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Sind die Dresdner im Lockdown zu oft unterwegs?

Der Corona-November brachte nur wenige dazu, zu Hause zu bleiben. Wie das jetzt ist, zeigen anonymisierte Bewegungsdaten.

Spaziergänge in Familie sind erlaubt. Aber wie diszipliniert sind die Dresdner darüber hinaus, Kontakte zu meiden?
Spaziergänge in Familie sind erlaubt. Aber wie diszipliniert sind die Dresdner darüber hinaus, Kontakte zu meiden? © dpa/Sebastian Kahnert

Dresden. Für einen Lockdown sind die Sachsen noch zu viel unterwegs, sagte Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) am vergangenen Mittwoch. Ein ernüchternder und bedrohlicher Befund sei das, „pures Gift“ für die Pandemiebekämpfung. Stimmen seine Informationen? Wie mobil sind die Dresdner?

Bereits Anfang November hatte die SZ öffentlich zugängliche Bewegungsdaten für Dresden ausgewertet. Damals war der sogenannte Lockdown „light“ in Kraft getreten. Gaststätten, Museen, Schwimmbäder, Kinos, Theater und Fitnessstudios mussten schließen. Möbel-, Technik- und Baumärkte durften aber ebenso öffnen wie Friseure, Bekleidungsgeschäfte und Blumenläden.

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Die anonymisierten Daten von Handys, Navigationsgeräten und Fußgänger-Zählstellen ließen nur einen Schluss zu: Im Vergleich zum Lockdown im Frühjahr herrschte in der Stadt fast Alltag. Und jetzt? Nutzen die Dresdner die Freiheiten voll aus, die ihnen die Corona-Regeln lassen?

Erkenntnis 1: Harter Lockdown reduziert Kontakte deutlich

Inzwischen sind insbesondere Sachsens Großstädter vorsichtiger geworden. Verglichen mit einem gewöhnlichen Samstag im vergangenen Jahr waren am vergangenen Sonnabend auf der Neustädter Elbseite zwischen Pillnitz und der Neustadt nur halb so viele Menschen unterwegs.

Etwas agiler waren die Einwohner im Nordwesten der Stadt (Kaditz, Trachau, Übigau, Löbtau, Cotta, Gorbitz). Hier verraten Mobilfunkdaten einen Bewegungsrückgang von lediglich 29 Prozent.

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Forscher der Berliner Humboldt-Universität werten die Mobilfunkdaten anonymisiert aus, um mehr über die Mobilität der Deutschen in der Corona-Krise herauszufinden. Als Bewegung wird gezählt, wenn ein Handy eine Funkzelle verlässt und später für mindestens 15 Minuten die neue Position nicht mehr ändert. Ob man zu Fuß, mit dem Auto oder der Straßenbahn unterwegs ist, spielt keine Rolle.

Ihre Kontakte haben die Dresdner diesmal jedoch deutlich langsamer zurückgefahren als im Frühjahr. Ende Oktober nahm die Mobilität zwar bereits ab, sie sank jedoch nicht so stark wie beim ersten Lockdown. Erst die verschärften Corona-Maßnahmen, die am Montag vor einer Woche in Kraft traten, scheinen die Dresdner zum Umdenken bewegt zu haben – zumindest einige.

Erkenntnis 2: Die Innenstadt-Magnete sind spürbar weg

Dass weniger los ist in der Stadt zeigen auch die Bewegungsdaten von der Prager Straße. Dort misst eine Fußgänger-Zählstelle, wie viele Passanten unterwegs sind. Das Ergebnis: Am Sonntag ist der zweittiefste Wert seit dem Frühjahr gemessen worden. Lediglich 3.229 Menschen schlenderten zwischen Karstadt und dem ehemaligen Ibis-Hotel über die Einkaufsmeile, am Samstag waren es 8.437.

Zum Vergleich: Am Sonnabend vor einem Monat, den 21. November, registrierte die Zählstelle noch 37.283 Fußgänger, am folgenden Sonntag 5.108, wie aus Daten der Plattform Hystreet.com hervorgeht.

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Das zeigt, dass die Schließung weiterer Läden, darunter Bekleidungsgeschäfte, zu einem deutlicheren Passantenrückgang geführt hat als der „Lockdown light“ im November. Für Ladeninhaber und Mitarbeiter ist das freilich ein Desaster, für den Infektionsschutz aber ein Erfolg.

Erkenntnis 3: Weniger Autoverkehr zur Wochenmitte

Je weniger Autos sich auf den Straßen befinden, desto mehr Menschen sind zu Hause und haben somit keine Kontakte. Das ist die These. Stimmt sie? Mit Beginn des harten Lockdowns am vergangenen Montag hat der Straßenverkehr in Dresden an fast allen Tagen abgenommen.

Normalerweise brauchen die Dresdner an einem durchschnittlichen Montagmorgen Geduld. Sie sind fast 50 Prozent länger unterwegs als zu einer Zeit, in der die Straßen komplett frei sind.

So dauert zum Beispiel eine Fahrt von 30 Minuten an einem Montagmorgen, gegen 7 Uhr, etwa eine Dreiviertelstunde. Am vergangenen Montag war man lediglich 40 Minuten unterwegs.

Zugrunde liegen die Verkehrsdaten aller Montage des vergangenen Jahres, die vom Navigationsdienstleister Tomtom über Smartphones und fest verbaute Navigationssysteme ausgewertet wurden. Dabei wird es sich höchstwahrscheinlich auch um Arbeitnehmer handeln, deren Arbeitsstätten nicht mehr öffnen dürfen.

Stau-Spitzen gab es trotzdem, am Montagabend und am Freitagvormittag. Möglicherweise sind das die Wochen- beziehungsweise Wochenendeinkäufe. Denn wer ein Auto hat, wird dieses möglicherweise gerade jetzt bevorzugt nutzen, um Kontakte in Bussen und Bahnen zu vermeiden.

Fazit: Weniger Bewegung, aber nicht so wenige wie im Frühjahr

Die Dresdner sind seit etwa einer Woche spürbar weniger unterwegs als vorher. Zwischen den Stadtteilen gibt es allerdings große Unterschiede, wahrscheinlich auch den Arbeitswegen und den Einkaufsmöglichkeiten und -vorlieben geschuldet.

So diszipliniert wie im Frühjahr bleiben die Dresdner aber nicht zu Hause. Auch das ist eine Erkenntnis der Datenauswertung.

Dabei ist aber festzuhalten, dass zum Beispiel Spaziergänge an der Elbe nach wie vor erlaubt sind - ganz gleich, ob man in Klotzsche und Löbtau wohnt. Ein Bewegungsrückgang um 100 Prozent ist nach der aktuell gültigen sächsischen Corona-Schutzverordnung also weder zu erwarten, noch angestrebt.

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