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"Entscheidend ist, wie gut eine Maske sitzt"

Nach fast 30 Jahren am Dresdner Uniklinikum geht der Chef-Hygieniker Prof. Lutz Jatzwauk in Ruhestand - und wirbt für mehr Aufklärung zu Mund-Nasen-Masken.

Mit einer umfunktionierten Zahnarzt-Lehrpuppe testet Prof. Lutz Jatzwauck Sitz und Sicherheit verschiedenster Atemschutzmasken - und kommt zu einem Schluss.
Mit einer umfunktionierten Zahnarzt-Lehrpuppe testet Prof. Lutz Jatzwauck Sitz und Sicherheit verschiedenster Atemschutzmasken - und kommt zu einem Schluss. © Marion Doering

Dresden. Eine Maske nach der anderen zieht Professor Lutz Jatzwauk aus seiner Aktentasche. OP-Modelle, FFP2-Exemplare und endlich die eine, die ihn wirklich überzeugt.

"Solche gibt es leider gar nicht mehr, aber die sitzen", sagt der scheidende Direktor des Zentralbereiches Hygiene und Umweltschutz am Uniklinikum Dresden.

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An Mund-Nasen-Bedeckungen hat er begründete Anforderungen. Nur weil drei Großbuchstaben und eine Ziffer drauf stehen, hält er sie noch lange nicht für sinnvoll. Darüber kann er leidenschaftlich diskutieren.

Es sind seine letzten Stunden im Büro, Haus 12, zweite Etage. Hier, zwischen Holzfronten und mit Blick aus dem Fenster auf die Hauptschlagader des Unigeländes, hat er fast 30 Jahre verbracht.

Im Dezember übergab der 65-Jährige die Leitung des Infektionsschutzes und alle weiteren dazu gehörenden Aufgaben an seinen Nachfolger, Professor Florian Gunzer.

"Ich wollte eigentlich nicht an der Uniklinik bleiben"

Was nicht heißt, dass Jatzwauks öffentliche Stimme nun verstummt. Zum Thema seines Berufslebens hat er weiterhin viel zu sagen. Als Berater wird der studierte Mikrobiologe und erfahrene Hygieniker weiterhin tätig sein.

Corona rückt die immer schon wichtige Frage danach, wie schädigende oder gar tödliche Keime von den Menschen ferngehalten werden können, noch einmal mehr in den Vordergrund. Zahlreiche Untersuchungen hat Lutz Jatzwauk dazu und zu vielen anderen gefährlichen Mikroorganismen angestellt, seit er im Februar 1992 an die damalige Medizinische Akademie, kurz MedAk, in Dresden kam.

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

"Ich wollte hier eigentlich nicht bleiben", sagt er. Die Uniklinik erschien ihm zu groß, zu unpersönlich, zu "pomadig". Kleinere Umfelder waren ihm lieber. In Greifswald hatte er studiert und danach in Bautzen, seiner Heimatstadt, am damaligen Staatlichen Hygieneinstitut der DDR gearbeitet.

"Rund 500 Stuhlproben am Tag musste ich auswerten. Da wusste ich am Abend nicht mehr, ob ich nach Desinfektion oder Ausscheidungen rieche", erzählt er lachend.

Wie die Flut Patientenleben bedrohte

Ursprünglich sollte er nach dem Studium ein neues Werk zur Herstellung von Antibiotika leiten. Doch die Produktion startete nie. So landete er im besagten Labor - bis man ihn mit der Leitung der Abteilung Hygiene am Krankenhaus Bautzen betreute.

Die Wende spülte Lutz Jatzwauk schließlich nach Dresden auf eine unbefristete und gut bezahlte Stelle, die einerseits für sich sprach. Trotzdem wünschte er sich möglichst bald wieder an ein überschaubareres Klinikum zurück.

Doch es kam anders: "Ich habe an der Uniklinik so viele begeisterte, fantastische, kompetente, neugierige und engagierte Mitarbeiter kennengelernt, dass ich geblieben bin."

Entscheidende Entwicklungen erlebte Professor Jatzwauk fortan mit. "Eine großartige Sache war 1993 die Gründung des damals neuen OP-Traktes im Haus 58 mit der ersten zentralen Sterilisierungsstation in ganz Sachsen." Bis dahin habe jede OP-Schwester ihr Besteck selbst sterilisiert.

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

Parallel entstand ein Labor, in dem die tatsächliche Keimfreiheit geprüft werden konnte. Das Abtöten von Krankheitserregern wirklich beweisen zu können, galt als Meilenstein für die gesetzliche Verankerung hygienischer Maßstäbe. Prof. Jatzwauk zählt ihn zu den Highlights seiner Zeit als Krankenhaushygieniker.

Die Flut 2002 gehört auch dazu, als nie dagewesene Herausforderung. "Wir konnten Leukämiepatienten, die in keimfreien Räumen untergebracht sein müssen, nicht transportieren und in Sicherheit bringen", erinnert er sich.

Doch die Angst vor Verschmutzung des Trinkwassers war immens, weil das Hochwasser Kläranlagen überlaufen ließ. Fieberhaft analysierte der Professor mit seinem Team Wasserproben, um die Kranken vor Keimen zu schützen.

"Corona hätte ruhig meine Rentenzeit abwarten können", sagt Jatzwauk. Doch das Virus griff um sich, und obwohl Experten lange mit dem Ausbruch einer Pandemie gerechnet hatten, brachte sie den Katastrophenfall mit sich.

"Ich hätte nie gedacht, dass es im Kapitalismus eine solche Mangelwirtschaft an Masken, Gummihandschuhen, Kitteln und Desinfektionsmittel geben könnte", sagt er noch immer fassungslos. Das sei die negative Erfahrung, aus der hoffentlich gelernt werde.

"Ich bin ein großer Freund textiler Masken"

Gut in Erinnerung bleibt Lutz Jatzwauk das Engagement vieler Institutionen und Einrichtungen, vor allem aus der Kultur, die um Beratung baten. Er habe sie zu jeder Mühe bereit erlebt, Hygienemaßnahmen zu etablieren, um endlich wieder vor Publikum spielen zu können.

Dazu kam es nur kurzfristig. Nach wie vor sind die Theater und Konzerthäuser geschlossen und kein Ende ist in Sicht. "Erst wenn rund 80 Prozent der Bevölkerung Antikörper hat, können wir aufatmen", sagt Jatzwauk. Die neuen mutierten Formen jedoch rücken das Ziel in unbestimmte Ferne.

Während Jatzwauk erzählt, verteilt er die leicht zerknautschten Mundschutzmodelle auf seinem Schreibtisch. Die Masken sollen es nun richten, verkündet die Politik. Daran hat der Professor seine Zweifel.

"Das A und O an jeder Maske ist, dass sie gut sitzt!" Wie schlecht die meisten darin sind, könnten Raucher ganz leicht testen: Kräftig an der Zigarette ziehen, Maske auf, ausatmen. Der Qualm werde an allen Seiten ungebremst hervorquillen, meint Jatzwauk.

Sehnsucht nach der Stille eines Lesesaals

"Ich bin einer großer Freund textiler Masken", sagt Lutz Jatzwauk. Neben der Hygiene war er auch für den Umweltschutz am Klinikum zuständig. In die Entwicklung noch besserer Mehrwegmasken, die gut geschnitten sind, sollte man seiner Meinung nach alle Forschungskraft stecken. Bei 60 Grad gewaschen seien sie eine gute Lösung ohne zusätzlich Müll zu produzieren.

Grundsätzlich gehört der Atemschutz für den Fachmann in Profihände. "Den Menschen muss erklärt werden, wie, wann und wie lange sie ihre Maske tragen sollen, damit sie wirkt."

Vor allem aber brächten alle Hygieneregeln nur etwas, wenn die Leute auf der Straße und in den Büros, ebenso wie die Mitarbeiter der Kliniken und Praxen freiwillig mitziehen. Professor Lutz Jatzwauk wird weiter dafür arbeiten. Krankenhäuser, die seine Expertise verlangen, gibt es genug.

Bei aller Begeisterung für sein Fach soll aber auch Zeit für Ruhestand sein - für seine Frau, mit der er seit 45 Jahren verheiratet ist, für seine drei erwachsenen Kinder, die fünf Enkel und seine Leidenschaft Lesen. Am liebsten in der Stille eines Bibliothekssaals.

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