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Für viele Branchen wird es langsam eng

Erwartet und doch ein Schock: Lockdown-Verlängerung und neue Ferienregelung treffen viele in Görlitz und Niesky hart. Ideen sind gefragt.

Auch wenn Corona ist, kann man sich mal einen Wunsch erfüllen: Der Görlitzer Bus- und Taxiunternehmer Ingo Menzel hat sich ein echtes London-Taxi gekauft - als Elektroauto. Damit fährt er bereits durch Görlitz.
Auch wenn Corona ist, kann man sich mal einen Wunsch erfüllen: Der Görlitzer Bus- und Taxiunternehmer Ingo Menzel hat sich ein echtes London-Taxi gekauft - als Elektroauto. Damit fährt er bereits durch Görlitz. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Jeder hat damit gerechnet, die Politik hatte es lange angekündigt: Und dennoch treffen die neuen Corona-Entscheidungen viele wie der Schlag. Ob es die geteilten Winterferien sind oder das Wissen um weiterhin geschlossene Schulen, Geschäfte, Restaurants, Kinos, Schwimmbäder, Fitness-Studios, Theater oder Museen – all das sorgt noch einmal für richtig Frust, mitunter auch Verzweiflung. Planlosigkeit sowieso. Aber auch für Kreativität, so mancher versucht, trotzdem den einen oder anderen Euro zu verdienen. Die SZ hat sich in verschiedenen Bereichen umgehört.

Handel: Den Winter schon fast abgeschrieben

Am liebsten würde er gar nichts mehr sagen, so frustriert ist Georg Schwind vom Görlitzer Modehaus Schwinds Erben. Er versteht nicht recht, warum Supermärkte öffnen dürfen, Bekleidungsgeschäfte aber nicht. „Kleidung ist doch auch Ware des täglichen Bedarfs“, findet er. Die für den Winter hängt im Geschäft, das aber nicht öffnen darf. Die große Hoffnung: Vielleicht geht es ab Februar wieder los, vielleicht ist es dann noch etwas winterlich und man wird noch Wintermode los. Und wenn nicht, dann gibt es tolle Frühjahrsmode, verspricht Schwind. Wie so viele Händler gibt's auch bei ihm Gutscheine – für die Zeit nach dem Lockdown. Man schickt eine Mail und bekommt dann den Gutschein mit der Post.

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So funktioniert das auch bei Intersport Vetter in Niesky. Ski oder Schlitten wird im Frühjahr aber wohl keiner mehr kaufen. Ware zurückschicken geht aber nicht, also werde man wie viele andere fürs kommende Jahr weniger Winterware einkaufen, sagt Juniorchef Martin Vetter. Das wiederum falle den Herstellerfirmen auf die Füße. „Da wird es wohl einige erwischen“, sagt er. Wie viele andere Betreiber auch ist er trotz Lockdown im Laden. Einen Onlineshop haben Vetters nicht, zu teuer. Die Unternehmen, bei denen man den Shop platzieren kann, wollen in der Regel zehn oder 15 Prozent vom Umsatz. Eine kleine Einnahmequelle hat Martin Vetter neben Gutscheinen aber dennoch: Vereine können bei ihm Vereinskleidung bestellen und auch individuell bedrucken lassen. Dafür hat er seine eigene kleine Textildruck-Firma „My Print“. Dass vor Ostern wieder normales Geschäft herrschen wird, glaubt er eigentlich nicht. „Wir können nur hoffen, dass die Politik uns unterstützt.“

Bleiben Martin Vetter (im Bild) und sein Vater Andreas vom Intersport-Geschäft in Niesky auf ihren Wintersportgeräten sitzen? Es sieht fast danach aus. Denn ob die Geschäfte tatsächlich im Februar wieder öffnen können, ist ungewiss. Und der Skiurlaub wird
Bleiben Martin Vetter (im Bild) und sein Vater Andreas vom Intersport-Geschäft in Niesky auf ihren Wintersportgeräten sitzen? Es sieht fast danach aus. Denn ob die Geschäfte tatsächlich im Februar wieder öffnen können, ist ungewiss. Und der Skiurlaub wird © André Schulze

Tourismus: Ein bisschen Glück im Unglück

Genau das ist auch die große Hoffnung von Ingo Menzel, der in Görlitz ein Bus- und Taxiunternehmen betreibt und unter anderem für seine Stadtschleicher-Touren bekannt ist. „Schockdown“ nennt er den Lockdown. Allein im November hatte er mehrere Tagesfahrten streichen müssen – alle Busse wären voll besetzt gewesen.

„Der TUI greift die Regierung unter die Arme, aber was ist mit Busunternehmen? Ich habe meine fünf Busse abgemeldet, aber die Finanzierung läuft ja weiter“, sagt Menzel. „Das Geld muss ja irgendwoher kommen.“ Klar, er versteht, dass in der jetzigen Situation gehandelt werden müsse. Aber wenn Unternehmen dabei eingehen? Menzel ist heilfroh, dass der Lockdown jetzt in die touristische Saure-Gurken-Zeit fällt – Glück im Unglück nennt er das. Obwohl er sonst auch im Winter ganz gut gebucht ist: Weihnachtsmärkte, Klassenfahrten, Grüne Woche. Glück für ihn ebenso: Er hat auch vier Taxen, die dürfen ja fahren. „Wenn ich die nicht hätte“, sagt er. Doch hier vermasselt wiederum die nächtliche Ausgangssperre das Geschäft. Einmal strafte die Polizei einen Fahrgast beim Aussteigen aus dem Taxi ab, weil derjenige sich bei der Tankstelle Getränke holen wollte.

Ein Lichtblick ist für den Görlitzer Unternehmer sein neuestes „Baby“: ein echtes London-Taxi. Elektrisch und dazu Corona konform, denn eine Scheibe trennt Fahrer und Fahrgast. Im Dezember erst hat er das Fahrzeug aus Berlin geholt. Geliebäugelt hatte er damit schon länger. Solange der Lockdown anhält, wird es als normales Taxi eingesetzt, danach kann sich Ingo Menzel auch vorstellen, dass er damit individuelle Stadtrundfahrten für Touristen anbietet.

Gunnar Buchwald mit dem Gästebuch seines Hotels "Zum Hothertor". Bis auf einige wenige Gäste - größtenteils Montage-Arbeiter - ist momentan nichts los. Der Tourismus liegt mit dem Lockdown am Boden.
Gunnar Buchwald mit dem Gästebuch seines Hotels "Zum Hothertor". Bis auf einige wenige Gäste - größtenteils Montage-Arbeiter - ist momentan nichts los. Der Tourismus liegt mit dem Lockdown am Boden. © nikolaischmidt.de

Der Görlitzer Hotelier Gunnar Buchwald ist eher entspannt: „Zwischen Januar und März passiert in anderen Jahren auch nicht viel.“ Er geht davon aus, dass der Lockdown bis Ostern anhalten werde und sagt: „Da müssen wir durch.“ Auch wenn schon 2020 Einbußen brachte, denn auch der tolle Sommer konnte die Verluste von Touristenmonaten wie April, Mai oder auch Dezember nicht ausgleichen.

Gastronomie: Essen zum Abholen boomt

Die Gastronomie scheint sich inzwischen gut auf die Situation eingestellt zu haben und macht das Beste draus. Unter anderem gibt es bei Facebook die Gruppe „Görlitz to go“, wo verschiedene Gastronomen ihre aktuellen Angebote und Telefonnummern posten. Kunden können dann bestellen und das Essen abholen. Fotos von satten und zufriedenen Essern gibt es zuhauf – sei es vom Sushi-Laden am Klosterplatz, vom Weinhübler Zeltgarten, von der Schulküche Markersdorf oder vom Reichenbacher Schwabenpfeil.

Schulen: Eltern wegen Ferienkürzung frustriert

Unverständnis herrscht unter den Eltern, nachdem es seit Dienstag heißt: Die Februarferien sollen geteilt werden. „Ich habe geplanten Urlaub, um mein Kind in den Ferien zu betreuen, der kann nicht verschoben werden. Herrlich“, schreibt eine Nutzerin bei Facebook in einer Flut von frustrierten Kommentaren. Oder: „Total unverständlich. Jetzt stehen die Eltern wieder da, die ihren Urlaub schon längerfristig planen mussten. Die arbeitenden Eltern werden ständig bestraft, es nervt nur noch.“ Vor allem das Problem der Kinderbetreuung sehen viele Eltern. „So stehen die Eltern eine weitere Woche vor dem Problem, wie sie die Betreuung der Kinder abdecken! Und eine Woche später sitzen dann die Eltern alleine zuhause und „genießen“ ihren Urlaub ohne Kind“, heißt es auf Facebook.

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Allerdings kommt die Politik Eltern hier auch entgegen: Denn wer für die eigentlichen Winterferien Urlaub gebucht hat, darf sein Kind aus der Schule nehmen. Außerdem bekommen Eltern statt bislang zehn nun 20 Kind-krank-Tage, Alleinerziehende sogar 40. Das gilt auch, wenn man gesunde Kinder daheim betreuen muss, weil es keine andere Betreuungsmöglichkeit gibt.

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