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„Kleine Läden werden es schwer haben“

Carl Schelle betreibt seit 30 Jahren eine Goldschmiede in Radeberg. Über das Firmenjubiläum, Vorbereitungen für den Ruhestand und die Zukunft der Innenstadt.

Elke und Carl Schelle betreiben seit 30 Jahren ihre Goldschmiedewerkstatt in Radeberg. 2022 wird die nächste Generation das Geschäft übernehmen.
Elke und Carl Schelle betreiben seit 30 Jahren ihre Goldschmiedewerkstatt in Radeberg. 2022 wird die nächste Generation das Geschäft übernehmen. © Christian Juppe

Radeberg. Die Goldschmiede Schelle an der Hauptstraße, schräg gegenüber dem Rathaus, ist eine Institution. Hier haben sich Generationen von Radebergern Eheringe anfertigen lassen. Außerdem ist Carl Schelle einer, dem die Stadt immer am Herzen liegt, der einen maßgeblichen Anteil am heutigen Aussehen der Hauptstraße hat.

Dabei war es anfangs nicht abzusehen, dass der heute 74-Jährige einmal ein Geschäft in Radeberg eröffnen wird. Nach der Goldschmiedeausbildung, Anstellung und Meisterprüfung in einer renommierten Firma in Freiberg machte er sich in Weixdorf selbstständig.

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Möglichst weit weg von den Kunden. Auf dem Bauernhof seiner Schwiegereltern. „Ich wollte in Ruhe arbeiten“, sagt er. Genützt hat ihm das nichts. Als er am ersten Tag der Eröffnung aus dem Fenster schaute, hatte sich schon eine lange Schlange vor dem Hof gebildet. Grund war eine kleine Annonce in der SZ. „Dass das solche Auswirkungen hat, das hätte ich nicht erwartet.“

Schon am ersten Tag eine lange Schlange vorm Geschäft

Das Besondere bei ihm war: Es konnten Ringe bestellt werden, auch wenn man kein Gold hatte. „Wegen der Knappheit bei dem Edelmetall musste jeder alte Schmuckstücke mitbringen, damit aus ihnen neue angefertigt werden konnten. Ich hatte durch eine Reform beim Goldpreis in der DDR Glück. Der wurde plötzlich vervierfacht, dadurch wollten viele Goldschmiedewerkstätten ihre Zuteilung nicht. Ich musste zwar auch einen Kredit aufnehmen, hatte aber von Anfang an vergleichsweise viel Arbeitsmaterial“, erinnert sich der Handwerksmeister.

Zehn Jahre blieb Carl Schelle in Weixdorf. Noch vor der Wende, wollte er nach Radeberg umziehen. „Es gab ein Modellprojekt, in der Stadt Wohnen und Handwerk in einem Haus zu verbinden. Außerdem hatte ich viele Kunden aus der Stadt.“ Allerdings zerschlug sich das Projekt.

Nach der Wende dann die glückliche Fügung. Die ehemalige Konditorei an der heutigen Hauptstraße stand leer. „Die Einrichtung war wunderbar. Kacheln an den Wänden so ähnlich wie in Pfunds Molkerei in Dresden. Die Decken waren verspiegelt.“ Allerdings war der Zustand so schlecht, dass es keine Rettung für die Einrichtung gab.

„Wo heute meine Werkstatt ist, stand der Backofen. Den habe ich selbst mit abgebaut.“ Nach den ersten fünf Jahren zur Miete konnte er das Haus vom alten Besitzer kaufen. Es wurde saniert, das Dachgeschoss ausgebaut und die Werkstatt erweitert.

„Die Hauptstraße sah damals schlimm aus, das Pflaster war mehr eine Berg- und Talbahn. Das konnte so nicht bleiben. Wir haben erst im Gewerbeverein darüber gesprochen. Einer der Vorreiter war Detlef Dauphin. Gemeinsam haben wir unsere Vorstellungen bei der Stadt vorgebracht“, sagt er.

Anna-Maria Schelle (li.) und Yvonne Schelle in der Goldschmiedewerkstatt in Radeberg. Yvonne wird im kommenden Jahr gemeinsam mit ihrem Ehemann das Geschäft weiterführen. Anna-Maria betreibt den St.Annen Werksalon in Dresden.
Anna-Maria Schelle (li.) und Yvonne Schelle in der Goldschmiedewerkstatt in Radeberg. Yvonne wird im kommenden Jahr gemeinsam mit ihrem Ehemann das Geschäft weiterführen. Anna-Maria betreibt den St.Annen Werksalon in Dresden. © Christian Juppe

Bereits Mitte der 90er Jahre versuchte er, die Innenstadt zu beleben. „Wir waren die Ersten, die vor dem Geschäft Live-Musik veranstaltet haben. Damals habe ich das Thomas-Stelzer-Trio eingeladen. Später hatten wir ein Harley-Davidson-Treffen und ein Enten-Treffen mit den berühmten französischen Autos. Auch die Idee der Einkaufsnacht wurde hier im Geschäft geboren“, erinnert sich Carl Schelle.

Die Konzerte, die Events, die Einkaufsnacht waren ein Riesenerfolg. „Wir wollten uns um die Stadt kümmern, und das ist uns gelungen.“ Später dann wurde das Angebot in den umliegenden Städten und Gemeinden immer größer. Die Besucher kamen nicht mehr so zahlreich.

„Wir hatten auch etliche leere Geschäfte in der Stadt. Auch hier versuchten wir, Abhilfe zu schaffen. Im Schloss Klippenstein organisierten wir gemeinsam mit der Handwerkskammer ein Event, um Kreative in die Stadt zu holen, Handwerker, Künstler. Wir boten Geschäftsräume an. Sogar überregional wurde darüber berichtet. Doch letztendlich muss ich sagen, war der Erfolg bescheiden.“

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Heute vermutet er, dass es kleine Inhaber geführte Geschäfte künftig schwer haben werden. „Die Konkurrenz der großen Ketten ist erdrückend. Vieles läuft über Bestellungen im Internet. Corona hat das beschleunigt. Meine Prognose ist, dass es in Radeberg in zehn Jahren vor allem große Versorger wie Supermärkte und Drogerieketten geben wird.“

Er versucht, sich mit seinen Kindern der Entwicklung entgegenzustellen. „Mein Sohn Martin wird gemeinsam mit seiner Frau, die Goldschmiedemeisterin ist, das Geschäft übernehmen. Das wird im kommenden Jahr der Fall sein“, sagt er. Wie bisher will sich die Goldschmiede Schelle um die Stammkunden kümmern, die die besonderen Entwürfe schätzen.

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„Wir haben in den vergangenen Jahren ja eine besondere Handschrift entwickelt, in dem wir viel mit Perlen und Opalen arbeiten. Das kommt sehr gut an“, sagt Anne-Maria Schelle, die inzwischen mit einer Buchbinderin ein eigenes Geschäft in Dresden betreibt, den St. Annen Werksalon.

Der Aufbau einer Homepage mit einem Internetshop für die Goldschmiede Schelle läuft derzeit. „Wir wissen, dass Schmuckstücke eine ganz andere Wirkung entfalten, wenn man sie in der Hand hält, die Oberfläche spürt und anprobieren kann. Doch der Verkauf im Internet nimmt zu. Dem wollen wir uns nicht verschließen. Wer will, kann weiterhin ins Geschäft kommen“, sagt Carl Schelle.

Jetzt wird allerdings erst einmal 30-jähriges Firmenjubiläum gefeiert. „Ab Montag, 1. Februar, werden wir unsere Schaufenster besonders dekorieren. Es werden nur Unikate von uns zu sehen sein, wir bieten also eine kleine Ausstellung für alle Interessierten.“

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