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Sachsens Handel sieht schon vor dem Freitag schwarz

Mangels Staatshilfe in der Krise basteln sich die Läden im Freistaat in dieser Woche ihr eigenes Konjunkturprogramm.

Nicht nur auf der Prager Straße in Dresden bauen die Läden auf die Liebe der Kunden zum „Black Friday“.
Nicht nur auf der Prager Straße in Dresden bauen die Läden auf die Liebe der Kunden zum „Black Friday“. © Ronald Bonß

Schnäppchenjäger lauern vor den Rechnern und sehnen ihn herbei – den „Black Friday“, den Schwarzen Freitag. Viele Händler wiederum hoffen in der aus den USA herübergeschwappten Rabattaktion zum Start in die Weihnachtssaison auf ein Trostpflaster auf ein rabenschwarzes – und in der Bilanz dunkelrotes – Jahr. Doch dieser „Black Friday Sale“ in Deutschland wird anders als die sieben Auflagen zuvor, wissen Experten. Die Propheten sind sich aber uneins, was der Tag bringen wird – je nachdem, durch welche Brille oder in wessen Auftrag sie in die Glaskugel schauen.

Aus der ursprünglichen Tagesaktion ist längst eine „Cyber-Woche“ geworden, reichte dem Handel die Verlängerung mit dem „Cyber Monday“ nicht. Die Elektronikketten Media Markt und Saturn feiern gleich einen ganzen „Black November“. Auch der Modehändler Zalando hat es nicht bis zum letzten Freitag im November ausgehalten, und der Onlineriese Amazon offeriert mittlerweile schon im Oktober „frühe Black-Friday-Angebote“.

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Die diesjährige Aktion stehe ganz im Zeichen von Corona „mit dem Onlinehandel als eindeutigem Gewinner“, sagt Konrad Kreid, Chef der Black Friday GmbH. „Für die stationären Händler wird es hingegen schwierig“, analysiert er nicht ganz wertfrei. Laut einer Studie seines Hauses, selbst Plattform für hunderte Markenshops, wollen 94 Prozent der Event-Teilnehmer vor allem online einkaufen.

Nur noch die Hälfte der Verbraucher will zuschlagen

In den Innenstädten könnte der Teil-Lockdown den Einkaufsspaß vermiesen, glauben andere Experten. Aber auch im Internet könnte das Geld wegen geringerer Einkünfte durch die Pandemie nicht mehr so locker sitzen. Laut einer Umfrage der Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners will am Freitag und Montag nur noch die Hälfte der Verbraucher zuschlagen, 2019 waren es noch zwei Drittel. Auch das Budget ist zusammengeschmolzen von im Schnitt 242 auf 205 Euro. Dennoch rechnet der Handelsverband Deutschland mit einem Umsatzrekord von 3,7 Milliarden Euro, plus 18 Prozent zum Vorjahr.

Auch Jürgen Wolf, Manager der Dresdner Centrum-Galerie an der Prager Straße, ist optimistisch. Die 68 Geschäfte organisierten den Tag jeweils in Eigenregie, „es wird super“, ist er überzeugt. Der Handel sei beweglich und habe sich „immer aus der Schlinge gezogen“.

Bei aller Euphorie und Hysterie: Es gibt Ignoranten, und es gibt Alternativen – wie den „Bay Nothing Day“, den Kauf-nix-Tag.
Bei aller Euphorie und Hysterie: Es gibt Ignoranten, und es gibt Alternativen – wie den „Bay Nothing Day“, den Kauf-nix-Tag. © Ronald Bonß

Der Elbepark in der Landeshauptstadt an der A 4 wirbt zentral für den „wichtigsten Tag des Jahres“, wie ihn Centermanager Gordon Knabe nennt. Er spürt schon eine Kaufzurückhaltung und rechnet mit etwa zehn Prozent weniger Besuchern im Vergleich zum Vorjahr, als gut 40.000 Kunden kamen. Ein Grund: „Mit Maske Klamotten anprobieren, macht keinen Spaß.“

Im Kornmarkt-Center Bautzen beteiligt sich die Hälfte der 60 Geschäfte am „Black Friday“, der am Samstag verlängert wird. „Die Shops bekommen ein Nasenschild als Erkennungszeichen“, sagt Centermanager Christian Polkow. Wegen Corona werde auf Glücksrad und Werbegeschenke verzichtet. Er hegt nicht die Vorjahreserwartung, „aber es ist keine Option, das Thema nur dem Onlinehandel zu überlassen“.

Laut Handelsverbands Sachsen startet die Branche „mit gemischten Gefühlen“ ins Weihnachtsgeschäft. Der Online-Handel verzeichne seit April teils überdurchschnittliche Umsätze, sagt Verbandschef René Glaser. Auch die Bereiche Heim, Freizeit, Garten erzielten zufriedenstellende Erlöse. Aber wegen Corona sei die Lage in „innenstadtaffinen Branchen“ wie Bekleidung, Schuhe, Lederwaren, Uhren/Schmuck, Spielwaren, Sportartikel, Unterhaltungselektronik äußerst angespannt – auch in Kauf- und Warenhäusern.

Gut jeder zweite Laden in Not

Im Zwischenhoch im Sommer und Herbst seien die Verluste vom Frühjahr „nicht ansatzweise aufgeholt worden“. Im derzeitigen „Lockdown light“ leide der Handel unter der Schließung von Gastronomie, Hotels, Kultur- und Freizeiteinrichtungen, abgesagten Veranstaltungen, fehlenden Touristen und der Rückkehr vieler Berufstätiger ins Homeoffice sowie fortwährenden Appellen der Politik, zu Hause zu bleiben. Die Kunden blieben aus.

Glaser spricht von 50 Prozent und mehr – und das „im normalerweise zweitumsatzstärksten Monat des Jahres und mitten im Weihnachtsgeschäft“. Wegen geringer Margen gerieten Händler schon bei Umsatzeinbußen von zehn bis 15 Prozent in Not, ihr Eigenkapital sei längst aufgezehrt. Auch eigene Onlineauftritte könnten das Minus der stationären Geschäfte nicht kompensieren. Überdies schmerze die vielerorts abgesagte Sonntagsöffnung. Laut einer Verbandsumfrage sind fast 60 Prozent der Innenstadthändler in ihrer Existenz bedroht. Ohne Ausweitung der Nothilfen auf den Einzelhandel und Überbrückungshilfe des Bundes würden viele nicht überleben. Die Interessenvertretung hofft nun auf entsprechende Beschlüsse vom Bund – und am Schwarzen Freitag auch vom Freistaat.

Black Friday und Cyber Monday hätten große Bedeutung, sagt Glaser. Er rechnet mit mehr Umsatz als 2019. „Als Verband sehen wir die Aktion jedoch mit gemischten Gefühlen“, räumt der Chef ein. Die Aktion könne Impulse geben, jedoch resultierten die hohen Rabatte „oft aus den hohen Warenbeständen, die wegen der mangelhaften Frequenz vielerorts nicht abverkauft werden konnten“ – zulasten der Erträge.

Nicht jedes Angebot hält, was es verspricht

Aber auch wenn die Werbung Rabatte von „bis zu 90 Prozent“ glauben machen will, hält längst nicht jedes Angebot, was es verspricht. Die Rabatte werden oft nicht im Vergleich zum Marktpreis angegeben, sondern auf Basis der meist deutlich höheren unverbindlichen Preisempfehlung (UVP). Nach einer Analyse des Preisvergleichsportals Idealo betrug die mittlere Ersparnis am Aktionstag 2019 gerade mal acht Prozent.

Verbraucherschützer kennen Fälle, wo vor der Aktion Preise heraufgesetzt wurden, um sie sie dann wieder senken und als Mega-Rabatt zu feiern. Auch verschwinden bestimmte Produkte zu Beginn des Sales plötzlich aus dem Sortiment und tauchen nach dessen Ende plötzlich wieder auf.

Bei aller Euphorie und Hysterie: Es gibt Ignoranten, und es gibt Alternativen – wie den „Bay Nothing Day“, den Kauf-nix-Tag. Er soll für nachhaltigeres Einkaufen sensibilisieren und ruft just nach der Preishatz auch in Deutschland dazu auf, einen Tag lang kein Geld auszugeben. Und das Start-up Revive Interior stellt sich dem Black Friday mit einer Charity-Mission entgegen. Die Kölner stellen der Rabattschlacht und der Wegwerfgesellschaft ihren „Charity Friday“ entgegen, hauchen gebrauchten Designermöbeln neues Leben ein und spenden zehn Prozent vom Jahresnettogewinn für gemeinnützige Zwecke.

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Einfach mal nichts kaufen

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Unser Konsumverhalten ist schlecht für die Welt. Aktionstage sollen gegensteuern - doch so bald wird es wohl kein Umdenken der Konsumenten geben.

  • Wer echte Schnäppchen machen will, sollte sich nicht auf „Black Friday“ und „Cyber Monday“ versteifen, sondern die Preise längere Zeit beobachten.

  • Auch bei der Aktion lohnt ein Vergleich mehrerer Anbieter und die Nutzung von Preissuchmaschinen.

  • Mitunter macht es Sinn, auf noch günstigere Preise zwischen Weihnachten und Silvester zu spekulieren.

  • Auch wenn die Preise am „Black Friday“ reduziert sind, gelten für Kunden die gleichen Rechte wie sonst.

  • Es gibt kein gesetzliches Umtauschrecht. Händler sind nicht verpflichtet, Ware zurückzunehmen. Meist erfolgt das aber auf Kulanzbasis.

  • Weil Ware beim Internetkauf nicht vorab besichtigt werden kann, gilt dort 14 Tage ein Widerrufsrecht.

  • Weil auch Betrüger unterwegs sind, wird empfohlen, nur Online-Shops mit Prüfsiegel (Trusted Shops) und verschlüsselter Datenübertragung zu nutzen.

  • Nicht durch Blitzdeals (Countdown) unter Druck setzen, oft bieten mehrere Händler ein Produkt ähnlich günstig an.

  • Große Online-Shops nutzen, ähnlich wie Tankstellen, Algorithmen zur Preisangleichung.

  • Unbedingt auf die Versandkosten achten, einige Shops subventionieren Rabatte mit hohen Versandgebühren quer. (SZ/mr)

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