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Warum auf die Corona-Krise kein Super-Aufschwung folgt

Die Unternehmen in Sachsen werden die Corona-Krise rasch überwinden, sagt der Dresdner Forscher Joachim Ragnitz. Trotzdem ist etwas verloren gegangen.

Der Dresdner Konjunkturforscher Professor Joachim Ragnitz sieht Wachstum für Sachsen voraus - aber keinen "Super-Aufschwung".
Der Dresdner Konjunkturforscher Professor Joachim Ragnitz sieht Wachstum für Sachsen voraus - aber keinen "Super-Aufschwung". ©  Archiv/Robert Michael

Dresden. Schnell und kräftig wird sich die sächsische Wirtschaft von der Corona-Krise erholen – das erwarten die Dresdner Konjunkturforscher um Professor Joachim Ragnitz. Der stellvertretende Leiter der Niederlassung des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung sagte am Mittwoch, die Wirtschaft in Sachsen werde dieses Jahr um 3,1 Prozent wachsen. Für nächstes Jahr sagte er ein noch etwas stärkeres Wachstum voraus: 3,9 Prozent.

Laut Ragnitz dürfte die wirtschaftliche Erholung gegen Ende dieses Jahres abgeschlossen sein. Voriges Jahr war Sachsens Wirtschaft laut Statistischem Landesamt um 4,4 Prozent geschrumpft. Im nächsten Jahr „dürfte Corona keine Rolle mehr für die deutsche Wirtschaft spielen“, sagte der Ökonom. Der Mangel an manchen Materialien wie Mikrochips oder Bauholz werde nicht lange andauern.

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Manchen Chefs fehlt jetzt Geld zum Investieren

Der beginnende Aufschwung sei allerdings lediglich eine „Normalisierung“ und „kein Grund, sich zurückzulehnen“. Zudem stehen die Ifo-Berechnungen unter der Bedingung, dass es keine vierte Corona-Welle und keinen neuen Lockdown gibt. Die Wirtschaft kommt nach der Dresdner Prognose auf das Niveau von vor der Corona-Krise zurück, „aber nicht auf den alten Wachstumspfad“.

Von einem „Super-Aufschwung“ könne keine Rede sein, sagte Ragnitz. In der Krisenzeit ist laut Ragnitz ein Teil der Forschung und Entwicklung in der Wirtschaft ausgebremst worden. Ein Teil der Unternehmer dürfte sich auch mit Investitionen zunächst zurückhalten, zumal ihnen Geld fehlt: Zwar bekamen die Betriebe Kurzarbeitergeld und andere Staatshilfen, machten aber in der Regel weniger Gewinne.

Dieser „Wohlstandsverlust“ sei nicht schnell auszugleichen. "Es wird auch zu Schließungen kommen", sagte Ragnitz. Das zeige sich zwar bisher nicht in der Insolvenzstatistik, aber persönlich haftende Unternehmer könnten ihren Betrieb auch ohne Insolvenz einstellen. "Die Unternehmensschließungen werden zunehmen", sagte der Forscher voraus.

Langfristig kann es sich laut Ragnitz auch auf die Wirtschaftsleistung auswirken, dass Schüler im Lockdown „nicht so viel gelernt haben“ und womöglich mit weniger Wissen ins Berufsleben starten.

Nächstes Jahr 25.000 Erwerbstätige mehr in Sachsen

Bereits vor Corona, im Jahr 2019, hatte die Industrie in Ostdeutschland geschwächelt. Für die Zeit nach dieser „Delle“ hatten die Ifo-Forscher ursprünglich wieder einen Aufschwung erwartet. Der wurde von Corona gestoppt. Mit den Wiederöffnungen in vielen Branchen werde die Wirtschaft im kommenden Vierteljahr deutlich an Fahrt gewinnen, danach schwäche sich der Zuwachs schon wieder ab.

Doch für dieses Jahr rechnet Ragnitz wieder mit 2.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen in Sachsen, für nächstes Jahr mit 25.000. Erst einmal hat die Krise aber Stellen gekostet, vor allem Minijobs: Laut Statistischem Landesamt war die Zahl der Erwerbstätigen im letzten Quartal 2020 um rund 31.400 kleiner als ein Jahr zuvor.

Der Ökonom weist darauf hin, dass Sachsen weiterhin dem "demografischen Wandel" unterliegt, also der Alterung der Bevölkerung insgesamt. Der Baubranche fehle teilweise Personal, die Gastronomie habe während der Schließzeit Mitarbeiter an andere Branchen verloren. "Die Unternehmer werden darauf reagieren", dazu gehörten auch Lohn-Erhöhungen. Damit könnten wiederum Preise steigen.

Wieder die Mehrwertsteuer senken? Abgelehnt!

Ein Grund für den Aufschwung ist laut Ragnitz allerdings "zurückgestauter Konsum" während des Lockdowns, der sich nun "in Kaufkraft ummünzt". Mit anderen Worten: In der Krise wurden manche Anschaffungen zurückgestellt, nun hätten viele Konsumenten wieder Lust zum Geldausgeben.

Ragnitz hält es daher nicht für nötig, dass der Staat die Nachfrage etwa mit einer neuen Mehrwertsteuersenkung anheizt. Das würde jetzt nur die Inflation treiben. Sinnvoller wären Staatshilfen in die Infrastruktur: für Forschung, Firmengründungen und Digitalisierung. Noch mehr Straßen seien in Ostdeutschland nach seiner Ansicht aber nicht nötig.

Der Aufschwung wird in Sachsen nicht so stark ausfallen wie in Deutschland insgesamt. Für die deutsche Wirtschaft sagt das Ifo-Institut 3,3 Prozent Wachstum für dieses Jahr voraus, für Sachsen 3,1 Prozent. Ragnitz möchte diesen Unterschied allerdings nicht überbewerten und erwartet nicht, dass Sachsen dadurch erneut vom Westen abgehängt wird.

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Vielmehr habe sich der Abschwung im Westen stärker ausgewirkt, weil es dort mehr Industrie gebe - und nun wirke sich auch der Aufschwung dort stärker aus. Das sei geradezu ein "mechanischer Effekt". Sachsens Wirtschaft wächst aber schneller als die ostdeutsche insgesamt. Für Ostdeutschland sagen die Ifo-Forscher 2,4 Prozent Wachstum für dieses Jahr voraus und 3,6 Prozent für das nächste Jahr.

Die Prognosen fallen schlechter aus als in der vorigen Ifo-Prognose vom Dezember, weil die Forscher damals nicht von einer dritten Corona-Welle ausgegangen waren. "Der Aufschwung wurde dadurch verschoben."

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