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Stöcker-Impfaktion: Drohen jetzt Konsequenzen?

Vorige Woche haben Hunderte Menschen in Kiesdorf das nicht zugelassene Stöcker-Antigen erhalten. Die Reaktionen reichen von Empörung bis zu Schmallippigkeit.

Winfried Stöcker - hier beim Neujahrsempfang in Görlitz 2020 - spaltet mit seinem Impfstoff die Gemüter nicht nur in der Oberlausitz.
Winfried Stöcker - hier beim Neujahrsempfang in Görlitz 2020 - spaltet mit seinem Impfstoff die Gemüter nicht nur in der Oberlausitz. © Archiv: Nikolai Schmidt

Joachim Schulze hat nicht lange gefackelt: Nach der Lektüre des SZ-Berichtes über eine Impfaktion mit dem Stöcker-Antigen im Kulti Kiesdorf hat der grüne Kreistagsabgeordnete sofort eine Mail an den Görlitzer Landrat geschickt "mit Bitte um schnelles Handeln des Gesundheitsamtes", schreibt er auf der Facebookseite der SZ. Staatliche Stellen müssten von Amts wegen aktiv werden, gibt sich Schulze überzeugt, denn "es ist auch ein Angriff auf Recht und Ordnung". Als Privatsache der "Stöckergläubigen" könne man die Sache mit der - offenbar ja in großem Umfang verabreichten, nicht zugelassenen Impfung - nicht mehr sehen. Es habe "jetzt eine andere Qualität".

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In der Tat ist die Impfaktion Thema beim Landkreis - nicht nur wegen der Forderung von Joachim Schulze. Handlungsmöglichkeiten sieht der Kreis seinerseits allerdings nicht. "Zunächst müsste geprüft werden, ob die Dinge strafrechtlich relevant sind", erklärt Pressesprecherin Franziska Glaubitz auf Nachfrage. Das sei aber Sache der Staatsanwaltschaft. Die Frage, ob der Kreis selbst Anzeige bei der Staatsanwaltschaft gestellt habe, beantwortet die Sprecherin nicht.

Staatsanwaltschaft: Abstimmung mit Lübeck

Also liegt der Ball bei der Staatsanwaltschaft. Dort hat man die Berichterstattung zur Kenntnis genommen, bestätigt Pressestaatsanwalt Christopher Gerhardi. "Wir müssen erst einmal alles sortieren und bewerten", erklärt er. Zudem wolle man sich mit der Staatsanwaltschaft Lübeck abstimmen, die bereits seit Längerem gegen Stöcker ermittelt. Auch die eigenen, laufenden Recherchen im Prüfverfahren gegen eine Ärztin im Kreis Görlitz werden mit Blick auf neue Erkenntnisse bewertet. Zu klären sei zudem, wer alles beteiligt war und ob deren Handeln strafbar sei. Dieser Punkt ist nach wie vor umstritten: Winfried Stöcker selbst sieht es als das Recht jedes Arztes an, sein entwickeltes Antigen im Rahmen des individuellen Heilversuches zu verabreichen. "Wir sind eine Behörde, die normalerweise nicht präventiv tätig wird", betont Gerhardi zudem. Tätig werden müssten hier vor allem Landesärztekammer und Landesdirektion, spielt er den Ball weiter.

Doch genau dort - bei der Sächsischen Landesärztekammer - sieht man sich nicht in der Lage, tätig zu werden. "Um eine berufsrechtliche Prüfung sowie eine Meldung an die zuständige Landesdirektion vornehmen zu können, benötigen wir Namen und Anschrift der beteiligten Ärzte", teilt Pressesprecher Knut Köhler auf Nachfrage mit. Nur ermitteln - wie die Polizei oder die Staatsanwaltschaft - dürfe man als berufsständige Vertretung der Ärzte selbst nicht. Daher gebe es hier aktuell keine Reaktionen auf die neuen Erkenntnisse.

Und wie steht die Gemeinde Schönau-Berzdorf dazu? Schließlich gehört ihr das Kulti. "Auf die Veranstaltungen haben wir keinen Einfluss, das ist Sache des Pächters", sagt Bürgermeister Christian Hänel (parteilos). Er persönlich habe vor den SZ-Recherchen nicht gewusst, dass es dort derartige Impfaktionen gebe, betont er. "Das hat mir niemand erzählt und ich komme ja auch nicht jeden Tag dort vorbei", sagt er. Dass Hunderte Menschen zum Impfen mit dem Stöcker-Antigen vor Ort waren, habe ihn "ein bisschen überrascht". Generell sei die Gemeinde mit dem Pächter in gutem Einvernehmen: "Wir sind mit dem Essen, das die Stöcker Hotel GmbH dort für Kitas und Schulen kocht, sehr zufrieden. Es ist gut und preisgünstig", erklärt Hänel.

Bürgermeister: Zulassungsverfahren wünschenswert

In der Nachbargemeinde Bernstadt ist Bürgermeister Markus Weise (Kemnitzer Liste) auch nicht wirklich glücklich mit den Entwicklungen: "Es ist ein sehr spaltendes Thema", konstatiert er. "Ich hätte es als wichtig empfunden, wenn der Weg, den Herr Stöcker eingeschlagen hat, mehr Unterstützung von allen Seiten erfahren hätte", sagt er. Konkret hätte sich Weise ein Zusammenspiel von Paul-Ehrlich-Institut, Robert-Koch-Institut und eben Winfried Stöcker gewünscht, um das Zulassungsprozedere in Gang zu setzen. Das setze aber voraus, dass alle Beteiligten kooperierten, auch Stöcker selbst.

"In einer Notsituation brauchen wir die Hilfe vieler kluger Köpfe, das heißt aber nicht, dass man von Standards abweichen sollte", fügt Weise hinzu. Diskussionen pro und kontra Winfried Stöcker gebe es in Bernstadt, wo der Euroimmun-Gründer mit der Sanierung des Braunen Hirsches und einem Produktionsstandort seiner früheren Firma hohes Ansehen genießt, im Alltag nicht. In kleinerer Runde spiele das Thema Impfen - und damit auch Stöcker - schon eine Rolle, sagt Weise. "Ich persönlich finde es verwunderlich, wenn jemand sämtliche Impfungen ablehnt, weil das zu unsicher sei, die Stöcker-Impfung aber haben möchte", sagt er. Denn Studien und Zahlen zu Wirksamkeit und Sicherheit liegen ja nicht vor. "Am Ende muss das jeder für sich selbst verantworten", betont Weise.

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