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Sechs Corona-Folgen im Arbeitsalltag

Der AOK-Fehlzeitenreport zeigt, wie Beschäftigte durch die Krise gekommen sind – und was Firmen gut gemacht haben.

Die Pandemie hat den Arbeitsalltag verändert - nachhaltig.
Die Pandemie hat den Arbeitsalltag verändert - nachhaltig. © Felix Kästle/dpa

Die Corona-Pandemie hat die Arbeitswelt stark verändert. Das zeigt der aktuelle Fehlzeitenreport des Wissenschaftlichen Dienstes der AOK (Wido), der auf Abrechnungsdaten und Ergebnisse einer Befragung unter 2.500 Beschäftigten zwischen 20 und 65 Jahren im Frühjahr 2021 zurückgeht. Am Dienstag wurde der Report in Berlin vorgestellt. Sechs Kernaussagen daraus:

1. Weniger Krankschreibungen, aber längere Ausfallzeiten

„Zwar ist die Anzahl der Krankschreibungen zwischen März 2020 und Juli 2021 gegenüber dem Vergleichszeitraum vor Corona zurückgegangen. Doch im Schnitt fielen die kranken Arbeitnehmer in der Pandemie länger aus“, sagt Helmut Schröder, Geschäftsführer des Wido und Mitautor der Studie. Aus Angst vor Ansteckung hätten viele einen notwendigen Arztbesuch lange hinausgeschoben, was die Krankheit oft verschlimmert habe. Unterm Strich ist der Krankenstand der 15,6 Millionen Erwerbstätigen, die bei der AOK versichert sind, nahezu gleich geblieben.

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Die größte Differenz zeigte sich bei den Atemwegserkrankungen. Die Anzahl der Krankschreibungen sank hier von vorher 49 auf 31 Prozent. Gleichzeitig stieg die Dauer der Arbeitsunfähigkeit um zwei Tage je Fall an. „Zur Wahrheit gehört aber auch, dass durch die Hygiene- und Abstandsgebote die Gefahr der Ansteckung geringer als vorder Pandemie war.“

2. Corona hat die Psyche belastet

Die körperlichen Beschwerden sind vor und während der Pandemie fast unverändert geblieben. 77 beziehungsweise 78 Prozent der Beschäftigten berichteten über mindestens ein körperliches Symptom. Allerdings gab es eine deutliche Zunahme der psychosomatischen Beschwerden und negativen Emotionen, heißt es im Report.

So berichteten Anfang 2020 etwa 69 Prozent über emotionale Probleme wie Lustlosigkeit, Nervosität oder Niedergeschlagenheit. In diesem Frühjahr waren es 88 Prozent. Auch der Anteil der Beschäftigten mit mindestens einer psychosomatischen Beeinträchtigung ist im Zuge der Pandemie gestiegen – von 80 auf 84 Prozent.

Besonders deutlich war der Anstieg bei Konzentrationsproblemen (plus zehn Prozent) und Schlafstörungen (plus sieben Prozent). Die Arbeitsunfähigkeit aufgrund von psychischen Erkrankungen stieg im Schnitt von knapp 26 auf knapp 30 Tage je Fall.

3. Beschäftigte in sozialen Berufen traf es besonders hart

Die meisten Krankschreibungen verzeichnete die AOK in Bereichen, in denen Homeoffice oder andere Distanzmöglichkeiten nicht gegeben waren. Der Report listet im Bundesdurchschnitt 6.700 Krankschreibungen pro 100.000 Beschäftigten im Bereich der Kinderbetreuung auf, gefolgt von 5.900 in der Ergotherapie, 5.700 in der Altenpflege und 5.400 in der Fachkrankenpflege. Rund 60 Prozent dieser Krankschreibungen gingen auf eine Corona-Diagnose zurück. Die Angst vor Ansteckung, die der Umfrage zufolge viele Arbeitnehmer beschäftigt hat, war in der Pflege somit nicht unbegründet.

Zahlen der AOK Plus zeigen für Sachsen ein ähnliches Bild: „Während die Tage, an denen ein AOK Plus-Versicherter jährlich krankgeschrieben ist, 2015 bis 2020 von durchschnittlich 19 auf knapp 21 gestiegen sind, stiegen sie im Bereich der Pflegeberufe von 24 auf 27 Tage“, sagt Kassensprecherin Hannelore Strobel. Auch die Zahl der Krankschreibungen stieg in Pflegeberufen auf 9.200 pro 100.000 Beschäftigte. Die Gründe sieht die wissenschaftliche Referentin und Mitautorin der Studie, Kira Isabell Hower, in der gestiegenen Arbeitsintensität, dem Fachkräftemangel und in der Angst um die eigene und die Gesundheit der Pflegebedürftigen. Das Pflegepersonal habe in der Pandemie verstärkt darüber nachgedacht, den Beruf zu wechseln, so die Umfrage.

„Wenn die betriebliche Gesundheitsvorsorge verbessert und Arbeitspläne angepasst werden, bietet das eine Chance, den Weggang von Pflegekräften zu verhindern“, sagt Martin Litsch, Chef des AOK-Bundesverbandes. Ein großer Erfolg wäre es bereits, wenn die Zahl der Fehltage im Pflegebereich auf den Durchschnittswert anderer Berufsgruppen gesenkt werden könnte. „Das bedeutet rein rechnerisch ein mehr an 11.000 Pflegekräften – allein bei den AOK-Versicherten. Von den Angeboten der betrieblichen Gesundheitsförderung könne die Pflegebranche demnach besonders profitieren. Litsch hofft, dass sich künftig mehr Firmen daran beteiligen.

3. Beschäftigte in sozialen Berufen traf es besonders hart

Rund 80 Prozent der befragten Erwerbstätigen berichteten über Veränderungen der persönlichen Arbeitssituation während der letzten Monate. Am häufigsten wurde die Flexibilisierung des Arbeitsortes und der Arbeitszeit genannt. So arbeiteten 70 Prozent der Befragten im Homeoffice, 61 Prozent konnten ihre Arbeitszeit flexibel einteilen. Und je flexibler ein Unternehmen in den Augen der Angestellten auf die Pandemielage reagierte, desto weniger fielen die Beschäftigten krank aus und desto weniger schleppten sich kranke Mitarbeiter trotzdem in den Betrieb – und steckten Kollegen an. Für Helmut Schröder „beeindruckend“, vor allem, weil viele Änderungen in Betriebsabläufen vor der Pandemie nicht möglich gewesen sind. „Das ist eine Aufforderung an die Betriebe: Es gibt Hebel, etwas zu verbessern“, sagte Martin Litsch. Auf der anderen Seite brachte die Flexibilisierung für knapp die Hälfte der Mitarbeiter Mehrarbeit und Überstunden. 24 Prozent waren in Kurzarbeit.

5. Zum Jahreswechsel gab es besonders viele Corona-Krankmeldungen

Die Wellenbewegungen bei den Coronainfektionen wurden nicht nur in den Zahlen des Robert-Koch-Institutes, sondern auch bei den Arbeitsunfähigkeitsmeldungen deutlich, zeigt der Report. Zwischen März 2020 und Juli 2021 waren 3,2 Prozent der AOK-versicherten Arbeitnehmer aufgrund einer Coronainfektion krankgeschrieben. Das entspricht bundesweit knapp einer halben Million Beschäftigten.

„Bei 62 Prozent wurde die Diagnose durch einen positiven PCR-Test bestätigt, 38 Prozent waren wegen typischer Covid-19-Symptome oder dem Kontakt zu Erkrankten arbeitsunfähig. Die höchsten Erkrankungszahlen wurden um den Jahreswechsel gemeldet. In Sachsen waren von 100.000 versicherten Arbeitnehmern im Dezember knapp 1.700 und im Januar 1.400 wegen Corona krankgeschrieben. Bundesweit lag die Zahl bei 705 Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen.

6. Firmen, die sich gut um Mitarbeiter kümmern, haben weniger Kranke

Beschäftigte, die ihr Unternehmen in der Krise als besonders anpassungsfähig, die Führungskraft als Unterstützung und den Zusammenhalt im Betrieb als gut erleben, berichten seltener von gesundheitlichen Beschwerden. Die Fehltage belegen das.

So waren Mitarbeiter in Unternehmen mit guter Krisenbewältigung im Schnitt knapp acht Tage pro Jahr krank, bei schlechter Fähigkeit, Belastungssituationen zu meistern, waren es knapp zwölf Tage. Diese Arbeitnehmer gehen nach eigenen Angaben auch häufiger krank zur Arbeit. „Insgesamt wird deutlich, dass ein offener Umgang mit Fehlern, ein guter Informationsfluss und schnelle Entscheidungen ein Unternehmen in Krisen widerstandsfähiger machen“, betont Helmut Schröder.

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