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Smudo: „Wir müssen mit Pandemieschüben leben“

Smudo, Rapper der Fantastischen Vier, erklärt, wie die von ihm mitentwickelte Corona-Warn-App Luca funktioniert. Und was sie nicht kann.

Michael Bernd Schmidt alias Smudo hat als Rapper gerade Zwangspause. Die nutzt er, um eine Corona-Warn-App mitzuentwickeln und zu bewerben.
Michael Bernd Schmidt alias Smudo hat als Rapper gerade Zwangspause. Die nutzt er, um eine Corona-Warn-App mitzuentwickeln und zu bewerben. © PR

Als Sprechgesangskünstler zählt Smudo von den Fantastischen Vier längst zum deutschen Pop-Establishment. Jetzt wirbt er für das Etablieren von Luca, einer Corona-Rückverfolgungs-App fürs Smartphone, die das Wandern des Virus sichtbar werden lassen soll. Warum er von Luca überzeugt ist und wohin seine Kreativität gerade wandert, erzählt der 52-jährige Rapper im Interview.

Versetzt die Smartphone-App Luca, die der digitalen Nachverfolgung von Corona-Infektionsketten Vorschub leisten soll und deren Nutzen Sie bewerben, der Bundesregierung und deren Corona-Warn-App einen Seitenhieb?

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Wie kommen Sie darauf, dass Luca ein Seitenhieb an die Bundesregierung ist?

Weil Luca suggeriert, dass die Corona-Warn-App eben nicht so erfolgreich ist wie von der Bundesregierung erhofft.
Das sehe ich anders. Wir haben im letzten Jahr unsere „30 Jahre Die Fantastischen Vier“-Tour mit fast 300.000 verkauften Tickets wegen der Corona-Pandemie verschieben müssen. Auf der Suche danach, wie man große Mengen an Menschen sozusagen digital formatieren kann, damit Konzerte doch stattfinden können, sind wir an die Entwickler von Luca geraten. Die arbeiteten zu diesem Zeitpunkt an der Digitalisierung der Dokumentationspflicht, woraus die Luca-App entstanden ist.

Damit schafft man eine Alternative zur Dokumentationspflicht, die von Gesundheitsämtern vorgeschrieben wird, und die jeden Friseurbesuch analog, also über einen Kontaktbogen, festhält.
Es hat sich herausgestellt, dass das nicht richtig funktioniert, ganz abgesehen vom analogen Vorgang, der an sich schon zweifelhaft ist. Während der Entwicklung von Luca zeigte sich, dass man sogar die Quell-Cluster von Corona-Infektionsketten finden kann. Das ist der eigentliche Zauber von Luca; denn von zehn Infizierten ist nur eine Person so infektiös, dass sie neun andere Personen anstecken kann, deren Viruslast allerdings zu gering ist, um weitere zehn Menschen anzustecken. Es gilt also einen aus Zehn zu finden, der hochgradig ansteckend ist.

Smudo demonstriert auf seinem Smartphone die Funktionsweise der App ·Luca.
Smudo demonstriert auf seinem Smartphone die Funktionsweise der App ·Luca. © dpa

Wie findet Luca denn diese eine hochinfektiöse Person?
Die jetzige Dokumentationspflicht ist darauf ausgelegt, dass man in die Gegenwart und Zukunft guckt. Man hat einen Infizierten gefunden und gebietet ihm, sich in Quarantäne zu begeben, auf dass er künftig keinen mehr ansteckt. Sollte sich herausstellen, dass ein Positiver beispielsweise zum gleichen Zeitpunkt ein Restaurant besucht hat wie ein weiterer Infizierter, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass es sich hier um den Superspreader handelt, um das Hundertfache. Denn nur ein Hochinfektiöser ist in der Lage dazu, einen weiteren Menschen anzustecken. Diese Quell-Cluster-Findung ist nur mit Luca möglich und es ist der neueste Kniff gegen Corona. Die bisherige Doku-Pflicht kann das nicht, was unter anderem auch ein Grund für den Lockdown ist.

Die Fragestellung von Luca, wer wen angesteckt hat, ist also in die Vergangenheit gerichtet?
Richtig, die Frage ist: Wer hat denjenigen angesteckt, der mich angesteckt hat?

Aber nicht jeder besitzt ein Smartphone, ganz abgesehen davon, dass Konzerte der Fantastischen Vier andere Menschenmengen anziehen als Restaurants.
Stimmt, aber die Toleranzen steigen trotzdem, weil nicht jeder Infizierte infektiös ist. Im Moment ist es doch so: Schmecke ich plötzlich den Kaffee nicht mehr und werde positiv getestet, ruft mich das Gesundheitsamt an und fragt nach, wo ich mich aufgehalten habe. Vielleicht habe ich die Oma besucht, bin mit dem Taxi zum Restaurant gefahren und habe ein Fanta-4-Konzert erlebt. An den Rest erinnere ich mich nicht. Das Gesundheitsamt bekommt dann vom Veranstalter eines Hygiene-Konzerts mit 500 Teilnehmern ebenso viele Adressen. Wie will man die verfolgen?

Das komplette Luca-Team: Michi Beck, Marcus Trojan, Patrick Henning und Smudo (v.l.)
Das komplette Luca-Team: Michi Beck, Marcus Trojan, Patrick Henning und Smudo (v.l.) © Jens Oellermann

Und wie funktioniert das mit Luca?
Ich gehe ins Restaurant und checke mit Luca ein, ich melde private Treffen bei Luca an, im Taxi melde ich mich über den QR-Code von Luca an, ins Fanta-Konzert komme ich nur rein, wenn ich mich über Luca als negativ Getesteter ausweisen kann. Umgedreht wissen alle Bescheid, dass sie mit mir in Kontakt waren, wenn ich positiv getestet werde: Oma, Taxi, U-Bahn, Restaurant-Betreiber und Konzertveranstalter. Anschließend begebe ich mich in Quarantäne oder in die PCR-Nachtestung. Dann muss man keine hunderttausend Menschen in Quarantäne stecken und das Restaurant ist auch nicht gleich bankrott, aber es ist registriert als ein Ort, den ich aufgesucht habe.

Fahren Sie überhaupt U-Bahn und was fehlt Ihnen im Moment am meisten? Konzerte geben?
Ich fahre Taxi und vermisse es, live zu spielen, na klar! Mir fehlt aber auch das soziale Zusammensein überhaupt. Meine Kinder lieben das Home-Schooling, aber die möchten gerne mal wieder nonchalant ihren Freunden begegnen können. Konzerte wird es in der Form, wie wir sie als Fanta 4 gewohnt sind, erst mal eine Weile nicht geben, denke ich.

Sie werden trotz Luca nicht stattfinden können?

Selbst wenn Luca sich etablieren wird, wofür ich ja werbe, weil ich von der App überzeugt bin, werden Konzerte nur reduziert auf wenige Tausend Zuschauer machbar sein, wenn mehrere Hygiene-Kreise von vielleicht 500 Leuten in einer Halle geschaffen werden. Aber 10.000 Menschen sehe ich bei Konzerten in diesem Jahr nicht. Ich schätze, wir müssen lernen, immer wieder mit wellenartigen Pandemieschüben zu leben. Das Kontakt-Tracing wird in Zukunft das A und O sein. Wir müssen das Virus sichtbar machen. Wir sind ein von Flöhen befallener Hund, allerdings kann man die Flöhe mit der Lupe sehen. Das Virus hingegen ist unsichtbar. Um es zu verstehen, müssen wir es sichtbar machen. Luca kann das bewerkstelligen.

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Worin kanalisieren Sie Ihre Kreativität im Moment? Lernt ein Smudo im Moment kochen, wenn er schon keinen direkten Austausch mit seinen Fanta-Kollegen haben kann?
Natürlich befinde ich mich gerade in einer Art kreativem Zwangsurlaub, aber mit Hinblick auf Luca habe ich genug zu tun. Wir arbeiten auch an neuen Songs und ich sehe schon eine Flut an neuen Alben auf uns zukommen, wenn sich alles ein wenig normalisiert hat, und viele Gläser Martini Dry bei Konzerten, wenn alle wieder richtig abgehen können.

Das Interview führte Michael Loesl.

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