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So aufwendig ist der Kranken-Transport mit der Luftwaffe

Sechs Covid-Patienten aus Sachsen sind nach Köln gebracht worden. Was das für Mediziner und den Steuerzahler bedeutet: Eine Rekonstruktion.

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Kurz nach dem Mittag startet vergangenen Mittwoch der Airbus A310 MedEvac der Luftwaffe am Dresdner Flughafen nach Köln. An Bord: Sechs Corona-Intensivpatienten aus Sachsen.
Kurz nach dem Mittag startet vergangenen Mittwoch der Airbus A310 MedEvac der Luftwaffe am Dresdner Flughafen nach Köln. An Bord: Sechs Corona-Intensivpatienten aus Sachsen. ©  Robert Michael/dpa

Von Tobias Wolf und Alexander Holecek*

Es waren verstörende Bilder. Erstmals hat ein Militärflugzeug der Luftwaffe vergangenen Mittwoch Corona-Patienten aus dem überlasteten Freistaat nach Nordrhein-Westfalen ausgeflogen. Damit beim Impfschlusslicht Sachsen nicht das Gesundheitssystem zusammenbricht.

Im vergangenen Jahr gab es ähnliche Bilder. Nur da brachten Luftwaffe und Charter-Flieger noch Patienten von Italien und Frankreich nach Deutschland. Dahinter steckt eine ausgeklügelte Logistik in drei Akten, die die Steuer- und Beitragszahler teuer zu stehen kommt.

Dresden

Die Vorbereitung für den Transfer beginnt zwei Tage vor Abflug. Sachsens Landeskoordinator Sebastian Stehr hat die Lage im Freistaat im Blick. Der Medizinprofessor ist Chef der Intensivstation am Uni-Klinikum Leipzig. Sachsen ist in drei Cluster oder Ballungsräume aufgeteilt: Dresden, Chemnitz Leipzig und die Regionen ringsum.

Sind die Intensivstationen in einem Cluster am Limit, verlegt man in einen der anderen, ist da kein Platz, in die Nachbarbundesländer im Kleeblatt Ost. Aber dort gibt es seit zwei Wochen keine Kapazitäten mehr.

Sachsen muss Patienten auf weiter entfernte Bundesländer verteilen, will es die Lage unter Kontrolle halten. „Es kommen nur ganz wenige infrage“, sagt Stehr. Patienten, die einen schweren Verlauf haben, beatmet werden, nicht zu alt sind. In Ostsachsen beginnt die Suche.

Am Uni-Klinikum Dresden (UKD) sind Peter Spieth und seine Corona-Intensivstation dafür zuständig. Ein Oberarzt checkt Patienten und Befunde. Dazu kommt: „Bei einem Intensivpatienten können schnell zehn bis zwölf verschiedene Medikamente zusammenkommen, die kontinuierlich gegeben werden müssen“, sagt Spieth. Die Angehörigen müssen zustimmen. Das alles kostet Zeit.

„Der individuelle Nutzen für den zu verlegenden Patienten ist überschaubar, weil er bereits ein Intensivbett bei uns hat.“ Zwar herrscht Besuchsverbot, aber es mache für viele einen Unterschied, ob der Patient in der Nähe ist oder hunderte Kilometer entfernt. „Aber der Nutzen für die Gesellschaft ist groß, das muss man den Angehörigen hoch anrechnen.“

Sebastian Stehr ist Intensivmediziner am Uni-Klinikum Leipzig und Sachsens Landeskoordinator für die Kleeblatt-Verlegungen.
Sebastian Stehr ist Intensivmediziner am Uni-Klinikum Leipzig und Sachsens Landeskoordinator für die Kleeblatt-Verlegungen. © Tobias Wolf

Vier UKD-Patienten seien infrage gekommen. Bei einer Frau habe sich der Zustand verschlechtert, bei einem Mann wurde die Zustimmung verweigert. Zwei Patienten sollen mit dem Airbus A310-MedEvac der Luftwaffe nach Köln gebracht werden, aus dem Krankenhaus Dresden-Neustadt zwei, aus Pirna und Meißen je einer.

Andere fahren für Sachsen Operationen herunter

Peter Spieth ist froh, dass es mit dem Bundes-Kleeblatt-Prinzip ein solidarisches Konzept gibt. Es sei nicht so, dass Kliniken, die hiesige Patienten aufnehmen, nichts zu tun hätten. „Die fahren die Zahl anderer Operationen herunter, um unsere Intensivstationen zu entlasten“, sagt Spieth. „Die Kollegen wissen nicht, ob die vierte Welle vielleicht nicht auch noch zu ihnen herüberschwappt.“

In einer weniger solidarischen Welt, so Spieth, hieße es vielleicht: „Wenn die Sachsen sich nicht impfen lassen, können die sehen, wie sie klarkommen.“ Prävention sei immer besser. „Gerade, wenn es mit der Impfung eine so einfache Prävention gegen eine potenziell tödliche Erkrankung und schwere Krankheitsverläufe gibt.“

Peter Spieth ist Medizinprofessor und leitet die Covid-Intensivstation am Uni-Klinikum Dresden.
Peter Spieth ist Medizinprofessor und leitet die Covid-Intensivstation am Uni-Klinikum Dresden. © Ronald Bonß

Spiehts Leipziger Kollege Stehr sagt angesichts der aktuellen Lage: „Jeder Sachse, der sich impfen lässt, hilft dabei, das Problem zu bekämpfen.“

Stehen die Patienten für den Transport fest und stimmt die Familie zu, prüft eine Fachgruppe am Robert-Koch Institut im Sechs-Augen-Prinzip, ob ein Lufttransport infrage kommt. Dann muss ein Zielkrankenhaus gefunden, Gespräche mit den Ärzten dort geführt werden.

Die Rettungsleitstelle Dresden organisiert den Transport mit der Luftwaffe, danach stimmen sich UKD-Ärzte mit Kollegen von der Bundeswehr ab. Einige Stunden kommen so zusammen.

Am Tag der Verlegung wird der Patient ein letztes Mal auf Flugtauglichkeit gecheckt. Eine Behandlungs-Dokumentation mit allen Befunden und ein Arztbrief für das aufnehmende Krankenhaus werden erstellt. Zeitaufwand: drei Stunden. Noch einmal 30 Minuten dauert es, den Patienten für den Intensiv-Transport vorzubereiten.

Mit Intensiv-Transportwagen und speziellen Rettungswagen bringen Ärzte die Corona-Patienten zum Flughafen. Vom Uni-Klinikum Dresden aus dauert das rund eine halbe Stunde.
Mit Intensiv-Transportwagen und speziellen Rettungswagen bringen Ärzte die Corona-Patienten zum Flughafen. Vom Uni-Klinikum Dresden aus dauert das rund eine halbe Stunde. © Robert Michael/dpa

Der komplette Behandlungsplatz muss mit. Mindestens vier Pflegerinnen und ein Arzt lagern den Patienten vom Krankenbett auf die Transportliege um, Kabel und Schläuche werden abgeklemmt und an akkubetriebene Beatmungs- und Überwachungsgeräte und mobile Spritzen und Sauerstoffflaschen angeschlossen. „Dabei dürfen keine Fehler passieren“, sagt Peter Spieht.

9.000 Euro bis zur Flugzeugtür

Kreislaufunterstützende Medikamente müssten durchgängig gegeben werden, künstliche Ernährung nicht. Alles ist so berechnet, dass es bis zum Flugzeug reicht. 30 Minuten braucht der Intensiv-Transportwagen bis zum Flughafen. Statt dem Notarzt fährt ein Stationsmediziner mit, das spart eine fachliche Übergabe des Patienten.

Sechs Mal muss die Prozedur in vier Krankenhäusern gleichzeitig gelingen, allein das ist ein Kunststück, denn die Krankenwagen sollen gleichzeitig ankommen.

Die Kosten für Auswahl, Vorbereitung, Ärzte, Pfleger und Sanitäter plus Intensiv-Krankenwagen-Transport summieren sich pro Patient auf mindestens 1.500 Euro. Für alle sechs, die an Bord gehen sollen sind das 9.000 Euro – nur bis zur Flugzeugtür.

Die fliegende Intensivstation

Am Morgen des 1. Dezember hebt der Luftwaffen-Airbus A310-MedEvac am Flughafen Köln/Bonn ab und landet gegen zehn Uhr in Dresden. Eigentlich ist die Maschine Teil der militärischen Rettungskette, in der sichergestellt werden muss, dass die Luftwaffe jederzeit Verwundete aus Auslandseinsätzen wie in Mali oder dem Libanon zurückholen kann.

Ein ähnlicher Airbus A310 der Luftwaffe MedEvac war zuletzt Teil der militärischen Evakuierungsmission der Bundeswehr in Afghanistan und flog die Strecke Deutschland Usbekistan. Als Zubringer aus Kabul fungierte ein gepanzerter Airbus A400M mit Bordbewaffnung.