merken
PLUS Politik

Sich jetzt noch privat zu treffen, ist gefährlich egoistisch

Mit Freunden in den Park oder zur Familie auf einen Tee. Machen wir uns nichts vor: Aus privaten Treffen werden zigtausend Corona-Risiken. Ein Kommentar.

Das Frühlingswetter zieht viele Menschen in die Grünanlagen.
Das Frühlingswetter zieht viele Menschen in die Grünanlagen. © Jonas Güttler/dpa

Von Caroline Fetscher

Als gäbe es keinen zeitlichen Horizont, keine Hoffnung, Zuversicht, Aussicht, so behandeln viele Leute privat ihre Corona-Risiken. „Jetzt reicht es doch auch langsam“ lautet der Refrain vieler privater Gruppen.

City-Apotheken Dresden
365 Tage für Patienten da
365 Tage für Patienten da

Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Eingeladen wird zu Dinners, Familienfeiern, Nachbarbesuchen im Wohnzimmer. Man müsse doch auch mal wieder Geburtstage feiern, bisschen zusammensitzen, den Skatabend wiederaufnehmen, zusammen mit Freunden eine spannende Serie sehen.

„Das ist eine Ausnahme! Nur heute!“, beteuern die Leute, wenn sie überhaupt davon erzählen, wie sie handeln, und wenn sie man sie überhaupt fragt, warum sie so handeln. Wer hier nicht dabei ist, der werfe den ersten Stein.

Was, nur drei Kiesel? Naja. Also, der Sohn darf doch nun wirklich, nur am Dienstag, mit Schulfreunden im Kinderzimmer eine Rennbahn aufbauen. Die Verwandten können ruhig auf ein Stündchen zu Tee und Kuchen, bei uns vorbeischauen. Wir kennen uns doch! War die Cousine nicht neulich negativ getestet, geht der Schwager nicht sowieso nur selten ins Büro? Und die sechs Gäste von gestern haben eh alle öfter miteinander zu tun. Wir haben das im Blick, wir haben das im Griff.

Die Kurve ist das Resultat der Summe der Ausnahmen

Tja, und dann verlässt der eine oder die andere als singulärer Corona-Brutkasten das Haus und verwandelt als Spreader den Singular in einen Plural, während er anderen ein Virus überträgt, das gerade jetzt besser bekämpft wird, seit das Impfen auch hier, bei allen Rückschlägen, merklich Fahrt aufnimmt.

So entstehen, das ist zu vermuten, die ansteigenden Kurven der Statistik, die am Morgen im Radio, am Abend im Fernsehen staunen und leise erschrecken lassen.

Polizeiwagen stehen in Berlin bei warmen Temperaturen im vollen Park am Gleisdreieck.
Polizeiwagen stehen in Berlin bei warmen Temperaturen im vollen Park am Gleisdreieck. © Fabian Sommer/dpa

Unerhört! Schon wieder ein stärkeres „Infektionsgeschehen“, obwohl wir alle andauernd verzichten, auf Shopping und Chorproben, auf Kino, Oper, Fitnessstudios, Kosmetiksalons! Wie das? So das. Das entsteht genau durch die egoitäre Ausnahme, genannt Nur-Ich oder Nur-Wir. Sie ist eine Illusion. Wir sind die Kurve.

Die Kurve ist das Resultat der Summe der Ausnahmen, mit denen Maßnahmen missachtet werden. Ignoriert wird, wie sensationell, trotz aller Patzer und Pannen, der Fortschritt ist, der sich mit dem Impfen sichtbar und täglich aufbaut.

Es gibt einen zeitlichen Horizont, vor einem Jahr war das alles andere als klar. Auf den letzten Metern vor der Rückkehr ins Gewohnte sind viele Gesellschaften in der Pandemie jetzt angekommen.

Roulette mit der Gesundheit

Selbst wenn die letzte Etappe sich bis zum Spätsommer oder Frühherbst erstrecken sollten: Das Ausnahme-Roulette ist und bleibt ein asoziales Spiel mit der Gesundheit, der eigenen wie der von anderen.

Corona-Geduld ist noch eine kleine Weile gefragt. Verdammt gut haben es Leute in Staaten wie unserem, mit einem inklusiven und hochentwickelten System der Krankenkassen, mit exzellenten Praxen und Kliniken und Sicherheit, wie es sie selten gibt auf der Welt.

Wir leben in einem Staat, in dem Impfstoff entwickelt wird, und wo hunderte von Expertinnen und Experten gut ausgestattet an Strategien arbeiten, eine Pandemie zu bremsen, zu bändigen und zu überwinden.

Zahlreiche Menschen sitzen, ohne Schutzmasken und zum Teil ohne den vorgeschriebenen Mindestabstand einzuhalten, im Licht der untergehenden Sonne auf der Admiralbrücke, einem beliebten Treffpunkt junger Menschen in Berlin-Kreuzberg.
Zahlreiche Menschen sitzen, ohne Schutzmasken und zum Teil ohne den vorgeschriebenen Mindestabstand einzuhalten, im Licht der untergehenden Sonne auf der Admiralbrücke, einem beliebten Treffpunkt junger Menschen in Berlin-Kreuzberg. © Stefan Jaitner/dpa

Die Mehrheit aller Menschen der Erde lebt anders. So wurde früher gesagt: Iss endlich deinen Kohlrabi - andere auf der Welt wären froh, wenn sie überhaupt was zu essen hätten. Das klingt nach Moralgerede.

Soll man denn gar nichts mehr kritisieren?Nein, nein. Alle, die wollen und können, sollen nach Kräften kritisieren, argumentieren, Forderungen erheben, Korruption anprangern, Aussagen befragen, Verschwörungsunfug enttarnen, Informationen vergleichen.

Weiterführende Artikel

Corona: 891 Neuinfektionen und kein Todesfall in Sachsen

Corona: 891 Neuinfektionen und kein Todesfall in Sachsen

Inzidenz steigt leicht, bundesweit Gedenken an die Opfer der Pandemie, Attacke bei Corona-Kontrolle in Dresden - unser Newsblog.

Aber sie sollten nicht die Fantasie nähren, sie hätten mit der Kurve nichts zu tun, wenn sie sich und die Ihren mit dem Etikett „Ausnahme“ bekleben, in einem globalen Geschehen, bei dem es auf jeden und jede Gruppe ankommt. Soweit das Wort zum Wochentag. Und zu jedem anderen Tag, ausnahmslos.

Mehr zum Thema Politik