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Kretschmer: "Der Weg der Vereinzelung"

Home-Schooling oder Online-Studium: Wie soll Sachsens Jugend damit klarkommen? Ministerpräsident Kretschmer stellt sich der Diskussion und gesteht Fehler ein.

Kretschmer stellt sich den Jugendlichen und wird mit Fragen gelöchert.
Kretschmer stellt sich den Jugendlichen und wird mit Fragen gelöchert. © Fortschritt Vision Diskurs e.V.

Was bewegt eigentlich Sachsens Jugend in Zeiten der Pandemie? Ist es das fehlende Ehrenamt? Das Durchhaltevermögen im Onlinestudium? Oder das Bangen um einen zukünftigen Arbeitsplatz in einer Branche, die durch Corona Stellen kürzt?

Geht man nach der Landesvorsitzenden der Jungsozialisten (Juso) Sophie Koch aus dem Vogtland, müssen all diese Fragen beantwortet werden. Gemeinsam mit Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) diskutierte die 27-Jährige am Montagabend über die Jugend in Zeiten der Pandemie. Eine isolierte Generation, die noch länger auf einen Impfstoff warten wird.

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Fensterwechsel ohne Schmutz und Stress
Fensterwechsel ohne Schmutz und Stress

Fenster oder Türen handwerklich hoch professionell austauschen, ohne dass das Haus zur Baustelle wird? Ja, das geht. Und zwar so:

Eingeladen wurden die beiden vom bildungspolitischen Verein "Fortschritt. Vision. Diskurs". Die Fragen stellte das Publikum im Chat, denn das Gespräch konnte man live per Videoübertragung mitverfolgen.

Wann wird der Lockdown gelockert? Warum sind die Zahlen so hoch und war der Lockdown-Light ein Fehler? Michael Kretschmer bleibt bei vielen Fragen gelassen. Auf die Frage, ob es ein Fehler war, den harten Lockdown erst so spät zu verordnen, räumt er ein: "Es war aus heutiger Sicht ein Fehler."

Aber er habe auch an die Wirtschaft gedacht und an die Kosten, die ein früherer Lockdown mit sich gebracht hätte. Eine Lockerung der derzeitigen Maßnahmen gebe es nun erst bei einem Inzidenzwert von etwa 50 bis 100. Und den sehe er nicht vor Februar. "Wir gehen den Weg der Vereinzelung. Das ist unser Weg", sagt der Ministerpräsident. Zurzeit werde an einem Phasenmodell für die Lockerungen gearbeitet. Friseursalons und Physiotherapie-Praxen möchte Kretschmer als Erstes öffnen.

Forderung nach "Jahrgangsgerechtigkeit"

Doch nicht nur die Corona-Verordnung beschäftigt die Jugendlichen. Die Juso-Landesvorsitzende Sophie Koch macht auf die erschwerten Bedingungen für Schüler, Azubis und Studierende aufmerksam. Praktika könnten derzeit nicht stattfinden, Online-Prüfungen seien schwer umzusetzen. Viele junge Menschen würde sich um ihren Abschluss sorgen.

Sie nimmt dabei ein Wort in den Mund, dass ihrer Ansicht sehr wichtig ist: Es heißt "Jahrgangsgerechtigkeit". Corona-Abschlussklassen - egal ob im Studium oder an der Berufsschule - sollten nicht von der Krise benachteiligt werden, fordert Koch.

Dabei verlangt sie von Kretschmer auch eine gerechte Finanzierung während des Studium. Viele 450-Euro Jobs fallen derzeit weg. Sie fordert ein elternunabhängiges Bafög, das auch über die Regelstudienzeit hinaus bezahlt werde.

Ministerpräsident Michael Kretschmer und Sophie Koch (Landesvorsitzende der JuSos Sachsen) im Gespräch über die Probleme der Jugend in Zeiten der Pandemie
Ministerpräsident Michael Kretschmer und Sophie Koch (Landesvorsitzende der JuSos Sachsen) im Gespräch über die Probleme der Jugend in Zeiten der Pandemie © Fortschritt Vision Diskurs e.V.

Michael Kretschmer zeigt Verständnis für die vielen Probleme, verweist aber auch auf verschiedene Zuständigkeiten und die Autonomien der Hochschulen. Immer wieder macht er auf die hohen Zahlen in den Krankenhäusern aufmerksam und bittet um eine Reduktion der Kontakte. Doch Sophie Koch beäugt dies auch kritisch. Der 27-Jährigen zufolge sei besonders die Situation in den Betrieben und deren Auswirkungen auf das Pandemiegeschehen zu wenig diskutiert worden.

Soziale Spaltung - ein Problem für Jugendliche

Doch neben Corona beschäftigen die Fragen der Jugendlichen im Chat noch zwei weitere Probleme: Es ist die Sorge vor einer sozialen Spaltung der Gesellschaft, die nicht mehr zum Miteinander fähig ist. Bei der Lösung des Problems, gehen die Meinungen von Kretschmer und Koch auseinander: "Ich finde, dass man der Polarisierung der Gesellschaft nicht gerecht wird, indem man schweigt, sondern man muss Stellung beziehen", sagt Kretschmer.

Sophie Koch setzt dagegen eine klare Grenze. Sie befürworte zwar auch den Dialog, doch wo Äußerungen menschenfeindlich werden, höre es für sie auf. "Ich möchte solchen Parolen keine Bühne geben." Damit kritisiert sie unter anderem, dass die sächsische Regierung zu oft das Gespräch mit rechten Spaltern gesucht habe. Koch unterstützt Kretschmer aber in der Forderung nach guter politische Bildung. Doch die dürfe sich nicht nur an Schülerinnen und Schüler richten, sondern müsse auch für Erwachsene angeboten werden.

Ländlichen Raum für die Jugend erschließen

Was die junge Frau jedoch noch vielmehr beschäftigt, ist der ländliche Raum. Sophie Koch selbst wuchs im Vogtlandkreis auf und weiß nach eigenem Bekunden, wie es ist, den letzten Bus im Dorf zu verpassen. Deshalb habe sie mit 16 Jahren sofort den Führerschein gemacht. Kulturangebote sowie Freiräume für Menschen ab 16 - das fehle dem ländlichen Raum, sagt sie. Und auch Michael Kretschmer erkennt an, dass im Koalitionsvertrag mehr stehe, als bisher umgesetzt wurde. Er verweist darauf, dass die Kraft in Anbetracht der Pandemie für den Ausbau des ländlichen Raums einfach gefehlt habe.

Was die Zukunft angeht, wünscht sich Kretschmer, dass der nächsten Generation kein Schuldenberg hinterlassen werde. Auf die Frage, ob es deshalb eine Erbschafts- und Reichensteuer bedürfe, gibt es ein klares Ja und ein Nein. Die Antworten spiegeln die Linien der Parteien wider.

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Die Veranstaltung wurde vom Verein Fortschritt, Vision und Diskurs organisiert und ist unter folgendem Link verfügbar. Moderiert wurde der Diskussionsabend am Montag, den 11.1. von Sven Richter Vincent Raab. Das Gespräch fand in der der sächsischen Staatskanzlei statt.

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