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Schauspieler verspotten Corona-Politik

53 Schauspieler machen sich mit #allesdichtmachen über die Pandemie-Politik lustig. Darunter "Tatort"-Star Liefers. Nun äußert sich der Mitinitiator.

Jan Josef Liefers hält "die Medien" für Panikmacher.
Jan Josef Liefers hält "die Medien" für Panikmacher. © Screenshot/Youtube/#allesdichtmachen

Dresden. Jan Josef Liefers ist hochzufrieden. Mit einem „Danke an alle Medien, die seit einem Jahr unermüdlich, verantwortungsvoll und mit klarer Haltung dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört, nämlich ganz ganz weit oben. Und“, so der Schauspieler weiter, „dafür sorgen, dass kein unnötiger kritischer Disput uns ablenken kann von der Zustimmung für die sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen unserer Regierung.“

Eine Sorge aber treibt den gebürtigen Dresdner dann doch um: „In letzter Zeit habe ich aber das Gefühl, dass einige Zeitungen damit beginnen, alte, überwunden geglaubte Vorstellungen von kritischem Journalismus wieder aufleben zu lassen. Dagegen müssen wir uns wehren. Das dürfen wir nicht zulassen.“ Stattdessen schlägt er vor: „Wir sollten einfach nur allem zustimmen und tun, was man uns sagt. Nur so kommen wir gut durch die Pandemie.“

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Spätestens an dieser Stelle wird klar: Das meint Jan Josef Liefers natürlich nicht ernst. Sondern ironisch. So wie es die 52 anderen Schauspielerinnen und Schauspieler auch tun, die am Donnerstagabend unter dem Stichwort #allesdichtmachen eine Videooffensive lanciert haben, in der sie die Coronamaßnahmen der Regierung und die Berichterstattung „der Medien“ satirisch kritisieren. Darunter viele Un- oder weniger Bekannte. Aber auch etliche Prominente wie Liefers‘ „Tatort“-Kolleginnen und Kollegen Ulrich Tukur, Ulrike Folkerts, Richy Müller, Felix Klare, Meret Becker, Wotan Wilke Möhring und der Dresdner „Ermittler“ Martin Brambach.

Die Aktion ist lange und sorgfältig vorbereitet worden, professionell umgesetzt und punktgenau platziert am Tag der bundesweiten Lockdown-Verschärfung. Sie ist das bisher aufsehenerregendste Massen-Statement von deutschen Film- und TV-Akteuren gegen die Anti-Pandemie-Maßnahmen. Die Videos wurden binnen weniger Stunden zigtausendfach geklickt, die dazugehörige Seite allesdichtmachen.de war bald nach ihrem Start wegen Überlastung nicht mehr erreichbar.

Organisiert hat die Aktion Bernd K. Wunder, Regisseur der Doku „The War Photographer“ und Corona-Kritiker der ersten Stunde, der die Gefährlichkeit des Virus früh geleugnet und es mit einer normalen Grippe gleichgesetzt hat. Sofort nach Beginn der Kampagne brach ein Sturm der Reaktionen los. Sie reichen von begeisterter Zustimmung bis Entsetzen und Fassungslosigkeit.

Mitinitiator will "Corona-Maßnahmen diskutieren"

Wunder sagte der dpa am Freitag, er sei nicht der Initiator, sondern Teil einer großen Gruppe. Es gehe bei der Aktion darum, die Angemessenheit der Maßnahmen zu diskutieren. Er selbst habe kein Video gepostet, weil er kein Schauspieler sei, sagte Wunder. Deswegen habe er im Hintergrund agiert und organisiert. So sei er im Impressum von allesdichtmachen.de gelandet.

Auf seinem - inzwischen auf privat gestellten - Instagram-Account ist teils heftige Kritik gegen Corona-Maßnahmen zu finden, Befürworter werden „Coronazis“ genannt. Dies würde er heute nicht mehr wiederholen, sagte Wunder.

In einem zuvor an die dpa übermittelten Statement Wunders war von einem „Verbund von Kulturschaffenden“ als Initiatoren die Rede. „Weder leugnen wir Corona, noch stellen wir die Gefahr, die von der Krankheit ausgeht, in Abrede“, hieß es. „Dennoch halten wir es für angemessen und erforderlich, den Umgang mit der Krankheit und die daraus abgeleiteten Maßnahmen wieder und wieder öffentlich zu diskutieren und besprechen.“

Die Kampagne habe „bewusst die Stilmittel der Übertreibung, der Satire, der Ironie und der Zuspitzung“ gewählt. Es gehe darum, „den Diskussionsraum wieder zu öffnen und andere Meinungen zu hören“. Es sei zu diskutieren, „ob die in den letzten zwölf Monaten angeordneten Maßnahmen in allen Bereichen des privaten und öffentlichen Lebens angemessen, zielführend und sinnvoll sind“.

Spöttelt mit: Dresdens "Tatort"-Kommissar Martin Brambach.
Spöttelt mit: Dresdens "Tatort"-Kommissar Martin Brambach. © Sven Ellger

„Macht uns mehr Angst“ und Prügel für die Kinder

Die Ironie und Satire auch von #allesdichtmachen arbeitet damit, dass man tatsächlichen oder überzeichneten Realitäten zustimmt, die jedoch in Wahrheit abgelehnt werden. Die „Realität“ von Heike Makatsch zum Beispiel besteht darin, dass man nie mehr die Wohnung verlässt und nicht mal den Pizzaboten reinlässt. Richy Müller empfiehlt das Atmen in und aus Plastiktüten. Nadja Uhl freut sich, dass sie dank Corona gelernt hat, zu schweigen, und sich nicht mehr von Diskussionen stören lassen muss.

Pasquale Aleardi bedauert die Überlastung der Polizei, die völlig überfordert sei damit, dass sie „Jugendliche im Park jagen“, Passanten ohne Maske drangsalieren“ und „Leuten, die im Park sitzen, Bußgelder aufdrücken“ müssen. Deshalb will Aleardi die Polizei fortan unterstützen, indem er sich einen Gummiknüppel besorgt hat. „Und wenn meine Frau und meine Kinder nicht richtig Abstand halten, dann hau ich drauf.“ Volker Bruch wiederum fleht inständig: „Macht uns mehr Angst.“

Spöttelt auf Twitter zurück: CDU-Politiker Ruprecht Polenz.
Spöttelt auf Twitter zurück: CDU-Politiker Ruprecht Polenz. ©  Screenshot: SZ

Diese Kritik ist zwar nicht neu, aber manches durchaus nachdenkenswert, und einige wenige Videos legen den verbalen Finger haargenau an die richtigen Stellen. Doch darüber hinaus es geht der Aktion nicht um konkrete Forderungen oder alternative Vorschläge für den Umgang mit der Pandemie, um konstruktive Entgegnungen. #allesdichtmachen will sich ausschließlich lustig machen, will verspotten. Damit nimmt sie in Kauf, in Zynismus abzugleiten und als Nihilismus zu enden. Und die Mitwirkenden sind Profis. Sie wissen um die Macht der Worte und deren Bedeutungen. Sie wissen, was sie tun. Gut, das gilt offenbar nicht für alle. Heike Makatsch hat ihr Video inzwischen mit Bedauern und einer Entschuldigung zurückgezogen; auch ihr war womöglich nicht alles bekannt, was einige ihrer Kolleginnen und Kollegen da sonst noch von sich geben.

Thesen von "Querdenkern" und Corona-Leugnern

Was die meisten von ihnen letztlich tun: Sie stellen sämtliche Maßnahmen als übertrieben und falsch dar, halten die Mehrheit der Politiker, Wissenschaftler, sämtliche Medien und jene drei Viertel der Bürger, die die Corona-Regelungen als angemessen oder noch zu schwach betrachten und sie befolgen, für unzulänglich, verblendet, auf dem Holzweg. Mit anderen Worten: Sie bedienen das nahezu vollständige Sortiment der Thesen der „Querdenker“ bis Corona-Leugner.

Entsprechend groß ist die Zustimmung von dieser Seite, doch der Beifall weht ihnen von vielen Seiten zu. Dass ein großer Teil der Schauspielerinnen und Schauspieler ein äußerst privilegiertes Leben führen und zum Beispiel alle „Tatorte“ ohne Einkommenseinbußen weiterdrehen können, muss man ihnen indes nicht unbedingt negativ anrechnen.

Gerade in den sozialen Medien findet die Aktion einigen Beifall. Den gab es etwa vom früheren Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, der die Aktion auf Twitter "großartig" nennt. Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit spricht von einem "Meisterwerk", das "uns sehr nachdenklich machen" sollte. Die AfD-Bundestagsabgeordnete Joana Cotar twittert: "Das ist intelligenter Protest." Sie feier Jan Josef Liefers.

Heike Makatsch begründete ihren Video-Rückzug auf Instagram: "Ich distanziere mich klar und eindeutig von rechtem Gedankengut und rechten Ideologien. Schon immer. Ohne Frage. Ich erkenne die Gefahr, die von der CoronaPandemie ausgeht und will niemals das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen schmälern und sie womöglich dadurch verletzen. Soll das geschehen sein, so bitte ich um Verzeihung." Ken Duken, Richy Müller und Meret Becker haben ihre Clips mittlerweile ebenfalls wieder entfernt. "Ich befürworte sinnvolle Maßnahmen und eine Impfstrategie", erklärte Duken. Aber: "Diese Aktion ist gründlich in die Hose gegangen. Ich entschuldige mich für jegliche Missverständnisse."

"Was unterstellst du denn da unserer Regierung?"

Der Widerspruch ist nicht minder laut und teilweise massiv. „Diese #allesdichtmachen-Scheiße ist das Allerletzte, das ich jetzt brauchen kann“, twittert eine Notfall-Medizinerin. „Die Schauspieler*innen von #allesdichtmachen können sich ihre Ironie gerne mal tief ins Beatmungsgerät schieben“, schimpft der TV-Moderator und Notfallsanitäter Tobias Schlegel.

Schauspieler Marcus Mittermeier ist erleichtert: „Niemand hat mich gefragt, ob ich bei #allesdichtmachen mitmachen will. Gott sei Dank!“ Und der CDU-Politiker Ruprecht Polenz ätzt: „Warum musste man bei der Aktion #allesdichtmachn beim Verstand anfangen?“

"Das ist doch Blödsinn" - Elyas M'Barek kritisiert die Aktion.
"Das ist doch Blödsinn" - Elyas M'Barek kritisiert die Aktion. ©  Archiv/dpa

Es ist nicht bekannt, wie das Intensivpflegepersonal oder die Angehörigen der bislang 80.000 Corona-Toten in Deutschland über die Aktion denken, aber wohl eher unwahrscheinlich, dass sie bald auf die Balkone der Nation treten und #allesdichtmachen mit tosendem Beifall danken.

Bekannt ist hingegen, was Elyas M’Barek zur „Macht uns mehr Angst“-Bitte seines Kollegen Volker Bruch meint: „Come on, das ist doch Blödsinn. Was unterstellst du denn da unserer Regierung? Kann ich null nachvollziehen. Jeder will wieder zur Normalität zurückkehren, und das wird auch passieren. Wenn alle dafür sorgen, dass eine weltweite Pandemie bekämpft wird. Mit Zynismus ist doch keinem geholfen.“

Auch andere Schauspiel-Kollegen zeigten sich entsetzt von der Aktion. „Tatort“-Darstellerin Nora Tschirner erwiderte mit ihrem Instagram-Profil: „Echt ja, Leude? Was‘ los da? „Make cynicism great again“? Oder wie? Wird’s schon boring im Loft und im Brandenburger Landhaus? Jetzt doch mal raus wagen und n büschn kokeln, weil man sich sonst um die eigene Gefühlsverwaltung kümmern müsste? Joah, kann man machen. Kann halt sein, dass man sich ein büschn schämen wird in nen paar Jahren (Wochen). Unfuckingfassbar.“

Ihr Tatort-Kollege Christian Ulmen schloss sich der Kritik auf Instagram an: „Heute bisschen für Kollegen schämen. #allesschlichtmachen.“ Alexandra Maria Lara schrieb: „Ich bin fassungslos“. Die Schauspielerinnen Sandra Hüller und Laura Tonke wandten sich ebenfalls gegen die #allesdichtmachen-Aktion.

Satiriker Jan Böhmermann hielt der Aktion bei Twitter entgegen, das einzige Video, das man sich ansehen solle, "wenn man Probleme mit Corona-Eindämmungsmaßnahmen hat", sei die ARD-Doku aus der Berliner Charité mit den Titel "Station 43 - Sterben". Dazu stellte er den Hashtag #allenichtganzdicht und einen weinenden Smiley. "

Was unumstritten ist: Schauspieler sind auch nur Menschen. Das gilt für die 54 Beteiligten an der Aktion und ebenso für deren ungefähr 15.000 weitere Kolleginnen und Kollegen in Deutschland, die genau wie die über 40 verbleibenden „Tatort“-Ermittlerinnen und Ermittler nicht an #allesdichtmachen beteiligt sind. Interessant in diesem Zusammenhang ist eine weitere Parallele zur Realität: Die "Hochburgen" der Aktion sind Stuttgart (Videos der "Kommissare" Richy Müller, Felix Klare und Regisseur/Autor Dietrich Brüggemann) und - Dresden (Martin Brambach als Dresdner Ermittler und Jan Josef Liefers).

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Natürlich bliebt Kritik wichtig, natürlich sind die Aktionisten wegen ihrer Statements nicht gleich "Querdenker". Und was #allesdichtmachen in jedem Fall wasserdicht macht: Die Kampagne zeigt erstmals, wie tief diese Ansichten nicht nur in der Mitte der Gesellschaft verankert sind, sondern auch in der Mitte der Kultur.

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