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Erst Schlaganfall im Südsudan - dann Corona in Sachsen

Michael Weyland sollte sich in der Reha von einem Schlaganfall erholen und steckte sich mit Covid-19 an. Dann wird seine Behandlung abgebrochen.

Vom Hoteldirektorensessel in den Rollstuhl: Katharina Weyland unterstützt ihren Mann Michael nach dem Schlaganfall.
Vom Hoteldirektorensessel in den Rollstuhl: Katharina Weyland unterstützt ihren Mann Michael nach dem Schlaganfall. ©  Thomas Kretschel

Dass Michael Weyland Weihnachten in diesem Jahr in Dresden feiern würde, hätte er wohl nie erwartet, ebenso wenig, dass er das Fest zusammen mit seiner Frau Katharina verbringen würde. Das Paar ist noch dabei, sich in diesem neuen Leben einzufinden, im Alltag und in der behindertengerechten Wohnung. Weil es diesen einen Tag am Jahresanfang gab, diesen Schicksalsschlag, der alles änderte. Der Schlaganfall.

Wäre das nicht passiert und alles normal weitergegangen, wäre Michael jetzt in Juba, der Hauptstadt des Südsudan, und Katharina würde sich in einem kleinen Örtchen südlich von Rimini an der Adria um das gemeinsame Haus kümmern. Vielleicht würden sie sich zum Jahreswechsel wieder in Dubai treffen.

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Stattdessen hat Katharina für Michael Reha-Pläne zusammengestellt und eine Tagespflege organisiert, nachdem er – so empfinden es beide – von der Reha-Klinik Bavaria in Kreischa nach einer Infektion mit dem Coronavirus im November vor die Tür gesetzt worden war. „Er hatte so tolle Fortschritte gemacht, die durch die Ansteckung und die verbundene Isolation ohne richtiges Training wieder zu Rückschritten geführt haben“, sagt Katharina. „Nach Hause ist er wie ein Häufchen Elend gekommen.“ Auf der Fahrt in die neue Wohnung habe er sich sogar übergeben müssen. Ab Januar soll es losgehen mit Ergotherapie, Schlaganfalltraining und Physiotherapie.

Schlaganfall beim Videochat mit seiner Frau

Bis Ende Januar war Michael Weyland Chef des Luxushotels Pyramid Continental in Juba, einen Steinwurf vom Weißen Nil entfernt. Fast das ganze Berufsleben hat der 59-jährige Hotelmanager im Ausland verbracht, Sri Lanka, Indien, Dubai, Philippinen – oft mit seiner Frau. Im Südsudan, der als gefährlich gilt, war Michael allein. Die beiden sprechen jeden Tag miteinander, sind sich trotz der Entfernung nah wie immer.

Bei einem Videochat mit Katharina bekommt Michael am 31. Januar einen Schlaganfall. Die 48-Jährige muss hilflos dabei zusehen, wie ihr Mann zusammenbricht. Sie versucht, jemanden im Hotel zu erreichen. Erst nach 40 Minuten stemmen Hotelmitarbeiter die Tür auf, nachdem sich einer von ihnen die Beine gebrochen hat beim Versuch, über den Balkon in das Büro zu kommen.

Michael Weyland kommt ins örtliche Krankenhaus. Dann folgt die erste Odyssee, weil er in Juba nicht operiert werden kann. Per Ambulanzflug geht es nach Nairobi in Kenia. Dort wird er am Kopf operiert. Neben dem Schlaganfall kämpft Michael aber auch noch mit einer schweren Blutvergiftung und einer Pilzinfektion, Venen kollabieren.

Immer wieder Fieberschübe, mehrere Milzinfarkte und eine Lungenembolie, Leber und Nieren versagen. Die Nachsorge ist in Kenia praktisch nicht möglich. Katharina Weyland wacht jeden Tag neun Stunden am Krankenbett. Mithilfe eines Anwalts kann sie die Versicherung überzeugen, ihren Mann nach Deutschland auszufliegen.

24 Stunden ist Michael im Ambulanzjet. Etappenweise geht es über den Sudan, Ägypten und Südgriechenland nach Dresden in die Uniklinik. Dort hat man begonnen, sich auf Corona-Patienten vorzubereiten. Noch sind genügend Intensivbetten frei. Die Dresdner Ärzte bekommen Michaels Zustand in den Griff.

Für Schlaganfallpatienten zählt jede Sekunde Therapie

Seine zweite Odyssee beginnt in der Reha. Von Dresden wird er Ende März in die Bavaria-Klinik nach Kreischa verlegt. Monatelang bekommt er dort eine Intensiv-Therapie, unter anderem kognitives Training, Sporttherapie, Aufstehtraining, Toiletten- und Duschtraining, Ergotherapie und Automove, eine elektrische Muskelstimulation, die Patienten helfen soll, die Kontrolle über behinderte Körperteile wiederzuerlangen. Der einst sportliche Mann, der vor seiner Managerkarriere im Tiefbau arbeitete, ist über Monate ein Pflegefall. Wochenlang kann seine Frau ihn im Frühjahr nicht sehen, weil es wegen Corona ein Besuchsverbot in der Klinik gibt.

Für einen Schlaganfallpatienten zählt jede Sekunde Therapie. „Ich habe in Kreischa gute Fortschritte gemacht“, sagt Michael Weyland. Der Manager fühlt sich geistig fitter als noch ein paar Monate zuvor, kann sich schon selbst auf der Station der Klinik frei bewegen. Bis er seltsame Symptome bekommt. Es sind die Vorboten eines positiven Tests, der aber erst nach ein paar Tagen gemacht wird.

Wohl deshalb steckt sich auch seine Frau Katharina bei ihm an. Sie schafft es eine Woche lang gerade vom Bett bis zur Toilette, während Michael die Infektion leidlich wegsteckt. Eigentlich soll er am 12. November entlassen werden, die letzten Wochen Intensiv-Reha wären besonders wichtig gewesen, sagt seine Frau.

Aber Michael wird mit Covid-19 auf der abseits gelegenen Corona-Station der Klinik in Zscheckwitz isoliert. Statt acht bis neun Therapien am Tag schnurrt das Programm auf vielleicht ein Viertel zusammen, erinnert sich Michael Weyland.

Seine Frau schreibt mit der Klinik per E-Mail hin und her. Sie bittet um eine Reha-Verlängerung. Die Krankenversicherung habe signalisiert, dass ihr Mann nach der Isolation zwei weitere Wochen zur Reha bleiben kann. Einer der Chefärzte schreibt zunächst, dass Michael Weyland nicht wie geplant entlassen wird, und stellt wegen der „formal unterbrochenen Rehabilitation“ eine Weiterführung der Reha in der Klinik in Aussicht. Dann heißt es plötzlich, Michael Weyland werde doch entlassen.

Katharina versucht es über die Verwaltung der Klinik und schreibt wieder Mails. Darin beschreibt sie Gesprächsversuche mit den Ärzten. Die Chefärztin, die acht Monate für Michael Weyland zuständig war, lehnt demnach die Verantwortung ab, mit einem der Ärzte sei kein vernünftiges Gespräch möglich gewesen und ein anderer Mediziner habe zwar schriftlich geantwortet, aber sei auch nicht auf sie eingegangen. Der Verwaltungsleiter schlägt ein persönliches Gespräch vor, „nicht per E-Mail und nicht per Telefon“.

„Die Art und Weise finde ich krass“

Katharina Weyland versucht es mit Argumenten. Die zwei durch die Corona-Infektion verlorenen Wochen sollten drangehängt werden, weil jeder Therapietag ihren Mann weiterbringe auf seinem Weg der Genesung, in seinem Kampf um die Rückkehr in ein normales Leben. Erfolglos. Jetzt ist von einer medizinischen Entscheidung die Rede, warum Michael entlassen werden soll. „Die Art und Weise, wie die Ärzte dann nicht mit einem kommunizieren, finde ich krass“, sagt Katharina Weyland. „Ich hab denen wirklich was vorgeheult, ich war verzweifelt.“ Nur die angefragte Krankendokumentation ihres Mannes bekommt Katharina nach Hause - übereinander ergeben die Seiten einen halben Meter hohen Papierstapel.

Sie hat sich in Dresden inzwischen eine Arbeit gesucht als Rezeptionistin in einer Arztpraxis, versucht das fehlende Einkommen ihres Mannes zumindest teilweise zu kompensieren. Es reicht nicht. Sie hat Hilfe beim Sozialamt beantragt, sammelt auf der Internetplattform Gofundme Spenden für weitere Behandlungen.

Michael, den der Schlaganfall aus dem gewohnten Leben riss, will weiter kämpfen. „Mein großes Ziel ist es, an den Rollator zu kommen und mich damit bewegen zu können, denn das hieße, dass ich wieder ein paar Schritte gehen kann.“ Er sei immer ein positiv denkender Mensch gewesen. Vielleicht könne er irgendwann sogar wieder arbeiten, hofft er. Wenn er weiter eine gute Reha bekommt. Seine neue Heimat Dresden mag Michael. „Ich lerne jetzt auch Sächsisch, man muss einfach nur an jedes Wort ein i anhängen, Guddi und Tschüssi.“

Eine Anfrage der SZ, warum Michael Weyland nach der Infektion trotz Bitten seiner Frau entlassen wurde, ohne die verlorene Therapie-Zeit anzuhängen, lässt die Klinik unbeantwortet. Eine Sprecherin schreibt, man habe dies zum Anlass genommen, sich mit Frau Weyland in Verbindung zu setzen. In der E-Mail heißt es: „Der Anfrage entnehmen wir, dass Sie noch weiteres Rehapotenzial bei Ihrem Mann sehen“.

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In diesem Engagement wolle man Katharina Weyland „natürlich auch weiterhin unterstützen“ und biete eine weitere Rehabilitationsmaßnahme für zwei Wochen auf Kosten der Klinik an – sobald sich die Situation um die „sehr hohen Corona-Infektionszahlen“ etwas beruhigt habe.

Für Michael Weyland geht der Kampf zurück ins Leben damit weiter. Mit der Entscheidung der Klinik ist das erste gemeinsame Weihnachtsfest seit Langem am Ende eines schweren Jahres dann doch noch ein Hoffnungsschimmer.

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