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"Sind uns vorgekommen wie Verbrecher"

Eine Familie will auf ihrem Gehöft in Riesa Kindern ein Weihnachtsvergnügen bereiten. Doch das Ganze endet in einem Blaulicht-Großeinsatz.

Jens, Simone, Josephine, Jessica und Vicky Bosse auf dem Grundstück in Poppitz. Hier veranstalteten sie am Sonntag einen "märchenhaften Spaziergang" – dem die Staatsmacht ein jähes Ende bereitete. Die Familie hat dafür kaum Verständnis.
Jens, Simone, Josephine, Jessica und Vicky Bosse auf dem Grundstück in Poppitz. Hier veranstalteten sie am Sonntag einen "märchenhaften Spaziergang" – dem die Staatsmacht ein jähes Ende bereitete. Die Familie hat dafür kaum Verständnis. © Sebastian Schultz

Riesa. Eigentlich hätten sie nur eine Jacke aus einer Hütte im Hof holen wollen. "Da haben uns zwei Polizisten begleitet. Wie die Schwerverbrecher", sagt Simone Bosse und klingt immer noch angefasst von dem, was sich da am Abend zuvor auf dem Grundstück ihrer Familie im Riesaer Ortsteil Poppitz abgespielt hat.

Fotos in den Sozialen Netzwerken vermitteln davon einen Eindruck. Die Aufnahmen zeigen mehrere Polizeibusse und Streifenwagen, die rund um den Eingang des Dreiseithofs an der Moritzer Straße parken. Zwar sind die Blaulichter aus, dennoch wirkt es wie ein Großeinsatz.

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Tatsächlich war die Polizei mit etlichen Kräften vor Ort, wie die Pressestelle der Dresdner Polizeidirektion am Montag mitteilte. Die 36 Einsatzkräfte seien wegen eines privat organisierten Weihnachtsmarkts gerufen worden, hieß es in einer Medienmitteilung. Und weiter: "Die Veranstaltung verstieß gegen die bestehenden Corona-Regeln und wurde von der Polizei beendet." Der Veranstalter sowie 80 Teilnehmer hätten eine Ordnungswidrigkeitsanzeige wegen des Verstoßes gegen die Corona-Schutzverordnung erhalten.

Für Familie Bosse ist das Ganze auch einen Tag später noch schwer zu fassen. Nicht nur, weil von einem Weihnachtsmarkt gar keine Rede sein könne. Vielmehr sei es ein bei den Behörden angemeldeter und genehmigter "märchenhafter Spaziergang" gewesen. Tatsächlich wirkt der alte Bauernhof wie ein Märchenpark: Aus einem Fenster zur Straße hin lässt Rapunzel ihr langes Haar hängen. In den ehemaligen Ställen und der Scheune sind zig weitere bekannte Märchen mit Puppen und Figuren nachgestellt. Frau Holle, Dornröschen, Rotkäppchen, Rumpelstilzchen. Und auch tierische Attraktionen wie kleine Ziegen oder ein Muli gibt es.

Das vorweihnachtliche Märchenspektakel richtet Familie Bosse schon seit mehreren Jahren aus. Bis 2019 auf einem Gelände im Nachbarort Mergendorf, das ihnen dort zur Verfügung gestellt wurde. Am Sonntag erstmals auf dem Gehöft in Poppitz, das die Familie seit gut einem Jahr besitzt.

Die Vorbereitungen seien schon im Sommer gestartet, erzählen die Familienmitglieder. Eigentlich für Ende November geplant, verschoben die Bosses das Ganze dann noch einmal in den Dezember und machten aus ihrem "Kindermärchen-Weihnachtsmarkt" einen Spaziergang – um Abstände zwischen Besuchern zu ermöglichen. Auch einige der sonst üblichen Attraktionen wie Kinderschminken oder das Konzert der Kita-Kinder seien weggefallen. Sitzgelegenheiten seien nicht vorgesehen gewesen, um Gruppenbildungen zu verhindern. An den Märchenstationen seien Desinfektionsmittelspender vorgehalten worden. Tatsächlich stehen am Montag etliche der Spender im Hof. Überall außerdem Hinweisschilder auf Mund-Nasen-Bedeckungen und anderthalb Meter Mindestabstand.

Das Hygienekonzept für die Veranstaltung habe man extra erarbeitet und dem Gesundheitsamt vorgelegt, sagt Josephine Bosse. Mit dem Ordnungsamt in der Stadtverwaltung habe man sich ebenfalls abgestimmt – zuletzt noch kurz vorm Wochenende, so Simone Bosse. Nach dem schriftlichen und mündlichen Kontakt mit den Ämtern steht für sie fest: "Wir hatten die Genehmigung". Die Riesaerin ist überzeugt: "Ich habe nichts Illegales gemacht." Auch die Besucher hätten sich am Sonntag vorbildlich verhalten – hätten Masken getragen, Abstände eingehalten und seien in Familie von Station zu Station spaziert.

Schneewittchen ist nur eines von vielen Märchen, die auf dem Poppitzer Dreiseitenhof nachgestellt sind.
Schneewittchen ist nur eines von vielen Märchen, die auf dem Poppitzer Dreiseitenhof nachgestellt sind. © Sebastian Schultz
Weihnachtsbaum, Weihanchtsmann, Weihnachtsbude: Auch den Hof hatte die Familie aufwendig geschmückt.
Weihnachtsbaum, Weihanchtsmann, Weihnachtsbude: Auch den Hof hatte die Familie aufwendig geschmückt. © Sebastian Schultz
Auch an tierischen Attraktionen sollten die Besucher am Sonntag vorbeigeleitet werden.
Auch an tierischen Attraktionen sollten die Besucher am Sonntag vorbeigeleitet werden. © Sebastian Schultz

Umso geringer das Verständnis für den Polizeieinsatz am Sonntag. Solange nur die Riesaer Beamten da waren, sei auch alles noch gut gewesen, sagt Simone Bosse. Auch ein Vertreter des Ordnungsamts sei noch vor Ort gekommen. Unangenehm sei es später geworden, als die Dresdner Polizeikräfte eingetroffen seien. Mit Taschenlampen hätten diese alles abgeleuchtet, mit Kameras alles gefilmt. Die Besucher seien dann auf eine Seite im Hof gedrängt und Personalien aufgenommen worden. Für Familie Bosse entstand der Eindruck, es habe einen zweigeteilten Polizeieinsatz gegeben. Die Pressestelle der Dresdner Polizeidirektion erklärte auf Nachfrage, dass die Bereitschaftspolizei das Riesaer Revier bei Corona-Kontrollen unterstützt habe.

In jedem Fall bedeutete der Polizeieinsatz für das Treiben auf dem Hof in Poppitz das Aus. Allerdings habe nicht die Polizei das Ganze beendet, sagt Simone Bosse. Ihre Familie habe das vielmehr getan. "Weil keiner mehr Lust hatte." Für die Familie sei der Abend frustrierend gewesen. "Weil man sich so viel Mühe gegeben hat", sagt Josephine Bosse. "Wir wollen ja keinem etwas Böses." Und etwas Illegales auch nicht. Vielmehr habe man sich bei anderen genehmigten Veranstaltungen wie im Tierpark Hebelei noch Anregungen geholt, was man machen könne.

Die Stadtverwaltung erklärte am Montag auf Nachfrage, dass die Veranstaltung nicht genehmigungspflichtig gewesen sei. Sie "musste vom Veranstalter lediglich angezeigt werden, was bereits im September erfolgt ist", so Stadtsprecher Uwe Päsler. Insofern habe die Stadtverwaltung "überhaupt nichts genehmigt und war auch nicht berechtigt, im Vorfeld Auflagen zu erteilen." Das Rathaus bestätigt indes mündliche Absprachen zur Veranstaltung, "zuletzt am Montag vergangener Woche." Die Veranstalter seien vom Ordnungsamt darauf hingewiesen worden, vor allem die Ansammlung von Menschengruppen zu verhindern, Speisen und Getränke nur zum Mitnehmen anzubieten und dazu auch bestimmte Elemente der Veranstaltung wegzulassen. "Die Umsetzung und Beachtung dieser Hinweise oblag jedoch einzig und allein der Eigenverantwortung der Veranstalter – und der Besucherinnen und Besucher", so Stadtsprecher Uwe Päsler.

Aus dem Landratsamt hieß es am Montag, das Kreisordnungsamt sei momentan dabei, den Sachverhalt aufzuklären. Man wolle später dazu informieren. Das Kreisordnungsamt ist die zuständige Behörde für die Bußgeldverfahren bei Verstößen gegen die Corona-Schutzverordnung.

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Für Familie Bosse bleibt am Tag danach eine Mischung aus Verwunderung und Missmut. Rückhalt gibt ihnen der Zuspruch aus den Sozialen Netzwerken. Verärgert zeigt sich Simone Bosse darüber, dass es wohl eine anonyme Anzeige war, die den Polizeieinsatz auslöste. Von Polizisten haben die Bosses gehört, dass das Treiben als "Querdenker"-Demo angezeigt worden sei. "Wahrscheinlich, weil von einem 'Spaziergang' die Rede war", nimmt Simone Bosse an. Aber damit habe die Veranstaltung nun gar nichts zu tun gehabt. "Eigentlich wollten wir nur einen kleinen Höhepunkt für die Kinder machen."

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