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Corona: Wie es Deutschlands „Patient 1“ heute geht

Ein Mitarbeiter von Webasto war der erste Infizierte in Deutschland. Ein Jahr danach gehört der Autozulieferer zu den Krisengewinnern. Und „Patient 1“?

Hier fing alles an: Die Webasto-Zentrale in Gauting.
Hier fing alles an: Die Webasto-Zentrale in Gauting. © dpa/Lino Mirgeler

Von Lars von Törne

Es fing an mit Halsschmerzen, Schüttelfrost und Gliederschmerzen. Darunter leidet der 33-jährige Mitarbeiter des international vernetzten deutschen Autozulieferers Webasto, nachdem er vom 20. bis 22. Januar 2020 an Geschäftstreffen mit einer chinesischen Kollegin teilgenommen hat. Deren Eltern leben in der Metropole Wuhan, die vom Coronavirus besonders betroffen ist. Die Mitarbeiterin ist mit dem Erreger Sars-CoV-2 infiziert, wie sich später herausstellte. Die Frau selbst ist allerdings während ihres Besuchs bei Webasto in Bayern – die Konzernzentrale befindet sich im Ortsteil Stockdorf der oberbayerischen Gemeinde Gauting bei München – noch weitgehend symptomfrei.

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Erst auf dem Rückflug nach Schanghai, wo sie zu Hause ist, wird sie stärker krank. Am 25. Januar 2020 bekommt dann der erkrankte Kollege in Bayern 39,1 Grad Fieber und starken Husten. Zwei Tage später geht es ihm jedoch besser, er kehrt zur Arbeit zurück. Kurz darauf kommt die Nachricht, dass die chinesische Kollegin positiv auf das Virus getestet wurde.

"Nie an solche Dimensionen gedacht"

Am 27. Januar wird auch „Patient eins“ in München positiv auf Sars-CoV-2 getestet, in den folgenden Tagen weitere Webasto-Mitarbeiter. Kurz darauf wird die Konzernzentrale für zwei Wochen geschlossen, was die Ausbreitung des Virus im Unternehmen effektiv stoppt. Alle gut 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden ins Homeoffice geschickt – wo viele auch heute, ein Jahr später, noch arbeiten. Das Coronavirus war offiziell in Deutschland angekommen.

„Als wir bei Webasto als erstes Unternehmen in Deutschland vor genau zwölf Monaten mit dem neuartigen Virus konfrontiert waren, hätte ich nie gedacht, welche Dimensionen das Infektionsgeschehen weltweit annehmen würde“, sagt Holger Engelmann, Vorstandsvorsitzender von Webasto heute, ein Jahr danach.

Zwar sei es in seinem Unternehmen „nach dem ersten Schock gelungen, mit beherzten Entscheidungen, konsequenten Maßnahmen und der Unterstützung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Infektionskette zu unterbrechen“. Doch wie umfassend die Corona-Pandemie das gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Leben jedes Einzelnen einschränken würde, sei damals noch nicht zu ahnen gewesen.

Webasto-Chef Holger Engelmann (l.) gibt vor einem Jahr im Foyer des Standorts ein Pressestatement.
Webasto-Chef Holger Engelmann (l.) gibt vor einem Jahr im Foyer des Standorts ein Pressestatement. © dpa/Peter Kneffel

Deutschlands „Patient eins“ musste damals18 Tage isoliert in Quarantäne in der Münchner Klinik Schwabing verbringen, Mitte Februar 2020 kann der Mann, der anonym bleiben will, wieder nach Hause zurückkehren. Drei Dinge hat er als Erstes getan, nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wurde. So erzählt es der Webasto-Mitarbeiter hinterher seinen Kollegen: „Meine Familie begrüßt, eine Pizza bestellt und eine Waschmaschine angestellt.“ Und dann habe er sich erst mal auf die Couch gesetzt. Anfangs darf er wegen Auflagen des Gesundheitsamtes nicht gleich wieder arbeiten. Kurze Zeit später wird auch diese Maßnahme wieder aufgehoben.

Immer wieder positive Mitarbeiter bei Webasto

„Corona bestimmt unseren Alltag, und auch bei Webasto gab es in den letzten Monaten leider immer wieder positiv getestete Kolleginnen und Kollegen“, sagt Konzernchef Engelmann. Das betreffe vor allem Niederlassungen in Europa und den USA. Webasto hat weltweit mehr als 50 Standorte und produziert Schiebe- und Panoramadächer, Cabrioverdecke und Standheizungen. Kurz vor dem Ausbruch der globalen Pandemie, im Herbst 2019, war der zehnte Produktionsstandort des Familienunternehmens in Wuhan von Bundeskanzlerin Angela Merkel eröffnet worden.

China ist der wichtigste Einzelmarkt des Unternehmens, inzwischen hat es dort elf Werke, von denen zwei in der Provinz Hubei liegen, die am stärksten von dem Virus betroffen war. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben insgesamt rund 14.000 Beschäftigte. „Soweit wir wissen, stecken sich die Mitarbeiter mehrheitlich im privaten Umfeld an“, sagt Engelmann. Bis heute habe man das Infektionsgeschehen im Unternehmen sehr gut im Griff. Mit dem Einverständnis der Infizierten gebe das Unternehmen deren Namen intern bekannt, um schnell weitere mögliche Kontakte zu identifizieren.

Zudem gebe es strenge Reiseeinschränkungen und Hygienekonzepte an allen Standorten. „Das können zum Beispiel Temperaturmessung in der Produktion oder großzügige Homeoffice-Regelungen für Büroarbeitnehmer sein.“

Der Umsatz brach ein, erholte sich aber wieder

In wirtschaftlicher Hinsicht ist Webasto offenbar besser durch das Jahr gekommen als zunächst erwartet. „Die Nachfrage hat im zweiten Halbjahr wieder angezogen“, sagte eine Unternehmenssprecherin dem Tagesspiegel am Dienstag. So habe das Unternehmen den Umsatzeinbruch aus den ersten sechs Monaten 2020 etwas abfedern können. „Es lag die Priorität darauf, den Betrieb bestmöglich mit den reduzierten Ressourcen aufrecht zu erhalten, Lieferketten sicherzustellen und Kundenprojekte entsprechend zu priorisieren.“

Zwar seien die Zahlen des Geschäftsjahres noch nicht final abgeschlossen. Aber derzeit gehe man von einem Umsatzverlust von rund elf Prozent aus. „Corona war wie in der ganzen Branche das bestimmende Thema im Jahr 2020 und hatte erhebliche Auswirkungen auf unser Geschäft.“ Die auch bei Webasto lange praktizierte Kurzarbeit gebe es allerdings seit Beginn des Jahres 2021 nicht mehr.

Chinesischer Markt hat sich schnell erholt

Vor allem der chinesische Markt habe sich 2020 sehr schnell erholt, sagt die Unternehmenssprecherin. „Im Dezember hat Webasto dort den stärksten Umsatz jemals eingefahren, und auch in 2021 verzeichnen wir bisher eine stabile Nachfrage.“ Die Webasto-Werke liefen dort regulär ohne Einschränkungen.

Zum Jahrestag wirbt der Webasto-Chef dafür, die strengen staatlichen Schutzmaßnahmen zu akzeptieren, auch wenn sie eine große Herausforderung darstellten. „Testen, Nachverfolgen und Kontakte einschränken – das finde ich richtig und wichtig, denn das Virus ist lebensbedrohend“, sagt Holger Engelmann. „Schutzmaßnahmen verunsichern nicht, ganz im Gegenteil: Sie geben uns Sicherheit.“

Webasto-Chef steht nicht hinter jeder politischen Entscheidung

Auch wenn er nicht hinter jeder politischen Entscheidung in der Corona-Krise stehe, habe er „kein Verständnis für diejenigen, die alle Maßnahmen hinterfragen und entsprechende Vorgaben nicht einhalten“. Die Pandemie könne man nur „mit Konsequenz, Rücksicht und Solidarität“ in den Griff bekommen. Bis es einen breiten Impfschutz der Bevölkerung gebe, gehöre dazu auch, dass jeder seinen Beitrag an der Kontaktnachverfolgung leistet.

„Ich würde mir daher wünschen, dass mehr Menschen die Corona-Warn-App verwenden“, sagt Engelmann. „Ich werde mich impfen lassen, sobald ich kann, um mich und andere zu schützen.“ Zudem will er alle seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bitten, dies ebenfalls zu tun.

Bei Webasto spricht man lieber über Erfolg

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Ansonsten möchte man bei Webasto lieber über positive wirtschaftliche Aspekte sprechen. Die jüngste Pressemeldung des Unternehmens, zwei Tage vor dem Jahrestag des offiziellen Pandemie-Beginns in Deutschland veröffentlicht, handelt von einer Untersuchung des Top Employers Institute, einer nach eigenen Angaben „weltweiten Autorität für die Zertifizierung von herausragenden Mitarbeiterbedingungen“. Bei der jüngsten Erhebung des Instituts wurde Webasto als „Top Employer Germany 2021“ gekürt, auch für China und Rumänien bekam das Unternehmen die Auszeichnung. Das Coronavirus wird in der Mitteilung mit keinem Wort erwähnt.

Und „Patient eins“? „Ihm geht es gut“, sagt die Unternehmenssprecherin. „Er ist nach wie vor bei Webasto beschäftigt und leidet glücklicherweise an keinerlei Spätfolgen.“

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