung nicht ausreicht, müsste ich doch kurzfristig in einer Apotheke bestellen können und der Impfstoff ist am nächsten Tag da.“ Das passiere aber nicht. „Außerdem wäre eine Bereitstellung der Impfstoffe in Einzeldosisbehältnissen, wie das bei fast allen anderen Impfstoffen seit Jahren üblich ist, eigentlich überfällig. Dann entfiele ein wesentlicher Hemmschuh, die Planerei von Terminen“, sagt Lorenzen. Am nächsten Montag wird wieder ein Team in Radeberg impfen. Hoffentlich mit mehr Personal und kürzeren Wartezeiten für die Patienten.