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Sieben Gründe, warum Zittau Corona-Hotspot ist

Seit Beginn der sogenannten zweiten Welle steigen die Infektionszahlen in Zittau deutlich - ganz anders als im Frühjahr. Eine Suche nach Gründen.

Die Kliniken im Kreis sind bei Corona an der Belastungsgrenze.
Die Kliniken im Kreis sind bei Corona an der Belastungsgrenze. © Klinikum

Der Kreis Görlitz gehört bei den Corona-Neu-Infektionen mit einer Inzidenz von mehr als 400 derzeit zu den Landkreisen mit dem bundesweit höchsten Niveau. Schon seit Beginn der sogenannten zweiten Welle der Pandemie nahm das Infektionsgeschehen auch in Zittau deutlich zu, wo diesen Dienstag - nur für die Stadt gerechnet - eine Inzidenz von knapp 385 Fällen pro 100.000 Einwohner erreicht wurde. Generell liegt der Schwerpunkt der Infektionen eher im Süden des Kreises. Inzwischen sind auch alle Corona-Intensivbetten der Kliniken im Kreis seit Tagen nahezu durchgehend belegt, zehn Erkrankte mit schweren Verläufen mussten bereits in andere Kliniken ausgeflogen werden. Eine Suche nach Gründen:

Grund 1: Kein Gefühl für Risiko

Zittau kam im Frühjahr glimpflich durch die Pandemie, kaum jemand kannte einen Covid-19-Patienten. Das ist inzwischen anders. Als nach einer Feier im Vinyl in Zittau mehrere Infektionen und Quarantänen bekannt wurden, wendete sich das Blatt, weitere Infektionsherde wurden bekannt, Kettenreaktionen kamen in Gang. Das Bewusstsein für das gestiegene Risiko ist in der Bevölkerung offenbar nicht zeitgleich gewachsen. Das beobachtet auch Zittaus OB Thomas Zenker: "Ich erlebe viele Menschen, die sehr vorsichtig sind, weil sie Angst haben", sagt er und fügt hinzu: "Gleichzeitig beobachte ich seit Beginn der Pandemie gerade Menschen aus Risikogruppen, die sich im Alltag nicht an die lästigen, aber leicht einzuhaltenden Regeln halten." Auch die Zittauer Allgemeinmedizinerin Birgit Bollmann beobachtet, dass es nach wie vor ein gewisses Maß an Unvernunft oder Unbekümmertheit im Alltag gibt: "Es gibt noch immer Leute, die ohne Maske unterwegs sind oder sie leger unter der Nase tragen", erklärt sie.

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Grund 2: Diffuses Infektionsgeschehen

Anders als im Frühjahr lassen sich Infektionsketten jetzt oft nicht mehr nachvollziehen, die Kontakt-Teams des Landkreises brauchen Unterstützung - der Kreis hat erst jüngst die Bundeswehr gebeten, ihre Hilfe auch für den Januar zu verlängern. Immer wieder werden Fälle bekannt, dass Einrichtungen oder Privatpersonen vergessen oder nicht informiert wurden - kein Zeichen des bösen Willens oder der Willkür, sondern vielmehr ein Indiz dafür, wie prekär die Lage inzwischen ist. Auch Raj Kollmorgen, Professor für Soziologie an der Hochschule Zittau-Görlitz, sieht hierin einen Grund: "Wenn eine manchmal schlicht zufällige Fügung ein Infektionsgeschehen ausgelöst hat, und es keine hinreichenden Vorkehrungen zum Abbruch solcher Ketten gibt, kann eine unglaubliche Dynamik daraus entstehen."

Grund 3: Hoher Altersdurchschnitt

Der Kreis Görlitz hat eine hohe Dichte an Pflegeheimen - das trifft auch für Zittau zu. Und inzwischen gibt es auch hier vermehrt Fälle. Dazu kommen Einrichtungen, wo Menschen mit Behinderungen oder mit psychischen Erkrankungen wohnen. Es gibt damit einen hohen Anteil gefährdeter Gruppen, bei denen sich Abstandsregelungen, das Maskentragen, Hygienemaßnahmen aufgrund bestimmter Erkrankungen oder Einschränkungen nicht so einfach umsetzen lassen. Ohnehin sieht das Infektionsgeschehen in der Praxis anders aus und beschränkt sich eben nicht nur auf ältere Menschen: "Das geht quer durch alle Altersgruppen", bestätigt die Zittauer Ärztin Bollmann aus ihrer Erfahrung.

Grund 4: Die Nähe zu Tschechien und Polen

Dass die Entwicklungen in der Grenzregion zusammenhängen, hält Raj Kollmorgen durchaus für möglich. "Bei dieser Frage lauert schnell politisches Glatteis, wenn nach Schuldigen gesucht wird." Darum gehe es aber nicht. "Fakt ist aber, dass wir eine komplett andere Situation als im Frühjahr haben." Damals hatten Polen und Tschechien kaum Fälle. "Und es gab dort die Angst, dass wir das Virus zu ihnen tragen. Jetzt haben wir eine diametrale Lage. Tschechien und Polen gehören zu den Hotspots in Europa", erklärt Kollmorgen. "Wir wissen auch, dass der Anteil der Grenzpendler bei uns hoch ist. Eigentlich ein schönes Zeichen, wie gut wir bereits verknüpft sind", so Kollmorgen. Nur nicht in der Corona-Pandemie. "Ähnliches lässt sich etwa auch in Ostbayern, also an der bayrisch-tschechischen Grenze beobachten." Zittaus Oberbürgermeister Thomas Zenker (Zkm) ist dennoch sehr vorsichtig. Auch ihm ist die Parallelität in der Grenzregion aufgefallen. Und doch gebe es keine sicheren Beweise, dass dies unmittelbar in Zusammenhang stehe. Ihn irritieren vor allem zeitliche Verzögerungen, das passe nicht ganz zusammen, sagt er.

Grund 5: Skepsis gegen staatliche Maßnahmen

Bundeswehr in Krankenhäusern, auch Jüngere unter den Toten - dennoch versammeln sich sonnabends in Zittau Menschen auf der Neustadt gegen die Coronamaßnahmen, es gibt Montagsdemos auf Zittaus Markt, regelmäßig "Stillen Protest" an der B96. Raj Kollmorgen wundert das nicht. "Der Mensch ist außerordentlich findig in der Reinterpretation von Fakten und der Anpassung an seine Ideologien." In der Oberlausitz gebe es in beachtlichen Bevölkerungskreisen eine Grundskepsis gegen staatliche Maßnahmen und Institutionen, erklärt er. Das habe auch mit Erfahrungen des Strukturwandels in den 1990er Jahren zu tun. "Politische Milieus mit diesem Denken, das sich auch auf die Pandemiebekämpfung bezieht, sind bei uns stärker verbreitet", erklärt Kollmorgen. Auch das könne tendenziell eine Verbreitung des Virus' befördern.

Zittaus Oberbürgermeister betont ebenfalls, dass eine absolute Verweigerungshaltung fahrlässig gegenüber jenen ist, die sich sehr wohl an Regeln halten und sich und andere schützen. Zenker sieht aber auch, warum die Vorschriften im Alltag Widerspruch erzeugen: "Was für eine Fußgängerzone in Köln gilt, gilt eben auch für Zittau, bewegt sich hier aber gefühlt am Rand des Absurden", sagt er mit Blick auf die unterschiedliche Frequenz von Straßen und Plätzen in der Großstadt und auf dem Land. "Die Stimmung in der Stadt ist schwierig, so habe ich es noch nie erlebt." Dennoch wirbt er für Verständnis: "Wenn jeder eigene Regeln macht, wird die Verwirrung größer", sagt er. Medizinerin Birgit Bollmann findet hingegen, dass man die Energie, die manch einer fürs Protestieren und Kritisieren aufwendet, sinnvoller einsetzen könnte: "Jeder kann seinen Beitrag leisten, um die Verbreitung von Corona einzudämmen."

Grund 6: Ländlicher Raum

Im Frühjahr hatte sich der ländliche Raum als großer Vorteil erwiesen. Mit weniger Geld, weniger Mobilität und einem höheren Altersschnitt war es weniger wahrscheinlich, dass das Virus durch Reisen oder Berufspendeln in Hotspots eingetragen wird. "Dieser einstige Vorteil wird nun zum Nachteil", sagt Kollmorgen. In den Gemeinden wird ein lebendiges Gemeinschaftsleben gepflegt: Jugendweihen, Freiwillige Feuerwehren, große Hochzeiten. "Das ist zwar keine Eigenart der Oberlausitzer. Aber wenn man ein lebendiges Dorfleben hat, sich eher sicher wähnt und dann auch keine Vorkehrungen trifft, wird das jetzt zum Risiko", erklärt Kollmorgen.

Grund 7: Keine Kontrolle

Wenn es um die Frage nach mehr Kontrolle geht, ist Zittaus OB unbedingt dafür, sagt aber auch: "Ich weiß allerdings nicht, wie das zu schaffen sein soll." Zenker ist jedoch überzeugt, dass es durchaus etwas ausmacht, wie die Regeln - in Unternehmen oder eben auch in der Verwaltung wie dem Zittauer Rathaus - vorgelebt und beachtet werden, auch wenn es beschwerlich ist. Ohne Kontrollen, erklärt Raj Kollmorgen, setze sich ein bekannter Mechanismus in Gang: "Wenn man sich unbeobachtet fühlt, keine Kontrollinstanz da ist, die man als solche auch wahrnimmt, wird man automatisch nachlässiger."

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