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Markt-Absagen bremsen Dresdner Seifen-Startup aus

Im Advent erhoffte sich das junge Team von Nicama den Umsatz des Jahres. Dank unerwarteter Hilfe und neuer Ideen haben die Neustädter nun wieder Mut gefasst.

Von Henry Berndt
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Volle Lager, volle Kraft voraus: Zeno Kakuschke, Luca Hillesheim und Leander Hoyer (v.l.) von Nicama.
Volle Lager, volle Kraft voraus: Zeno Kakuschke, Luca Hillesheim und Leander Hoyer (v.l.) von Nicama. © Sven Ellger

Dresden. Der zitronige Duft zieht direkt in die Nase. Doch die Bewohner haben hier nicht etwa den Raumerfrischer auf höchster Stufe laufen. Für den Duft sorgt vielmehr das Lemongras-Shampoo, das sich in Form von festen Stücken im Lager stapelt. "Wir selbst riechen das gar nicht mehr", sagt Zeno Kakuschke, einer der vier Gründer von Nicama, einem Dresdner Start-up für Naturkosmetik und Bienenwachstücher.

Ihre Heimstätte haben sie in einer früheren Bäckerei in der Neustadt gefunden. Der reichlich mit Graffiti verzierte Eckladen an der Fritz-Hoffmann-Straße ist ihr Büro und ihre Produktionsstätte - derzeit aber vor allem auch ihr Lager. Überall stapeln sich die Kartons, selbst in den Fluren ist kaum ein Durchkommen. Das Team hat im Sommer reichlich vorproduziert, um jetzt im Advent auf den Weihnachtsmärkten in Dresden und Leipzig den wichtigsten Umsatz des Jahres zu machen.

Mit Seife aus Kaffeesatz wollen die Nicama-Gründer den Upcycling-Trend vorantreiben.
Mit Seife aus Kaffeesatz wollen die Nicama-Gründer den Upcycling-Trend vorantreiben. © Sven Ellger

"Die kurzfristige Absage war für uns als junges Unternehmen ein schwerer Schlag", sagt Zeno. "Ohne große Rücklagen bringt einen das schnell in Schieflage, auch wenn unsere Waren zum Glück nicht verderblich sind." Zwar laufe der Verkauf online weiter und auch auf der Prager Straße durfte das Team mit großzügiger Unterstützung von Globetrotter einen Stand aufbauen. Ab und zu werden die Jungunternehmer auch direkt in der Neustadt besucht, weil jemand glaubt, hier noch Brötchen kaufen zu können. "Dann nehme ich eben eine Seife mit", sagt sich dann mancher. Ein ausgefallener Weihnachtsmarkt lasse sich aber auch dadurch nicht ausgleichen.

Schließlich sind die Produkte der Dresdner ziemlich ideale Weihnachtsgeschenke - gerade bekannt genug, um etwas damit anfangen zu können, aber gleichzeitig immer noch spannend genug, um als Überraschung zu taugen.

Die GmbH hinter Nicama heißt bislang Apinima, aber als Marke soll sich langfristig Nicama durchsetzen, das einfach besser über die Lippen kommt. Zum Gründerteam gehören neben Zeno noch Luca und Jannis Hillesheim sowie Leander Hoyer. Als Studenten lernten sich die vier über einen soziokulturellen Verein kennen und starteten ihr Seifen-Business zunächst als Hobbyprojekt nebenbei. Immerhin drei von ihnen haben einen wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund. Das half schon mal beim Start.

Es könnte so schön sein

Seit 2020 ging es für Nicama steil bergauf. Inzwischen sind sie sieben Leute und mir ihren Waren bei rund 100 Einzelhändlern in ganz Deutschland gelistet, darunter drei große Lebensmittelmärkte in Dresden. Produziert wird inzwischen teilweise an anderen Orten in der Region, aber auch die Kapazitäten für Büroarbeit und Lager in der Neustadt sind an ihre Grenzen gekommen.

"So dürfte es gern weitergehen", sagt Zeno und lacht. Etliche neue Produkte und Duftsorten seien gerade in der Entwicklung. Es könnte alles so schön sein, wäre da nicht die Sache mit den Weihnachtsmärkten. Im vergangenen Jahr hatte das Team noch aus Vorsicht vor möglichen Corona-bedingten Einschränkungen von sich aus auf eine Teilnahme verzichtet. "Dieses Jahr wurde uns aber von allen Seiten immer wieder bestätigt, dass die Märkte auf jeden Fall stattfinden würden."

Als dann Ende November alles fertig aufgebaut und eingerichtet war, kam die Absage. "Unsere Motivation war mit einem Schlag komplett im Keller", erinnert sich Zeno. Nur langsam habe man in den Tagen und Wochen danach wieder den Mut gewonnen, weiter vorwärts zu denken. Dabei geholfen hätten die viele positiven Reaktionen der Kunden und Initiativen wie die Facebookseite "Sächsischer Weihnachtsmarkt", wo Händler ihre Waren anbieten können.

Produkte müssen erklärt werden

Die besondere Herausforderung für die Dresdner Unternehmensgründer: Produkte wie Bienenwachstücher und festes Shampoo sind keine Selbstläufer, sondern müssen erklärt werden. Gerade deswegen ist der direkte Draht zum potenziellen Kunden so wichtig.

Bislang wüssten eben noch zu wenige Menschen, dass man Shampoo nicht unbedingt in Plastikflaschen kaufen muss. "Das verursacht unnötigen Verpackungsmüll", sagt Zeno in überzeugendem Verkäufer-Sprech. Außerdem seien in den Flaschen 75 Prozent Wasser enthalten, die jedes Mal mittransportiert werden müssten.

Ihr festes Shampoo in Stückform als nachhaltige Alternative ist eines der wichtigsten Produkte im Sortiment. Derzeit sind vier Varianten im Angebot: Rosmarin, Lavendel, Lemongras und Natur. Vier weitere sollen bald dazukommen.

Ein recht neues Themenfeld mit viel Potenzial ist das sogenannte Upcycling. Bereits im Angebot sind Seifen aus Orangenschalen und Kaffeesatz. Die ersten Rohstoffe dafür wurden in Dresdner Cafés eingesammelt und selbst getrocknet. "In den Seifen ist das Koffein noch drin", wirbt Zeno für die Idee. Außerdem gebe einen tollen Peelingeffekt. Warum sollte man Kaffee also künftig nur trinken?