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Die Schule geht los – was sich jetzt ändern muss

Die Öffnungen aller Schulen in Sachsen sind ein Segen. Doch das Land muss jetzt endlich liefern: Tests, Lüftungsgeräte, innovative Konzepte. Ein Leitartikel.

Eine Öffnungsperspektive für die Schulen in Sachsen war dringend nötig.
Eine Öffnungsperspektive für die Schulen in Sachsen war dringend nötig. © dpa/Gollnow

Der Kleine strahlt, die Große sagt in der unnachahmlichen Abgeklärtheit einer 15-Jährigen: „Ist schon okay“ und die Mittlere freut sich, dass sie endlich ihre Mitschülerinnen wiedersehen kann. Die Erleichterung ist groß, als wir am Donnerstag erfahren, dass unsere Kinder ab dem 15. März wieder in die Schule gehen dürfen. Sie waren dann drei Monate nicht mehr dort.

Vor allem mein elfjähriger Sohn hat diese Aussicht dringend nötig. Zu oft fehlt ihm die Motivation, allein zu Hause die Aufgaben zu erledigen. Er rutscht dann langsam immer weiter seinen Stuhl hinunter, bis er sich ganz davonstehlen will. Und das, obwohl sich die Lehrer mit selbstgedrehten Videos, Rätseln und Online-Unterricht alle Mühe geben.

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Die 15-Jährige kommt kaum noch aus ihren Schlumper-Klamotten heraus und hat derweil bis zu vier Konferenzen an einem Tag – das ist anstrengend und ermüdend. Aber auch den Lehrern ist jetzt Erleichterung anzumerken. Die Klassenlehrerin erfährt während einer Online-Konferenz mit meiner Tochter, dass sie bald wieder unterrichten darf und jubiliert: „Jetzt bin ich gleich viel besser drauf.“

Eltern fühlen sich allein gelassen

Eine Öffnungsperspektive war dringend nötig, nicht nur für unsere Familie. Die SZ hat in den vergangenen Tagen Eltern und Jugendliche gefragt, wie es ihnen geht. Viele haben uns über Facebook und Instagram Einblick gegeben. Es ist erschreckend, wie viel Erschöpfung, Wut und Frust aus den Antworten spricht.

Die Eltern fühlen sich allein gelassen, haben Versprechungen der Politik gehört und gesehen, dass sie sich nicht erfüllen. Laut der Studie KICo sind lediglich 13 Prozent der Eltern überzeugt, dass ihre Sorgen von den politisch Verantwortlichen wahrgenommen und bei deren Überlegungen mit einbezogen werden.

Sie machen den Spagat zwischen Arbeit und Homeschooling und fühlen sich dabei nicht nur zeitlich und emotional, sondern auch oft intellektuell überfordert. Bei vielen ist die Schulzeit einfach schon zu lange her, als dass sie gerade ihre Kinder in den höheren Klassen kompetent unterstützen könnten. Sie fühlen sich unzulänglich, weil sie nicht so helfen können, wie sie gerne möchten.

Und sie sehen, dass Kinder unter einem Mangel leiden, den sie nicht beheben können: das Zusammensein mit Gleichaltrigen. Besonders schwierig: Kinder in der Pubertät, die sich abnabeln wollen, aber jetzt besonders eng an die Eltern gebunden sind.

Depressionen bei Jugendlichen nehmen zu

Und die Jugendlichen selbst? Sie haben keine Stimme, werden meist ausschließlich in ihrer Funktion als Schüler wahrgenommen oder als egoistische „Regelbrecher“, aber nicht als Menschen mit Grundrechten und Bedürfnissen, die sich von denen der Erwachsenen zwar etwas unterscheiden, aber genauso eine Relevanz haben.

Nicht wenige vereinsamen. Viele verlieren die Motivation, Depressionen nehmen zu. Forscher sagen, dass ein Jahr sich für Kinder und Jugendliche ganz anders in die Biografie einschreibt als für Erwachsene. Vielen entgehen in dieser Pandemie Erlebnisse, die sie nie wieder nachholen können: Schuleinführungsfeier, Klassenfahrten, Abi-Bälle, Auslandsjahr.

Kinder und Jugendliche gehören mit ihren Bedürfnissen genauso respektiert wie andere Bevölkerungsgruppen. Lange Zeit waren sie das nur in Lippenbekenntnissen. Jetzt gibt es endlich die Aussicht, das zu ändern.

Trotz der Freude über angekündigte Schulöffnungen macht das auch wieder Angst. Wie stark erhöht sich die Ansteckungsgefahr, wenn die Kinder wieder in die Schule gehen? - Niemand weiß es. Wie schnell breiten sich die Mutanten aus? – Keiner kann es genau vorhersagen. Stehen wir vor einer dritten Welle? – Schulterzucken.

Eine Kopplung an die Inzidenz ist eine elegante Form, mehr Verantwortung an den Einzelnen zu übertragen. Erst mal alles öffnen, aber nur, wenn wir unter 100 bleiben. Das heißt: Wenn Du willst, dass Deine Kinder zur Schule gehen, halte Dich an die Regeln, sonst werden nicht nur die Schulen wieder geschlossen.

Die Politiker müssen jetzt Vertrauen zurück gewinnen

Der Freistaat darf es sich aber nicht zu leicht machen. Auch er muss liefern. Viel Vertrauen ist verspielt, weil nach der ersten Welle an den Schulen nichts passiert ist. Im Sommer zog die Leichtfertigkeit ein, außer Hygienekonzepten passierte nicht viel. Das Lüftungsregime bestand lediglich darin, alle 20 Minuten die Fenster zu öffnen. Niemand hatte überlegt, wie sich klug reagieren ließe, wenn die Zahlen wieder steigen.

Jetzt ist die Gelegenheit, grundsätzlich innovativer zu werden. Wechselunterricht kann auch heißen, morgens und nachmittags zu unterrichten. Oder auch mal am Samstag, im Freien oder fächerübergreifend. Lüftungsgeräte sind auch nicht mehr so teuer. Oder sie können von Eltern aus Baumarktmaterialien auch selbst hergestellt werden. Und gibt es in Sachsen eigentlich eine Plattform, auf der sich Lehrer austauschen können über Lösungen, die sie gefunden haben? Best Practice, damit nicht jeder von vorne anfangen muss.

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Das Wichtigste aber sind die Schnell- und Selbsttests. Nach einer Corona-App, die den Namen nicht verdient und einer Impfgeschwindigkeit, für die die Bezeichnung Schneckentempo noch geschönt ist, ist nun die Gelegenheit, Vertrauen zurückzugewinnen. Die Tests müssen schnell und in ausreichender Menge da sein, damit sich Infektionen rasch entdecken und eindämmen lassen.

Und dann zieht hoffentlich nicht nur bei uns bald wieder der Alltag ein und die Kinder sagen: „Ooooch, ich hab keine Lust, zur Schule zu gehen.“

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