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Schulfrust erreicht Sachsens Rathäuser

Der Streit um Präsenzunterricht, Testpflicht und Infektionsgefahr nimmt bei Schülern, Eltern und Lehrern zu. Teilweise versuchen Corona-Leugner, den Protest zu nutzen.

Wie hier in Radebeul stellten Familien vielerorts Kinderschuhe vor Rathäusern ab – aus Protest gegen die Corona-Regelungen für Schulen.
Wie hier in Radebeul stellten Familien vielerorts Kinderschuhe vor Rathäusern ab – aus Protest gegen die Corona-Regelungen für Schulen. © dpa/Robert Michael

Sachsen hat seine Schulen mitten in der dritten Corona-Welle aufgemacht. Das dafür notwendige Sicherheitskonzept hat aber Lücken – von der Testpflicht bis zum Unterricht in den Klassenzimmern gibt es täglich neue Probleme zu bewältigen. Nicht nur die Unruhe in den Schulen nimmt zu, sondern auch viele Eltern sind mit der Situation völlig unzufrieden. Sächsische.de gibt dazu einen Überblick.

Kinderschuhe vor Rathaustüren

Sachsenweit haben sich am Wochenende Rathaustreppen mit Kinderschuhen und Plakaten gefüllt. Unter dem Motto „Es reicht, lasst unsere Kinder in Ruhe“ brachten Eltern sie dorthin, um „einen freien Zugang aller Kinder zu Schulen, Kita und Hort“ zu fordern. Das sorgte für eindrucksvolle Bilder, aber auch für Betroffenheit. Die SPD-Abgeordnete Simone Lang verwies auf Bilder von Kinderschuhen im KZ Lublin und mahnte mehr Zurückhaltung bei dieser Symbolik an. Dort sei es schließlich um die Auslöschung von Kindern gegangen.

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Unterstützung von Kommunalpolitikern

Im Erzgebirgskreis und im Kreis Zwickau, wo Schulen und Kitas am Montag aufgrund der Infektionszahlen schließen mussten, beteiligten sich besonders viele Menschen. Einige Oberbürgermeister wie etwa Andre Heinrich (parteilos) aus Marienberg unterstützen den Protest und versprachen, ihn nach Dresden zu tragen. Am Montag erfuhr das direkt die Staatskanzlei.

Dazu gab es ein Gespräch mit Kultusminister Christian Piwarz (CDU). Der zeigte sich einsichtig. „Die Kinder brauchen ihre Schule und Kita. Ich sah am Wochenende die Bilder aus vielen Teilen Sachsens und habe durchaus Verständnis für den Ärger, den die erneuten Schließungen verursacht haben.“

Wer organisiert die Aktionen?

„Überwältigt und baff“ sei sie über die vielen Schuhe in den vielen Städten, schrieb Julia Hammer auf Facebook. Die Mutter aus Zwickau hat zu der Aktion aufgerufen. Sie sei „kein Querdenker“ und leugne Corona nicht, sondern wolle ein Zeichen setzen für die Kinder, denen die Isolation schade. Ähnlich wie die Initiatorin scheint ein großer Teil der Protestierenden zu denken.

Doch auch Corona-Leugner versuchen, den Protest für ihre Botschaften zu vereinnahmen. In neu gegründeten Gruppen auf Facebook und Telegram rufen sie zu deutschlandweiten Kinderschuh-Aktionen auf, oft gepaart mit Verschwörungserzählungen von einer angeblichen Diktatur und Solidarisierungs-Bekundungen gegenüber „Querdenken“-Demonstrationen.

Lehrer fühlen sich zu wenig unterstützt

Doch unzufrieden sind nicht nur die Eltern. Gleichzeitig legte jetzt auch Sachsens Lehrerverband nach und veröffentlichte einen Brandbrief wider der aktuellen Schulpolitik während der Corona-Krise. Das Motto des an Minister Piwarz und die sächsische Landesregierung gerichteten Papiers lautet „Geben Sie den Schulen Sicherheit!“

Die Liste der aufgeführten Kritikpunkte ist lang: Das Schulpersonal benötige kurzfristige Impfangebote, die Testpflicht für Lehrer und Schüler dürfe nicht aufgeweicht werden, sondern müsse ohne Ausnahmen gelten. Auch für die Primarstufe sollen regelmäßige Corona-Tests eingeführt werden. Das Kultusministerium müsse „unhaltbare Ankündigungen“ in den Medien unterlassen.

Schulleiter bräuchten mehr Zeit zur Umsetzung neuer Vorschriften, die Schulen müssten schneller mit moderner Digitaltechnik versorgt werden. Vor allem aber müsse der Freistaat das Lehrpersonal besser vor Beleidigungen und Bedrohungen durch wütende Eltern schützen. Nötig sei hier eine „Null-Toleranz-Politik“.

Schulbesuch nee - Malle ok? Plakat vor dem Radebeuler Rathaus.
Schulbesuch nee - Malle ok? Plakat vor dem Radebeuler Rathaus. © dpa/Robert Michael

So reagiert das Kultusministerium

Beim Schulbetrieb kommt Minister Piwarz den Eltern prinzipiell entgegen: „Uns eint das Ziel, dass wir die Bildungseinrichtungen offen halten müssen. Verstärktes Testen nach Ostern kann aus meiner Sicht eine Möglichkeit sein.“ Bei den anderen Kritikpunkten hält sein Sprecher Dirk Reelfs gegen: „Was das Testen selbst angeht, sind wir weiter als andere Bundesländer.

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