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Sächsische Schweiz: Hochzeitssaal wird Testzentrum

Die Eigentümer vom Erblehngericht in Lichtenhain orientieren sich um. Eine Notlösung gegen das Gaststättensterben, aber eine mit Weitblick.

Bert Schäfer vor dem Erblehngericht in Lichtenhain. Hier wird alles für das neue Testzentrum vorbereitet.
Bert Schäfer vor dem Erblehngericht in Lichtenhain. Hier wird alles für das neue Testzentrum vorbereitet. © Steffen Unger

Bert Schäfer betreibt mit seiner Frau Ilka den Berghof in Lichtenhain und den Ballsaal im Erblehngericht sowie zwei Dorfläden. Eigentlich. Denn die Zeiten von Familienfeiern und schillernden Hochzeiten in dem Haus sind bekanntlich auch hier vorbei. Natürlich hoffen beide, dass auch sie so schnell wie möglich wieder Gäste begrüßen können. Doch im Moment herrscht Totenstille. Da kam der Aufruf des Landrates nach neuen Testzentren wie gelegen, um wenigstens auch etwas gegen die derzeitige Perspektivlosigkeit für die Mitarbeiter tun zu können.

"Nach einer Beratung im Team war der Entschluss, ein Testzentrum einzurichten, schnell gefasst. Wir haben uns beworben und den Zuschlag erhalten", sagt Bert Schäfer. Als sie vor vier Jahren ihren opulenten Ballsaal im Erblehngericht von Lichtenhain eröffnet haben, hätten sie sich nie träumen lassen, statt hier Feierlichkeiten auszurichten, Corona-Tests durchzuführen. Doch es ist, wie es ist. Für das Hotel- und Gastgewerbe heißt es wohl, auch nur jede erdenkliche Chance zu ergreifen, um wenigstens etwas tun zu können. Auch bei ihnen stehen im Berghof Tische und Stühle bereit. In nur wenigen Tagen wäre alles für eine Öffnung für Gäste vorbereitet.

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Einzige Perspektive für Familie Schäfer und ihr Team derzeit ihre beiden Dorfläden in Lichtenhain und im Kurort Rathen. Beide haben geöffnet, kümmern sich um die Grundversorgung der Einwohner und bieten einen Imbiss im Außer-Haus-Verkauf an. Tagestouristen kommen zwar. Doch noch sind es zu wenige. Außerdem beliefern sie die Kindertagesstätte in Lichtenhain täglich mit frischen Mittagessen.

Kurzarbeit und Perspektivlosigkeit setzen dem Team zu

Die Räumlichkeiten in dem Ballsaal sind auf Grund seiner Größe ideal, um die hygienischen Anforderungen zu erfüllen. Sanitäranlagen sind ebenfalls ausreichend vorhanden. Und auf Abstand kann hier jeder achten. In diesen Tagen wird der Ballsaal entsprechend des Hygienekonzeptes eingerichtet und ausgestattet. Außerdem werden die Mitarbeiter als Tester geschult. "Nicht zuletzt war es uns wichtig, zumindest einen Teil unseres Teams wieder eine Beschäftigung anzubieten. Und mit dem Testzentrum, haben wir die Möglichkeit, sie aus der Kurzarbeit wieder ins Berufsleben zurück zu holen", sagt Ilka Schäfer. Und deshalb sei es auch nicht verwunderlich gewesen, dass sie sofort Mitarbeiter für diese Tätigkeit gefunden hat. Denn ihnen setzt Kurzarbeit und Perspektivlosigkeit im Moment sehr zu.

Wenn Reisen trotz Corona wieder möglich ist

Es gibt aber noch andere Gründe, weshalb der Ballsaal in Lichtenhain nun zum Testzentrum wird. Für Ilka und Bert Schäfer war es auch eine Entscheidung mit Weitblick. "Wir haben auch an die Zeit gedacht, wenn das Reisen wieder möglich ist, wenn Gaststätten, Hotels und Ferienwohnungen wieder öffnen dürfen", sagen sie. Denn schon jetzt ist absehbar, dass Öffnungen im Gast- und Hotelgewerbe künftig an bestimmte Bedingungen geknüpft sind. Im Norden des Landes wird das bereits so gehandhabt. Auch in einigen Modellprojekten wurde das schon probiert. In Lichtenhain wird man darauf vorbereitet sein, den Touristen in der Umgebung und den Gästen im eigenen Haus solche personalisierten Tests anzubieten. Auf jeden Fall rechnet Familie Schäfer schon jetzt mit einer großen Nachfrage in ihrem Testzentrum im Erblehngericht Lichtenhain Am Anger 1. Das wird am 12. Mai öffnen. Die Test sind kostenlos.

Um erst einmal auszuprobieren, wie die Nachfrage sich gestaltet wird vorerst immer mittwochs von 14 bis 18 Uhr sowie sonnabends von 8 bis 14 Uhr getestet ohne Anmeldungen. Zusätzliche Tests sind mit telefonischer Terminvereinbarung oder per E-Mail möglich. Bei einer größeren Nachfrage will Familie Schäfer die Öffnungszeiten noch erweitern.

Dehoga fordert sofortige Öffnungsstrategie

Dass das Testzentrum ein Strohhalm ist, nach dem sie wie derzeit auch einige ihrer Berufskollegen in der Branche greifen, wissen Ilka und Bert Schäfer. Und dennoch wollen sie dem noch etwas Gutes abgewinnen. " Für unser Unternehmen ist natürlich auch eine ideale Gelegenheit, unseren Ballsaal in der Region noch bekannter zu machen und Gäste für künftige Feierlichkeiten zu gewinnen", sagen sie. Wie für alle anderen Gastronomen, Hoteliers und Vermieter ist es enorm wichtig, endlich Perspektiven für eine Öffnungsstrategie zu bekommen.

Dafür hatte sich zuletzt auch der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga Sachsen eingesetzt. Der Verband bangt um die wirtschaftliche Existenz von etwa 10.000 Gastgebern und über 80.000 Beschäftigten in Sachsen. Dreiviertel der Betriebe stünden bereits mit dem Rücken zur Wand, seien finanziell, physisch und psychisch am Ende.

"Wir erleben jetzt seit Monaten, dass man das Gegenteil von dem bewirkt, was man erreichen will, wenn man die Bevölkerung einsperrt", sagt Axel Hüpkes, Präsident der Dehoga Sachsen. Denn auch er weiß, die Menschen treffen sich trotzdem, heimlich in privaten Räumen. "Dicht gedrängt am Küchentisch, im kaum gelüfteten Partyräumen oder auf dem Ausziehsofa ist es viel gefährlicher als in unseren Betrieben", sagt er. Und er sieht darin auch ein Grund, weshalb die Infektionszahlen wieder ansteigen. Deshalb hatten Gremien der Dehoga Sachsen vor wenigen Tagen klare Forderungen an die Landesregierung gesandt. Sie fordern unter anderem sinnvolle Regeln, zum Beispiel testen und impfen. Hotels und Gastronomie sollte sofort öffnen als kontrollierbare Bereiche für alle Geimpften, Genesenen und Negativ-Getesteten.

Außerdem sollte, so die Forderungen der Dehoga eine umfassende Teststrategie mit 48-stündigen personalisierten Eintrittskarten umgesetzt werden. Des Weiteren müsse die Mehrwertsteuer für alle Leistungen im Gastgewerbe dauerhaft reduziert werden und es müsse auf kommunale Abgaben, wie auch auf Gebühren und Steuern verzichtet werden.

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