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„Lockdown produziert die Kranken der Zukunft“

Der Sportwissenschaftler Ingo Froböse warnt vor dramatischen Folgen der Corona-Einschränkungen für die Gesundheit. Was er fordert. Ein Gespräch.

Ingo Froböse ist Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule Köln und Experte für Präventions- und Rehabilitationswissenschaften.
Ingo Froböse ist Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule Köln und Experte für Präventions- und Rehabilitationswissenschaften. © dpa/Marius Becker

Früher war Ingo Froböse selbst mal Spitzensportler und gewann bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften 1981 über 100 Meter die Silbermedaille. Jetzt ist der inzwischen 63-Jährige Professor für Prävention und Rehabilitation und leitet das wissenschaftliche Zentrum für Gesundheit durch Sport an der Deutschen Sporthochschule Köln. Im Interview mit der Sächsischen Zeitung spricht Froböse über die gesundheitlichen Konsequenzen des Corona-Lockdowns, der auch das gemeinschaftliche Sporttreiben verbietet.

Herr Professor Froböse, der Corona-Lockdown dauert immer länger und wird weiter verschärft. Sporttreiben ist in der Diskussion derzeit eher negativ besetzt und wird immer schwieriger. Wie ist Ihre Meinung als Gesundheits- und Präventions-Experte dazu?

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Ich finde es dramatisch, was gerade passiert. Im vergangenen Jahr waren es schon drei Monate, in denen Sport und Bewegung weitgehend eingeschränkt wurden. Jetzt sind es seit dem 2. November schon wieder bald vier Monate, und ein Ende ist nicht abzusehen. Wir produzieren die Kranken der Zukunft und provozieren Entwicklungsdefizite bei Kindern.

Sind die Einschränkungen aus Gründen des Infektionsschutzes nicht gerechtfertigt?

Solange wir nicht genau wissen, wo die Erkrankungen genau herkommen, können wir auch nicht pauschal ganze Bereiche schließen. Jeder weiß, dass körperliche Aktivitäten gut für das Immunsystem sind. Warum ist es nicht möglich, Tennis in der Halle ohne jeden Körperkontakt zu spielen, wenn nur jeder zweite Platz besetzt und Duschen geschlossen werden? Warum kann man im Fußball nicht Trainingsformen ohne Körperkontakt nutzen, um Technik und Taktik zu schulen? Warum darf Reiten nicht stattfinden? Individuelles Sporttreiben wie Joggen oder mit Abstand Fahrradfahren ist doch komplett möglich. Auch die Fitnessstudios haben ihre Hausaufgaben in Sachen Infektionsschutz gemacht. Die Gefahr entsteht nicht in erster Linie beim Sporttreiben, sondern bei den Wegen zum Sport. Es ist doch viel gefährlicher, wenn viele Personen dicht an dicht im Bus oder in der U-Bahn stehen, als wenn sie unter Beachtung aller Abstandsregeln Sport treiben.

Welche Folgen erwarten Sie durch das Sportverbot?

Ich habe dazu schon mehrere Gutachten geschrieben. Wir produzieren damit vulnerable Gruppen. Es gibt zum Beispiel Untersuchungen zum Gewichtszuwachs in der Pandemie: In Berlin sind es durchschnittlich drei bis vier Kilogramm pro Person. Mindestens genauso dramatisch ist der Verlust motorischer Entwicklungsschritte bei Kindern. Für Wachstumsprozesse und die Entwicklung bestimmter kognitiver Fähigkeiten braucht es Bewegung. Um zum Beispiel das Knochenwachstum anzuregen, müssen Kinder springen und hüpfen. Aber die Schulen sind geschlossen, und selbst, als sie noch geöffnet waren, gab es weitestgehend keinen Sportunterricht. Da wurden pauschal mit dem Rasenmäher Maßnahmen erlassen, ohne nachzudenken. Dabei bleiben die Kinder genauso auf der Strecke wie zum Beispiel rund 800.000 geistig Behinderte in Deutschland, die körperliche Bewegung brauchen, um ihre Emotionen auszuleben.

Spielplätze geschlossen, Vereinssport verboten – die Corona-Maßnahmen schränken das Bewegungsangebot massiv ein. Zu pauschal sei das, lautet die Kritik.
Spielplätze geschlossen, Vereinssport verboten – die Corona-Maßnahmen schränken das Bewegungsangebot massiv ein. Zu pauschal sei das, lautet die Kritik. © dpa/Robert Michael

Wie schätzen Sie die psychischen Folgen ein?

Die psychosozialen und vegetativen Folgen sind gewaltig. Sport ist eines der wichtigsten Stressventile. Wenn Sport nicht stattfinden kann, wird der Stress nicht abgebaut. Das führt zum Beispiel zu mehr Aggressionen in Familien.

Wenn der Sport für die soziale Stabilität und auch die Immunabwehr so wichtig ist, warum spielt dieser Aspekt in der öffentlichen Diskussion derzeit offensichtlich gar keine Rolle?

Momentan wird alles von einer kleinen Gruppe von Virologen und Intensivmedizinern dominiert. Der Deutsche Olympische Sportbund spielt in der Diskussion dagegen keine Rolle genau wie wir Experten für Sport und Prävention. Das ist ein Skandal! Aber man braucht sich darüber nicht zu wundern: Politiker wie Olaf Scholz, Peter Altmaier oder Karl Lauterbach haben keinen richtigen Bezug zum Sport.

Der Profisport wie die Fußball-Bundesliga aber darf stattfinden. Richtig so?

Das läuft nach der Strategie Brot und Spiele. Schauen dürft ihr, aber nicht selbst spielen. Dabei ist doch zum Beispiel die derzeit laufende Handball-WM mit all den ganzen Corona-Fällen eine echte Farce. Über die Wertigkeit des Sports für die Gesundheit spricht momentan niemand. Dabei ist Prävention durch Sport die einzige Chance, um die galoppierenden Kosten des Gesundheitssystems in den Griff zu bekommen. Man könnte in der derzeitigen Lage auch sehr gut darüber aufklären, wie man mit einer gesunden Ernährung das Immunsystem unterstützen kann. Stattdessen wird die Impfung zum einzigen Ausweg aus der Pandemie hochstilisiert. Immer unter dem Motto: Du wirst dick, dumm und gefräßig, aber musst nichts tun. Ich werde mich auch impfen lassen, aber Medikamentierung kann nicht die einzige Lösung sein.

Haben Sie schon einmal eine solche sportfeindliche Phase erlebt?

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Noch nie. Wir sind momentan nur noch ein Land der Wirtschaft. Das Ehrenamt bleibt auf der Strecke. Die Vereine verlieren viele Erwachsene und Kinder. Und die werden nicht mehr zurückkommen, weil sie andere Optionen in der Online-Welt gefunden haben. Die Sportstätten verlieren ihre Wertigkeit, weil sie als angebliche Krankheitsfortschreiber zu Unrecht negativ stigmatisiert werden und somit die Relevanz verlieren. Das wird auch in Sachen Finanzierung künftig schwierig, weil Sportstätten in der Wertigkeit der Politik und der Kommunen nach hinten gerückt sind. Das alles ist kontraproduktiv für unsere Zukunft.

Das Interview führte Lars Becker.

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